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Ticken im Tresor

Uhren für Sammler: Das Geschäft mit teuren Zeitmessern, die einen Wertzuwachs erhoffen lassen, wächst. Selbst branchenfremde Unternehmen wollen mitverdienen - jetzt auch die Ledermarke Goldpfeil mit einer aufwändigen Uhrenkollektion (l.).
Von Horst Dieter Ebert
aus manager magazin 9/2001

Wabernde Nebelschwaden und Trompetenschall, Videowände rundum und feierliche Mannequins mit hohepriesterlichen Gebärden auf einer scheinwerfer-bestrahlten Großraumbühne: So werden sonst Olympische Spiele eröffnet oder doch wenigstens Sex-Messen der feineren Art.

In Wahrheit stellte lediglich Goldpfeil, die Ledermarke mit der langen Tradition, auf der Baseler Messe ihre ersten Armbanduhren vor. Doch anders als die Konkurrenz der Aigner, Prada oder Montblanc, die bei anonymen Produzenten Uhrenkollektionen ordern und diese dann mit dem eigenen Markenlogo auf dem Ziffernblatt verkaufen, tat sich Goldpfeil mit sieben Toptüftlern zusammen - den jungen, teils nicht mehr ganz so jungen Wilden der Schweizer Uhrenmanufaktur. Von denen ließ sich Goldpfeil konstruieren, was als Rückgrat des hoch- und höchstwertigen Uhrenmarktes gilt: teure, komplizierte Zeitmesser in kleinen Auflagen.

Die Ledermänner kultivieren damit einen kleinen, feinen, aber millionenschweren Trend des Uhrenmarkts: Immer profitabler blüht in der Branche der Handel mit Sammlerstücken für die Schatztruhen der gut betuchten Uhrenliebhaber.

Erstmals hat Deutschlands größter Luxusuhrenhändler, Wempe (19 deutsche Geschäfte, fünf im Ausland und ein Geschäft auf der MS Europa), einen Katalog speziell für Sammler herausgebracht: "Der Erfolg überraschte uns alle", sagt Firmenchef Hellmut Wempe, "wir haben unser Angebot fast ausverkauft und bereiten bereits einen zweiten Katalog vor."

Wempe bietet seinen Kunden brandneue Uhren aus der aktuellen Produktion an, kaum eine Uhr unter 30 000, etliche zwischen einer halben Million und 980 000 Mark und alle mit dem stillschweigend eingebauten Versprechen, dass sie mit der Zeit womöglich an Wert gewinnen.

Beispiele dafür gibt es reichlich: Wer in den 50er Jahren für ein paar hundert Schweizer Franken die Fliegeruhr IWC Mark XI erworben hat, kann sie heute leicht für 6000 Mark verkaufen; wer im Jubiläumsjahr von Patek Philippe 1989 deren "Jumping Hour" für 20 000 Mark ergatterte, könnte sie heute für 70 000 versilbern; und wer 1994 für eins der 50 Exemplare von Langes erster Tourbillonuhr "Pour le Mérite" 145 000 Mark übrig hatte, könnte für sie heute leicht über 200 000 Mark erlösen.

Und die Lieblingsanekdote der Wertsteigerungsideologen ist die von der 1939er Patek-Philippe-Calatrava, die 1981 für 185 000 Franken versteigert wurde und 1996 bereits 2,09 Millionen Franken erbrachte.

In der Königsklasse der Sammleruhren schrumpft der Anteil der Gebrauchsuhren, die tatsächlich am Handgelenk des Käufers enden. Die im Wempe-Katalog angepeilten Uhrenliebhaber halten einen Zeitmesser nicht für ein tagtägliches Accessoire, sondern für ein besonderes Objekt der Begierde - wie ein Gemälde, einen Oldtimer oder ein antiquarisches Rarissimum - für ein Sammelobjekt eben, das in aller Regel hinter dem Panzerglas einer gesicherten Vitrine oder in einem Safe landet.

Worauf Sammler fliegen, glaubt die Branche ziemlich genau zu wissen: Je mehr Uhrmacherkunst eine Uhr repräsentiert (also je interessantere Komplikationen sie hat), je ungewöhnlicher und/oder rarer sie ist, desto attraktiver erscheint sie; auch das Prestige der Marke spielt eine Rolle.

Manchmal reicht schon eine dieser Tugenden aus: Die Daytona von Rolex etwa, Stahlausführung, Listenpreis 11 240 Mark, hat es inzwischen bei raffinierter Verknappung der Produktion auf eine Lieferzeit von rund zehn Jahren gebracht; das begehrte Cabrio von BMW erhält man schon nach 18 Monaten. Wer die Wartezeit bei Rolex vermeiden will, zahlt auf dem Graumarkt einen Aufschlag von annähernd 100 Prozent.

Patek Philippe, die wohl ruhmreichste Schweizer Edelmarke, betört die Fans in diesem Herbst mit ihrer bislang kompliziertesten Armbanduhr, fingerdick und voller Überraschungen: Die "Sky Moon Tourbillon" enthält einen ewigen Kalender, Minutenrepetition, Tourbillon; Sternzeit und Nachthimmel, Sternbewegungen und Mondphasen auf einer rückseitigen Anzeige. Absolute "Haute Horlogerie" also, ungewöhnlich allemal und auch rar: Nur zwei Exemplare werden im Jahr zusammengeschraubt, ein jedes rund 1,28 Millionen Mark teuer. "Für die nächsten 15 Jahre sind wir bereits ausverkauft", vertröstet das Genfer Familienunternehmen investitionslüsterne Interessenten.

Es sind zuvörderst die großen Traditionsmarken, auf die sich die Sammler stürzen (siehe Kasten rechts), die großen Manufakturen gelten als die besten Renditebringer. Eine Sonderrolle spielt die vor elf Jahren wieder gegründete sächsische Manufaktur A. Lange & Söhne: Da konnten Sammler von Anfang an mit dabei sein, und mit dem steigenden Ruhm der Marke werden ihre Sammlungen wertvoller.

Am Sammeltrend mitverdienen wollen sie alle: Selbst Cartier, in den vergangenen 50 Jahren eher für seine teuren Schmuckuhren als für komplizierte Uhrmacherkunst berühmt, hat jüngst in seiner Collection Privée Sammlerobjekte in kleiner Auflage vorgestellt, an der Spitze 20 nummerierte Pasha-Tourbillons für 245 000 Mark das Stück.

Da mutet das Uhrenengagement von Goldpfeil ungewöhnlich, wenn nicht kauzig an: Auf den ersten Blick wollen die deutschen Taschen- und Gepäckspezialisten, nur echt mit dem goldenen Pfeil auf der Schließe, werden, was fast alle gut verdienenden Modefirmen sein wollen: eine Lifestyle-Marke, in allen Sätteln gerecht, die möglichst viele Accessoires des schönen Lebens liefern kann.

Doch auch sie wenden sich an die Sammler, die sie nun freilich mit kleinen Serien individueller Uhrenbauer locken wollen. Sie haben sich zusammengetan mit der AHCI, der "Académie Horlogère des Créateurs Indépendants" (deutscher Holpertitel: "Akademie selbstständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher"), in der seit Jahren die originellsten Brüter der Schweizer Uhrenbranche innovative Konstruktionen aushecken - und teils an die etablierten Manufakturen verhökern.

Sieben von den 26 Mitgliedern haben für Goldpfeil ein Unikat nach eigenem Gusto angefertigt, quasi als Visitenkarte. Außerdem hat jeder ein Modell für Goldpfeil entworfen, das in einer Auflage von 100 Exemplaren im November auf den Markt kommt. Genauer gesagt: in 30 auserlesene Juweliergeschäfte weltweit. "Die 20 Adressen in Asien und Amerika haben wir schon", sagt Heinz J. Heimann, Präsident der neuen Goldpfeil Geneve SA mit Showroom direkt gegenüber dem Stammsitz von Patek Philippe; die europäischen Goldpfeil-Adressen will er in diesen Tagen auswählen.

Die Uhren der kleinen Kollektion werden zu Preisen zwischen 20 000 und 87 500 Mark angeboten, Sammlerniveau also. Die Unikate dagegen sollen nach einer Ausstellungstournee im April in Basel von Christie's auktioniert werden - zu sensationellen Höchstpreisen, wie zu vermuten ist.

Zu den Goldpfeil-Künstlern gehört der genialische Neapolitaner Vincent Calabrese, der seine transparent zwischen Saphirgläsern aufgehängten Werke "Poésie mécanique" nennt. Er konstruiert zugleich Uhren in fast futuristischem Look. Die meisten Exemplare hat er von dem Modell "Mona Lisa" verkauft: Die Dame zieht sich von Stunde zu Stunde weiter aus, bis Mitternacht.

Uhrentüftler besitzen einen besonderen Humor: Svend Andersen, der dänische Meister im Goldpfeil-Team, hat eine erfolgreiche Uhr namens Clinton in seiner sonst höchst komplizierten Kollektion, auf dessen Zifferblatt der Ex-Präsident genau das vorführt, was seinem Büro den Spottnamen "Oral Office" verschafft hat. Solche erotischen Uhren, in prüderen Zeiten große Mode, fertigen heute nur noch wenige Hersteller, Blancpain etwa und Gérald Genta.

Der gerühmte Erbauer der Nautilus von Patek Philippe und der Royal Oak von Audemars Piguet, hat nicht nur mit Nackten auf seinen Uhren Aufsehen erregt; Genta, mit seinen teuren Tourbillons Darling vieler Sammler, fertigt auch brillantbesetzte Micky-Maus-Uhren für 30 000 Mark und mehr.

Genta gehört zu den arrivierten Tüftlern wie der selbst ernannte "Meister der Komplikationen", Franck Muller, in Genf. Der hat es, insbesondere mit seinen tonneauförmigen Uhren im Neo-Art-Deco, vom akademischen Kleintüftler zum gut verdienenden Ferrari-Sammler gebracht.

In der und um die Akademie herum tüftelt und schraubt eine in der Schweiz und weltweit werkelnde Internationale von vielen originellen Klein- und Kleinstmanufakteu-l

ren an ausgefallenen Sammlerstücken herum, gern auch an Unikaten. Die meisten haben als Restaurateure antiker Uhren begonnen und sich dann irgendwann selbstständig gemacht: der Italiener Antoine Preziuso, der Chinese Kiu Tai Yu, der Holländer Christiaan van der Klaauw, der Deutschschweizer Paul Gerber. Oder Roger Dubuis, der erst als 57-Jähriger eine eigene Marke begründete und stets nur 28 Exemplare eines Modells baut. Dazu zählen auch Michel Parmigiani mit seiner Firma Parmigiani Fleurier (produziert knapp 1000 Uhren im Jahr), Daniel Roth mit seinen doppelellipsenförmigen Uhren (inzwischen unter dem Dach von Bulgari) und François-Paul Journe mit seinem stolzen Motto auf dem Zifferblatt "Invenit et Fecit", so viel wie "(selbst)erfunden und (selbst)gemacht".

Für Sammler, die eine weithin unverwechselbare Uhr suchen, die garantiert eine erschrockene "Was ist das denn?"-Konversation erregt, arbeitet Alain Silberstein: Seine Uhren sind so dick, dass ihnen das "Uhren-Magazin" eine "gewisse Ähnlichkeit mit Kochtöpfen" attestierte; über die Zifferblätter laufen Zeiger: dreieckig, gelocht, gekringelt, wellenförmig, und immer quietschebunt.

Die scheinbaren Kinderuhren haben durchaus erwachsene Preise: zwischen 4500 und 240 000 Mark. In allen ticken Automatikwerke. Für deren Aufbewahrung findet der standesbewusste Sammler im Wempe-Katalog eine kleine Box von Scatola del Tempo (9450 Mark), in der sechs Uhren so bewegt werden, dass ihr Werk nie stehen bleibt. "Dank Batteriebetrieb" beruhigt der Katalog, "funktioniert das Gerät auch im Tresor." Horst-Dieter Ebert

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Service

Noch immer produzieren die berühmten Marken die begehrtesten Sammlerstücke. Aktuelle Beispiele:

Rolex Yacht-Master Rolesium:

Chronometer in Edelstahl/Platin, 12 620 Mark, drei Jahre Lieferfrist

IWC Portugieser Automatic Kaliber 5000 (l.):

Automatikwerk mit Sieben-Tage-Reserve, 250 Exemplare in Platin, 30 000 Mark

Patek Philippe 10 Jours:

In Platin 300 Exemplare, 64 700 Mark - auf Auktionen bereits für über 100 000 Mark versteigert

Lange 1 Tourbillon:

Das zweite Tourbillon aus der sächsischen Uhrenmanufaktur, in Platin 150 Exemplare, 178 000 Mark

Officine Panerai GMT:

Taucheruhr mit Automatik, 6500 Mark, ein halbes Jahr Wartezeit

Jaeger-LeCoultre Reverso Platinum No. One (l.):

Handaufzug, 59 800 Mark, die Erste einer Folge von zehn Jahrgangsuhren

Patek Philippe Nautilus Jumbo: Automatik, 17 800 Mark - ein Jahr Wartezeit

Breguet Jubiläums-Tourbillon (200. Jahrestag der Erfindung):

Handaufzug, in Weiß- oder Rotgold, 207 130 Mark

Omega Speedmaster Broad Arrow:

Automatik, 99 Exemplare in Gold, mit Emaillezifferblatt, 21 500 Mark

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