Skandalfirma in Auflösung Insolvenzverfahren eröffnet - Wirecard-Mitarbeiter großteils gefeuert

Der einstige Börsenstar Wirecard ist so gut wie Geschichte. Zwei Monate nach dem Insolvenzantrag hat Insolvenzverwalter Michael Jaffé 730 Mitarbeitern gekündigt - rund die Hälfte der Angestellten in Deutschland. Auch Braun-Nachfolger James Freis muss gehen.
Wirecard-Zentrale in Aschheim in der Nähe von München: "Es sind tiefe Einschnitte erforderlich"

Wirecard-Zentrale in Aschheim in der Nähe von München: "Es sind tiefe Einschnitte erforderlich"

Foto: Andreas Gebert/ REUTERS

Das Amtsgericht München hat das Insolvenzverfahren über den Zahlungsdienstleister Wirecard eröffnet. Konkret geht es um die Wirecard AG und sechs Konzerntöchter, wie das Gericht am Dienstag mitteilte. Zum Insolvenzverwalter wurde jeweils der Rechtsanwalt Michael Jaffé (57) bestellt, der sich in den vergangenen Wochen bereits um das Unternehmen aus Aschheim bei München gekümmert hat.

Der Insolvenzverwalter kündigte im gleichen Zuge an, dass rund 730 Beschäftigte von insgesamt 1300 Wirecard-Mitarbeitern in Deutschland die Kündigung erhalten werden. Rund 570 Arbeitnehmer - darunter 220 Beschäftigte der nicht insolventen Wirecard Bank - bleiben weiterhin am Standort Aschheim beschäftigt. Zahlreiche Mitarbeiter haben den Konzern in den vergangenen Monaten bereits freiwillig verlassen, viele wurden von Wettbewerbern wie Adyen und HeidelPay abgeworben. Weltweit beschäftigte der Konzern knapp 6000 Menschen. 

"Die wirtschaftliche Lage der Wirecard AG war und ist angesichts der fehlenden Liquidität und der bekannten skandalösen Begleitumstände äußerst schwierig", sagte der Rechtsanwalt. Die üblichen Restrukturierungs- und Kostenanpassungsmaßnahmen seien nicht ausreichend. Um eine Verwertung des Kerngeschäfts möglich zu machen, seien tiefe Einschnitte erforderlich.

Kevin Voss von der Gewerkschaft Verdi sagte, etwa 600 bis 700 der 1500 am Stammsitz Aschheim bei München beschäftigten Mitarbeiter habe am Montagabend die Mail erreicht, nach der sie unwiderruflich freigestellt wurden. "Ich habe so ein Verhalten von Arbeitgebern nur sehr selten erlebt. Bei allem, was passiert ist - es ist absolut daneben, wie hier mit Menschen umgegangen wird", sagte er.

Auch James Freis muss gehen

Der Wirecard-Skandal ist einer der größten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Mit Luftbuchungen wurden die Bilanzen um Milliarden Euro aufgepumpt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Betrugs gegen ehemalige und noch amtierende Manager. Ex-Chef Markus Braun (51) sitzt in Haft, der für das Asien-Geschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek (40) ist auf der Flucht.

Marsalek soll mit dreisten Inszenierungen die Wirtschaftsprüfer über Jahre getäuscht haben. Im Fokus steht dabei die Gesellschaft EY, die sich nun um ihren Ruf Sorgen macht. Die Wirtschaftsprüfer vermuten, dass Marsalek Schauspieler engagierte und Kulissen für Live-Übertragungen aufbaute. EY rechnet damit, auf Schadensersatz verklagt zu werden. Unter anderem hatte Softbank bereits eine entsprechende Klage angekündigt. Wirecard schuldet Banken und anderen Gläubigern gut drei Milliarden Euro.

Von den Kündigungen betroffen sind auch die Verträge der verbliebenen Vorstände. Die für Produkte zuständige Vorständin Susanne Steidl (50) und Finanzchef Alexander von Knoop (49) waren nach der Insolvenzanmeldung im Juni an Bord geblieben. Ex-Chef Markus Braun (51) sitzt in Haft, Asien-Vorstand Jan Marsalek (40) ist auf der Flucht. Gegen die vier und andere Manager wird unter anderem wegen Betrugs ermittelt. Auch der Amerikaner James Freis (49), der erst im Juni zu Wirecard kam und nach dem Rücktritt von Braun zu dessen Nachfolger ernannt wurde, geht. Insider rechnen damit, dass nun auch bald die Mitglieder des Aufsichtsrats ihre Mandate niederlegen werden. Wirecard wollte sich dazu nicht äußern.

Damit ist die vor rund zwei Jahrzehnten gegründete Wirecard, die sich auf die Abwicklung von Zahlungen bei Händlern und im Internet spezialisiert hatte, so gut wie Geschichte. In wenigen Jahren hatte sie es in den Dax geschafft und war mit einem Börsenwert von rund 25 Milliarden Euro zeitweise mehr wert war als die Deutsche Bank. 

Druck auf Jaffé´steigt

Mit der heutigen Eröffnung des Insolvenzverfahrens dürfte die Zerschlagung des ehemaligen Börsenstars, der erst vor wenigen Tagen aus dem Dax ausgeschlossen wurde, nun schnell vorangetrieben werden. Ab sofort muss die Firma auf eigenen Beinen stehen und die Gehälter der Mitarbeiter wieder selbst bezahlen. In der Zeit nach Anmeldung der Insolvenz bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens übernimmt dies die Arbeitsagentur.

Damit steigt der Druck auf Jaffe, schnell Ergebnisse zu liefern, denn er darf keine weiteren Verluste anhäufen, die zulasten der Gläubiger gehen. Diese können ihre Forderungen nun bis zum 20. Oktober Forderungen beim Insolvenzverwalter anmelden. Es ist allerdings unklar, wie viel sie davon je wiedersehen. Der Verkauf der einzelnen Firmenteile könnte nach Schätzungen von Insidern etwa ein Zehntel der ausstehenden Forderungen einbringen. Die erste Gläubigerversammlung solle am 18. November stattfinden. 

Die Aktionäre stehen dabei am Ende der Schlange und dürften von dem Erlös aus der Zerschlagung gar nichts sehen. Die Wirecard-Aktie , die zu Hochzeiten bei fast 200 Euro notierte, ist längst zum Spekulationsobjekt verkommen. Am Dienstag fiel sie um mehr als 7 Prozent auf 1,16 Euro. 

Am Freitag konnte der Insolvenzverwalter bereits den Verkauf der Brasilien-Tochter an die an der New Yorker Börse gelistete PagSeguro verkünden. Auch für die britische Tochter Wirecard Card Solutions (WCS) hat Jaffé einen Käufer gefunden: Die Tochter geht an den Konkurrenten Railsbank. Sechs Mitarbeiter aus der Wircard Innovation Labs haben sich zudem inzwischen in die Berliner Fintech-Schmiede Finleap gerettet.

Auch weitere Verkaufsprozesse für die verwertbaren Teile von Wirecard machten Jaffé zufolge Fortschritte: So würden für das US-Geschäft in Kürze die bindenden Gebote fällig. Und der Verkauf des deutschen Kerngeschäfts gehe in die nächste Phase. "Es gibt mehrere namhafte Interessenten, die indikative Angebote abgegeben haben", so Jaffé. 

mg/Reuters, dpa-afx
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