Jan Marsaleks Nebenprojekte Der Wirecard-Vorstand und die 15.000 libyschen Söldner

Der Wirtschaftskrimi um Wirecard wird noch wirrer. Nach Geheimdienstverbindungen des flüchtigen Ex-Vorstands Jan Marsalek werden weitere obskure private Geschäfte bekannt.
Kämpfer der Libyschen Nationalen Armee in Benghazi im Juni 2020

Kämpfer der Libyschen Nationalen Armee in Benghazi im Juni 2020

Foto: ABDULLAH DOMA/ AFP

Neben seinem Hauptjob, die Bilanz des Zahlungsdienstleisters Wirecard mithilfe dubioser Drittfirmen aufzublähen, hatte der langjährige Vorstand Jan Marsalek (40) offenbar noch Zeit für private Eskapaden nach Art eines Agententhrillers. Von einem "Doppelleben" schreibt die "Financial Times" , deren Journalisten als erste am Geschäftsgebaren des letztlich implodierten Zahlungsdienstleisters gezweifelt hatten. Zu den neuen Enthüllungen des Berichts vom Freitag gehört, dass Marsalek sich ausgiebig in den libyschen Bürgerkrieg habe einmischen wollen.

Mehrere Geschäftspartner, darunter hohe Beamte und Ex-Diplomaten aus Österreich, beklagten gegenüber der Zeitung, Marsalek habe sie über die Österreichisch-Russische Freundschaftsgesellschaft unter dem Vorwand eines Projekts für den wirtschaftlichen Wiederaufbau des nordafrikanischen Lands gelockt. Dafür wurde auch staatliche Förderung aus Wien zugesagt. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass der damalige Wirecard-Manager Fantasien von einem geopolitischen Spiel anhing und sich wenig für die Zivilgesellschaft interessiere.

Die "FT" zitiert aus dem Protokoll einer Sitzung vom Februar 2018, Marsalek habe mehrfach darauf beharrt, eine 15.000 Mann starke Polizei aus Ex-Milizen zusammenzustellen und Libyens Südgrenze zu schließen. Diese Truppe könne man als Pfund in Verhandlungen mit der Zentralregierung, den nahöstlichen Mächten und der EU einsetzen. Beteiligte zeigten sich schockiert, dass der Manager sich anscheinend während der Gespräche in seiner schmucken Münchener Residenz Live-Aufnahmen brutaler Kämpfe gewidmet habe.

Der Bericht legt zwar Verbindungen zu russischen Geheimdienstoperationen nahe, lässt die Motive von Marsaleks Handeln aber noch unergründlicher erscheinen als zuvor. Auch ein von Marsalek behauptetes privates Investment in eine Zementfabrik in Libyen erscheint zweifelhaft, obwohl Marsalek dafür 2017 einen Schuldenerlass über 20 Millionen Euro der Wiener Regierung bekommen habe. Der Manager habe mit seinen brisanten Aktivitäten vor allem Eindruck schinden und seine soziale Stellung als Schulabgänger ohne Abitur heben wollen, spekulieren manche der "FT"-Informanten. "Das einzige, was er mehr mochte als Geheimnisse zu kennen, war davon zu erzählen", sagte einer.

Konkrete Folgen der Nebengeschäfte lassen sich aus dem Bericht nicht ableiten, sie rücken eine Schlüsselfigur des historischen Wirtschaftsskandals um Wirecard aber weiter ins Zwielicht. Marsalek ist untergetaucht. Sein Anwalt wollte den Bericht nicht kommentieren.

Er zeigte Börsenhändlern die geheime Formel für Nervengift

Bereits zuvor war bekannt geworden, dass Marsalek offenbar mit seinen Verbindungen zu Geheimdiensten geprahlt hatte. Laut einem Bericht der "Financial Times"  vom Donnerstag zeigte der Österreicher im Sommer 2018 Börsenhändlern als streng geheim eingestufte Unterlagen - anscheinend, um sie zu beeindrucken. Darin habe sich auch die genaue chemische Formel für das Nervengift Novichok befunden, mit dem im März 2018 ein Anschlag auf den russischen Ex-Spion Sergei Skripal im britischen Salisbury verübt wurde.

Drei von Marsalek verbreitete Papiere mit einem Umfang von 50 Seiten trügen das Siegel "OPCW Highly Protected" der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), berichtet die "Financial Times". Sie habe die Dokumente überprüft. Dazu zählte auch eine Präsentation für staatliche Entscheidungsträger, die zum fraglichen Zeitpunkt noch gar nicht gehalten war. Die Zeitung zitiert den früheren Kommandanten der britischen Chemie- und Biowaffenbrigade, Hamish de Bretton-Gordon: "Diese Dokumente müssen auf OPCW-Mitgliedstaaten beschränkt sein und gehören nicht in die Öffentlichkeit." Es sei "unwahrscheinlich", dass staatliche Stellen Derartiges verbreiteten. Die OPCW kündigte Ermittlungen an.

Jan Marsalek befindet sich derzeit auf der Flucht, er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Im Fall Wirecard ermitteln die Justizbehörden mehrerer Länder wegen verschiedener Straftatbestände. Dem Ex-Manager werden unter anderem Betrug und Bilanzfälschung zur Last gelegt.

Marsalek arbeitete seit 2000 für den Zahlungsdienstleister aus dem Münchener Vorort Aschheim. Ab 2010 amtierte er als Vorstand und war unter anderem für die Beziehungen zu sogenannten Third Party Acquirers zuständig, mit deren Hilfe offenbar die Bilanz um gefälschte Milliardenbeträge aufgebläht wurde. Als der Skandal im Juni aufflog, wurde er von dem Noch-Dax-Konzern zunächst freigestellt und kurz darauf entlassen.

Und dann auch noch Informant der FPÖ

Marsalek wurde schon mehrfach mit Geheimdiensten in Verbindung gebracht. Die "Financial Times", die seit Jahren kritische Berichte über Wirecards Bilanzen brachte, wurde nach eigenen Angaben überwacht, ebenso wie Investoren, die auf einen Kurssturz der Wirecard-Aktien gewettet hatten. Solchen Shortsellern auf die Spur zu kommen, diente angeblich auch das Werben mit Geheimdienstpapieren gegenüber den Londoner Händlern. Wirecard bestritt jedoch stets, an diesen Operationen beteiligt zu sein. Ein früherer libyscher Geheimdienstchef namens Rami El Obeidi soll auf eigene Faust gehandelt haben, weil er Wirecard-Aktien besaß.

Über seinen aktuellen Aufenthaltsort legte Marsalek falsche Fährten auf die Philippinen und nach China. Der philippinischen Regierung zufolge brachte er auch Beamte dazu, Ein- und Ausreisedokumente zu fälschen. Über seinen Anwalt erklärte der 40-Jährige, sich nicht der Justiz stellen zu wollen - im Gegensatz zu seinem Landsmann und Ex-Vorstandschef Markus Braun (50), der gegen Zahlung einer Kaution auf freiem Fuß ist. Braun hat wegen erzwungener Aktienverkäufe und dem Kursverfall von Wirecard den Großteil seines einstigen Milliardenvermögens verloren. Marsalek wird noch ein dreistelliger Millionenbetrag zugeschrieben.

Ebenfalls am Donnerstag berichtete die österreichische Zeitung "Die Presse" , Marsalek habe regelmäßig die rechtsextreme Partei FPÖ in seiner Heimat mit Informationen aus dem Verfassungsschutz und dem Innenministerium versorgt. Die Verbindung sei ein Zufallsfund nach Recherchen wegen des Ibiza-Skandals, der 2019 die österreichische Regierung zum Platzen brachte. Der damalige FPÖ-Fraktionschef Johann Gudenus bestätigte Kontakte mit Marsalek gegenüber der "Presse". Als Gegenleistung habe der Manager einen Kontakt zum Ölkonzern OMV gewünscht, weil er selbst in libysche Ölgeschäfte investiert habe. Diese Hilfe habe die Partei ihm aber nicht erwiesen.

ak
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