Börsenstar mit neuem Geschäftsmodell Warum Tesla viel mehr ist als ein Autobauer

Der US-Elektroautobauer Tesla ist der Überflieger des Börsenjahres. Dies hat mit Teslas digitalen Handelsstrategien und einem Wandel im Geschäftsmodell zu tun – den Daimler, BMW und VW noch vor sich haben.
Tesla: Elon Musk hat mit dem Model 3 den Durchbruch zum Massenhersteller geschafft - nun kommen steigende Erlöse aus "Software as a Service" hinzu

Tesla: Elon Musk hat mit dem Model 3 den Durchbruch zum Massenhersteller geschafft - nun kommen steigende Erlöse aus "Software as a Service" hinzu

Foto: Andrej Sokolow / dpa

Tesla spielt in einer eigenen Handelsklasse: Der Kursanstieg des Börsenlieblings ist so steil, dass Analysten in Erklärungsnot und Anleger in Verzückung geraten. Seit Jahresbeginn 2020 hat sich der Kurs der Tesla-Aktie mehr als verfünffacht: Der von Elon Musk geführte Elektroautobauer, der im August einen Aktiensplit von 1:5 vollzog, bringt es bei einem Aktienkurs von derzeit mehr als 600 US-Dollar  auf einen Börsenwert von rund 620 Milliarden Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie die drei deutschen Autobauer VW, Daimler und BMW zusammen. Ein Unterschied, der auch für Analysten großer Investmenthäuser kaum noch zu erklären ist. Anfang Dezember knackte die Tesla-Aktie die 600-Dollar-Marke  und erreichte zeitweise ein Rekordhoch von 630 US-Dollar.

Adam Jonas, renommierter Auto-Analyst bei der US-Investmentbank Morgan Stanley, hat es jetzt zumindest versucht. Monatelang hatte Morgan Stanley der Kursrally von Tesla kommentarlos zugeschaut – und dann Mitte November das Kursziel von Tesla um 50 Prozent angehoben, von 360 auf (inzwischen überholte) 540 US-Dollar pro Aktie. Für sein 50-Prozent-Upgrade lieferte Jonas eine Begründung, die unmittelbar auf das Businessmodell zielt: Tesla stehe vor einem profunden Wandel seines Geschäftsmodells, schreibt Jonas. Der Elektroautobauer wandle sich gerade von einem schlichten Autoverkäufer zu einem Unternehmen, das mit Softwarediensten und anderen Dienstleistungen einen immer höheren Anteil vom Umsatz erwirtschaftet. Sprich: Tesla sei eine Mischung aus Autohersteller und Software-Konzern, der mit seinen Software- und IT-Dienstleistungen viel höhere Gewinnmargen erzielen kann als allein durch den Verkauf von Autos.

Verkauf von Software-Services lukrativer als Verkauf von Autos

Tesla hat mit seinem Model 3 erst vor wenigen Monaten den Schritt vom Elektroauto-Pionier zum Massenhersteller vollzogen. Und nun steht laut Jones bereits der nächste Schritt an: Tesla halte bereits jetzt den Schlüssel in der Hand, um zu einem weltweiten Verkäufer von Software- und IT-Dienstleistungen zu werden.

Der Verkauf von Software-Services bringt traditionell viel höhere Gewinnmargen als der Verkauf von geformtem Blech und Motoren. Bei einem klassischen Autohersteller lassen sich die Gewinnerwartungen vereinfacht gesagt durch die Zahl der verkauften Autos multipliziert mit dem Verkaufspreis berechnen. Diese Formel liegt noch immer der Börsenbewertung von Daimler, BMW, VW und Co zugrunde. Bei Tesla hingegen kommen Erlöse durch Software-Services hinzu, die laut Morgan Stanley derzeit knapp 2 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen. Bis 2030, so die Prognose, dürfte dieser Anteil auf mehr als 6 Prozent steigen – und damit bis zu 20 Prozent der künftigen Tesla-Gewinne ausmachen.

Tesla sei auf Grund seiner Markenstärke und seines technologischen Vorsprungs dabei, seine Kunden in treue Abonnenten zu verwandeln, argumentiert Jonas. Bereits jetzt bietet Tesla seinen Kunden verschiedene softwarebasierte Service-Pakete an, wie zum Beispiel kostenpflichtige Performance-Upgrades oder ein Premium-Infotainment-Paket. Bis 200 könne Tesla mit jedem Nutzer solcher Software-Services durchschnittlich rund 100 Dollar umsetzen – pro Monat. Die hohe Markentreue der Tesla-Fans spreche dafür, dass aus vielen Tesla-Käufern auch langjährige Abonnenten werden – die bereit seien, auch höhere Preise dafür zu zahlen.

Handel neu definiert

Dieser zusätzliche Geschäftsbereich mit lukrativen Software-Dienstleistungen werde in Zukunft für einen wachsenden Anteil der Konzerngewinne verantwortlich sein. Die Vorlage dafür liefert Apple: Wer sich erst einmal als zahlender Abonnent an die Tesla-Welt und ihre Services gewöhnt hat, der dürfte nur widerstrebend in eine andere Auto-und-Service-Welt wechseln. Für VW, Daimler und BMW sind das schlechte Nachrichten.

Durch dieses Geschäftsmodell definiert Tesla laut Jones den Autohandel neu: Mit jedem verkauften Auto gewinne der Konzern einen neuen Kunden für seine IT-Dienstleistungen, deren Umfang sich noch deutlich erweitern lassen. Möglich, dass es eines Tages Tesla-TV gibt, oder Hotel- und Reiseangebote, die ausschließlich über den großen Screen im Tesla-Cockpit flimmern. Tesla ist demnach auf Jahre hinaus nicht vergleichbar mit VW, sondern eher mit VW plus SAP plus Booking plus X.

Goldman Sachs blickt eher auf den S&P 500

Im Gegensatz zu Morgan Stanley sieht Goldman Sachs die Gründe für die jüngste Kursexplosion eher darin, dass Tesla am 21. Dezember 2020 in den US-Leitindex S&P 500 aufgenommen wird – und dort als Neueinsteiger sofort zu den zehn wertvollsten Unternehmen gehören wird. Von den 189 großen Vermögensverwaltern, die Goldman in einer Studie in den Blick genommen habe, seien 157 Geldverwalter noch nicht oder nicht ausreichend in Tesla investiert. Um den künftigen S&P 500 korrekt abzubilden, seien sie daher dazu gezwungen, Tesla-Aktien zu kaufen. Auf diese Weise könnten bis zu 8 Milliarden Dollar in Tesla-Aktien investiert werden, argumentiert Goldman – vorausgesetzt, die Vermögensverwalter bilden Tesla entsprechend seines Index-Gewichtes im S&P 500 ab. Auf einen solchen Nachfrage-Schub spekulieren viele Privatanleger bereits seit Monaten – was die Bewertung von Tesla weiter in die Höhe getrieben hat.

Der Börsenwert von Tesla liegt bereits über der Marke von 580 Milliarden US-Dollar. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Tesla liegt aktuell bei 1200 – bei Volkswagen beträgt das KGV für 2020 derzeit rund 20. Wer sich über diesen enormen Bewertungsvorsprung wundert, kann sich künftig mit der Morgan-Stanley-Bewertung helfen: Tesla ist viel mehr wert als jeder andere Autokonzern, weil Tesla auch viel mehr ist als ein Autokonzern.

la
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