VC-Studie über Techbranche Was die Risikokapital-Investoren von Europas Tech-Firmen halten

Vierhundert Milliarden Dollar Firmenwert verbrannt, Investitionen eingebrochen, Jobabbau: Der Tech-Crash hat die europäischen Technologiefirmen nach einem Rekordjahr hart ausgebremst, so der Risikokapitalgeber Atomico. Die Erkenntnisse der großen Branchenstudie im Überblick.
Klarna: Der Bezahldienst hat kräftig an Bewertung eingebüßt. Das Fintech zählt aber weiterhin zu den Schwergewichten im europäischen Tech-Sektor

Klarna: Der Bezahldienst hat kräftig an Bewertung eingebüßt. Das Fintech zählt aber weiterhin zu den Schwergewichten im europäischen Tech-Sektor

Foto: picture alliance/ dpa

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Jahrelang wurde der Technologiesektor mit billigem Geld geflutet, die Bewertungen schienen keine Grenzen zu kennen. Doch auf die Rekordjagd im Jahr 2021 folgte im zweiten Halbjahr 2022 die Vollbremsung: Die Investitionen in europäische Technologiefirmen sind in diesem Jahr um rund 18 Prozent auf 85 Milliarden Euro eingebrochen. Zudem ist der Wert börsennotierter und privat gehaltener Tech-Unternehmen in Europa seit Beginn dieses Jahres um mehr als 400 Milliarden US-Dollar gesunken.

Während die Tech-Firmen Kosten sparen und tausende Mitarbeiter entlassen, haben sich US-Investoren in großer Zahl aus dem Markt zurückgezogen. Der jährliche Report "The State of European Tech " des Risikokapitalgebers Atomico  zeichnet auf den ersten Blick ein düsteres Bild vom Zustand der Branche.

Geld, Talent, Innovationen: "Das Puzzle bleibt intakt"

Die Autoren der Branchenstudie , die auf Befragungen von tausenden Startup-Investoren, Gründern und Mitarbeitern sowie auf umfangreicher Datenanalyse aus 41 europäischen Ländern beruht, lassen sich dennoch ihren Optimismus nicht nehmen. Sie sprechen von einer zunehmenden Stärke der Unternehmen, die Krise zu meistern, sowie von der Bereitschaft der Kapitalgeber, trotz der aktuell schwierigen Bedingungen weiterhin in den Sektor zu investieren.

"Der wahre Erfolg der Branche dreht sich um Innovationen, Talent und den langfristigen Aufbau von Unternehmen. Die wichtigen Bestandteile dieses Puzzles bleiben intakt", sagt Atomico-Partner Tom Wehmeier, einer der Autoren der Studie. Mit mehr als 44 Milliarden US-Dollar hätten europäische Wagniskapital-Fonds zudem reichlich "trockenes Pulver" zur Verfügung, um es bei der richtigen Gelegenheit in junge Technologiefirmen zu investieren – zumal die Bewertungen inzwischen deutlich attraktiver seien.

Gemessen an den Vorjahresrekorden sei der Rückgang der Investitionen und der Bewertungen im Tech-Sektor zwar beachtlich. Doch in absoluten Zahlen seien die Kapitalspritzen noch immer auf sehr hohem Niveau. "An der grundsätzlichen Stärke des Techsektors hat sich weniger geändert, als wir denken", sagt Wehmeier.

Die wichtigsten Erkenntnisse des Reports "State of European Tech 2022" zeigt der folgende Überblick.

Investments trotz Krise weiter auf hohem Niveau

Geld im Überfluss, Wachstum um jeden Preis: Im Rekordjahr 2021 hatten Risikokapitalgeber knapp 105 Milliarden Dollar in europäische Tech-Unternehmen investiert. Auf diese Höchstmarke folgt nun im Jahr 2022 ein Rückgang um 18 Prozent auf rund 85 Milliarden US-Dollar. Im deutschen Markt gingen die Finanzierungen sogar noch stärker von 19 Milliarden Euro auf 11 Milliarden Euro zurück. Dies ist aber insgesamt immer noch das zweitstärkste Finanzierungsjahr in der Geschichte der Branche.

Vor allem im zweiten Halbjahr 2022 sind die Investitionen stark zurückgegangen. Das aktuelle makroökonomische Umfeld sei "das schwierigste seit der globalen Finanzkrise", heißt es in dem Report. "Dennoch übertreffen die diesjährigen Investments jene aus dem Jahr 2020 um mehr als das Doppelte (damals rund 38 Milliarden Dollar)."

Weniger Lust auf Risiko – Bewertungen eingebrochen

Die sinkende Risikolust der Investoren am Aktienmarkt wie auch am Markt für Wagniskapital haben die Bewertungen in der Branche eingedampft. Der Wert börsennotierter und privat gehaltener Technologieunternehmen in Europa ist seit Jahresbeginn von 3,1 Billionen Dollar auf 2,7 Billionen Dollar gesunken – ein Verlust von rund 400 Milliarden Dollar. Dennoch kann von niedrigen Bewertungen im Sektor keine Rede sein: Europäische Tech-Unternehmen sind aktuell immer noch fünfmal so viel wert wie im Jahr 2015.

Börsengänge: "Das IPO-Fenster ist geschlossen"

Zu den größten Belastungsfaktoren im Sektor zählt neben den steigenden Zinsen die Tatsache, dass Risikokapitalgeber derzeit so gut wie keine Möglichkeiten haben, ihre Investments durch einen Börsengang zu versilbern. Im Rekordjahr 2021 gelang noch insgesamt 86 Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar in Europa und den USA der Gang an die Börse. Im Jahr 2022 waren es nur noch drei Börsengänge dieser Größenordnung – ein Rückgang um 96 Prozent. Ein Börsengang, klassischer Exit für Venture Capital Investoren, ist derzeit für die Geldgeber keine Option. Entsprechend gestiegen ist die Zurückhaltung bei neuen Investitionen.

Zahl der Einhörner geht zurück

Im Jahr 2021 hatten 105 Tech-Unternehmen die Bewertung von einer Milliarde Dollar überschritten und damit den Status eines "Einhorn" erreicht – ein Anzeichen für die Überhitzung des Kapitalmarktes. Diese Zahl ist im Jahr 2022 (Stand Ende Oktober) auf 31 neue Einhörner zurückgegangen. Doch auch diese Zahl liegt deutlich über dem Niveau des Jahres 2020 (25 Einhörner). Unter den 31 neuen Einhörnern befanden sich auch vier deutsche: Das Steuer-Startup Taxfix, der Elektronik-Vermieter Grover, die Sport-App OneFootball sowie die Gastro-App Choco.

Große Finanzierungsrunden: US-Investoren ziehen sich zurück

Die Zurückhaltung der Investoren lässt sich auch an der Zahl der größeren Finanzierungsrunden mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Dollar ablesen. In der ersten Jahreshälfte 2022 gab es noch 133 Finanzierungsrunden dieser Größenordnung so die Studie. In der zweiten Jahreshälfte (Stand Juli bis Oktober) wurden jedoch deutlich weniger dieser großen Finanzierungsrunden abgeschlossen, bislang sind es 37. Das liegt auch daran, dass die Beteiligung aktiver US-Investoren an diesen Runden um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist. Die Zahl der aktiven europäischen Risikokapitalgeber sei dagegen sogar leicht gestiegen.

"Die Finanzierungsrunden, an die wir uns im Rekordjahr 2021 gewöhnt haben, waren astronomisch hoch", schränkt Sarah Guemouri, Co-Autorin des Reports, ein. "Das Gesamtjahr 2022 übertrifft das Level des Jahres 2020 noch immer deutlich. Die aktuellen Marktturbulenzen sollten den grundsätzlichen Fortschritt des Tech-Sektors nicht verschleiern."

Tech-Unternehmen streichen tausende Jobs

Dennoch geben 82 Prozent der befragten Gründerinnen und Gründer an, dass es derzeit deutlich schwieriger sei, Kapital einzusammeln. Zweitens achten Investoren dabei viel stärker auf Profitabilität: Dies hat zur Folge, dass viele Tech-Unternehmen in Europa eisern sparen und tausende Mitarbeiter entlassen müssen. Weltweit haben laut der Studie mehr als 200.000 Mitarbeiter in der Branche ihren Job verloren. In Europa entließen Unternehmen bislang rund 14.000 Mitarbeitende – damit beträgt der Anteil Europas an den Entlassungen weltweit rund 7 Prozent. Gründer und Unternehmenschef stehen jetzt vor der schwierigen Aufgabe, trotz der deutlich gesunkenen Mitarbeiterzahl innovativ zu bleiben und zu wachsen.

Wachsende Resilienz – und gute Chancen für die Überlebenden

Dennoch: Mit der Dauer der Krise steigt auch die Fähigkeit der Unternehmen, in einem schwierigen Marktumfeld zu bestehen. Die steigende Resilienz der Unternehmen machen die Studienautoren auch daran fest, dass eine große Zahl von Tech-Gründern inzwischen reichlich Krisenerfahrung gesammelt hat.

Zweitens bleiben die Wachstumschancen für Unternehmen, welche die aktuelle Konsolidierung überstehen, intakt: Der Markt wird dann unter den Krisengewinnern neu aufgeteilt. Dies gilt auch für die Toptalente in der Branche: "Talent bleibt dem Ökosystem erhalten und wird innerhalb der Branche umverteilt", so die Studie.

Investoren werden zwar vorsichtiger, doch sie bleiben der Branche laut der Atomico-Studie erhalten. "2022 haben sich bislang mehr als 3200 unterschiedliche Investoren an mindestens einer Finanzierungsrunde in Europa beteiligt", sagt Wehmeier. "Dies sind meist erfahrene, langfristig orientierte und aktive Investoren, die weiterhin Chancen im europäischen Tech-Sektor suchen."

Talent, Geld und Risikobereitschaft sei immer noch in ausreichendem Maß vorhanden: Sollten sich die Bedingungen am Kapitalmarkt bis Ende 2023 wieder verbessern, dürften dies auch junge Tech-Unternehmen zu spüren bekommen.

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