Liberty Steel geht leer aus Thyssenkrupp bricht Verkaufsgespräche für Stahlsparte ab

Monatelang verhandelte Thyssenkrupp mit dem Konkurrenten Liberty Steel über den Verkauf des Stahlgeschäfts. Nun ist der Deal gescheitert. Der Traditionskonzern will die Sparte selbst zukunftsfähig machen.
Traditionskonzern im Pott: Konzernzentrale von Thyssenkrupp in Essen

Traditionskonzern im Pott: Konzernzentrale von Thyssenkrupp in Essen

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Der Industriekonzern Thyssenkrupp wird sein Stahlgeschäft nicht an den britischen Konkurrenten Liberty Steel verkaufen. Die Gespräche scheiterten dabei an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Der Ruhrkonzern will das Stahlgeschäft nun vorerst aus eigener Kraft entwickeln. Damit rücken nun zwei Optionen in den Vordergrund: Neben der Fortführung unter dem eigenen Dach stand zuletzt auch eine mögliche Abspaltung zur Debatte. Die in den vergangenen Wochen gut gelaufene Aktie  gab zunächst deutlich nach, stabilisierte sich dann aber.

Die Übernahmegespräche mit dem Konkurrenten Liberty Steel seien beendet worden, teilte das Unternehmen am Mittwochabend mit. Eine Veräußerung des Stahlgeschäfts an Liberty Steel werde damit nicht zustande kommen. "Die Vorstellungen über Unternehmenswert und Struktur der Transaktion lagen am Ende doch weit auseinander", sagte Finanzvorstand Klaus Keysberg laut Mitteilung.

Der Konzern hatte ein Kaufangebot des britisch-indischen Unternehmers Sanjeev Gupta (50) geprüft, der die Stahlerzeugung der Essener in seinem Konzern Liberty Steel aufgehen lassen wollte. Die beiden Stahlkocher hätten zusammen den zweitgrößten Branchenriesen in Europa hinter ArcelorMittal Europe geschmiedet. Die Branche leidet seit Jahren unter Überkapazitäten, Billigimporten aus Fernost und immer schärfer werdenden Klimaschutzauflagen. Durch die Corona-Krise kam die Schwerindustrie noch stärker unter Druck.

Offenbar hat Liberty Steel einen negativen Kaufpreis geboten und dies mit den hohen finanziellen Belastungen durch den CO2-Ausstoß begründet, die durch den Einkauf von Emissionsrechten ausgeglichen werden müssten, hieß es am Donnerstag aus Unternehmenskreisen.

Zum Monatsanfang hatte Konzernchefin Martina Merz (58) auf der Hauptversammlung von Thyssenkrupp gesagt, Liberty Steel habe ein "aktualisiertes Angebot" übermittelt. Im Ergebnis habe aber zu wesentlichen Anforderungen von Thyssenkrupp keine gemeinsame Lösung gefunden werden können, hieß es nun vom Unternehmen. Ein Sprecher von Liberty Steel erklärte, man wolle die Tür weiter offen halten. Das Unternehmen sei überzeugt, "den einzigen langfristig tragfähigen Plan für das Stahlgeschäft von Thyssenkrupp vorgelegt zu haben und werde sich bemühen, die Bewertungslücke "zu gegebener Zeit" zu schließen.

Geschäft in der Stahlsparte zog zuletzt wieder an

Das Unternehmen wollte ursprünglich im März entscheiden, wie es mit dem Stahlgeschäft weitergehen soll. Die Stahlsparte litt zuletzt stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie und häufte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fast einer Milliarde Euro an. Im ersten Quartal gab es wieder Lichtblicke, das Geschäft kehrte wieder in die schwarzen Zahlen zurück.

Neben der wieder angezogenen Autoproduktion habe sich eine gute Nachfrage in der Hausgeräte- und der Bauindustrie positiv bemerkbar gemacht. Thyssenkrupp profitierte zudem wie die gesamte Branche vom gestiegenen Stahlpreis. "Jetzt kommt es für uns darauf an, die Zukunftsfähigkeit unseres Stahlgeschäfts aus eigener Kraft sicherzustellen. Daran arbeiten wir mit Hochdruck, so, wie wir das in den vergangenen Wochen und Monaten stets unterstrichen haben", erklärte Keysberg.

Für die Modernisierung seiner Stahlsparte gab Thyssenkrupp zuletzt Investitionen von gut 700 Millionen Euro frei. Mit dem nach Angaben des Unternehmens größten Investitionsprogramm beim Stahl seit fast zwei Jahrzehnten will Thyssenkrupp seine Werke in Duisburg und Bochum fit für die gestiegenen Anforderungen der Autoindustrie machen. Zentrale Teile beider Standorte sollen bis Ende 2024 neu gebaut werden. Im Gegenzug will der Konzern beim Stahl aber mehr Stellen streichen als bisher geplant.

Aktie stabilisiert sich

Die Aktie  gab am Donnerstag zunächst um 6 Prozent nach, stabilisierte sich dann aber wieder und drehte kurzzeitig sogar ins Plus. "Der Kursrutsch scheint überzogen", sagte ein Börsianer. Der Verzicht auf den Verkauf sei angesichts eines verbesserten Branchenumfelds ein Zeichen der Stärke. Das europäische Stahlgeschäft entwickle sich von einem Problemkind zu einem Bereich mit Zukunftsperspektive. Zuletzt hatte das Papier einen starken Lauf. So stieg der Kurs im laufenden Jahr um rund 40 Prozent, in den vergangenen drei Monaten kletterte er sogar um 125 Prozent, nachdem er in den vergangenen Jahren stark gebeutelt wurde. Analyst Alan Spence vom Analysehaus Jefferies erklärte, dass der Konzern auf den Stahldeal nicht angewiesen sei, zeuge von Disziplin und der verbesserten bilanziellen Lage.

Konzernchefin Martina Merz (58) hatte von Anfang an gesagt, das auch ein Verbleib beim Konzern oder eine Abspaltung Optionen für die Stahlsparte seien. Anfang Februar erklärte sie dann auf der Hauptversammlung, bei dem vom Wettbewerber Liberty vorgelegten Kaufangebot gebe es bei einer "Reihe komplexer Themen noch Klärungsbedarf".

Für die Modernisierung seiner Stahlsparte gab Thyssenkrupp zuletzt Investitionen von gut 700 Millionen Euro frei. Im Gegenzug will der Konzern beim Stahl aber mehr Stellen streichen als bisher geplant. Mit dem nach Unternehmensangaben größten Investitionsprogramm beim Stahl seit fast zwei Jahrzehnten will Thyssenkrupp seine Werke in Duisburg und Bochum fit für die gestiegenen Anforderungen der Autoindustrie machen

oho/dpa, Reuters