Staat mischt kräftig mit Die wichtigsten Geldgeber deutscher Start-ups

Kaum je zuvor floss so viel Geld in deutsche Start-ups wie derzeit. Aber von wem eigentlich? Eine Übersicht über die wichtigsten Geldgeber.
Wefox-Gründer Julian Teicke: Das Versicherungs-Fintech hat schon mehrere Finanzierungsrunden in Millionenhöhe hinter sich

Wefox-Gründer Julian Teicke: Das Versicherungs-Fintech hat schon mehrere Finanzierungsrunden in Millionenhöhe hinter sich

Foto: Luca Fasching/wefox

Rund eine Milliarde Dollar für die Münchener Softwareschmiede Celonis , etwa 900 Millionen Dollar für den Onlinebroker Trade Republic und weitere 650 Millionen Dollar für das Versicherungs-Fintech Wefox - das sind nur drei von vielen Finanzierungsdeals in der deutschen Start-up-Szene, die in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen sorgten. Wie kaum je zuvor fließt hierzulande frisches Geld in junge Unternehmen, die damit ihr Wachstum vorantreiben. Zwar ist ein Anstieg der Investitionsvolumina bereits seit Jahren zu beobachten. Das Geschehen am Markt für Wagnisfinanzierungen hierzulande in diesem Jahr stellt die Vorjahre aber noch einmal deutlich in den Schatten.

Zahlen der Analysefirma PitchBook zeigen: Insgesamt 7,2 Milliarden Euro steckten Investoren in den ersten Monaten dieses Jahres bereits in aufstrebende Firmengründungen in Deutschland. Damit ist bereits mehr als die Summe erreicht, die im Vorjahr Ende Dezember unter dem Strich stand (siehe Grafik). Dabei verteilt sich das Geld 2021 laut PitchBook bislang auf nur 398 Finanzierungsrunden. Im Vorjahr entfiel die gleiche Summe auf insgesamt 734 Deals. Die einzelnen Investments haben sich im Umfang durchschnittlich also beinahe verdoppelt.

Doch von wem kommen eigentlich all diese Milliarden? Wer sind die Investoren, die mit ihren Finanzspritzen die deutsche Start-up-Szene befeuern? Ein ebenfalls von PitchBook zur Verfügung gestellter Überblick zeigt: Der weitaus aktivste Investor am hiesigen Markt für Wagnisfinanzierungen ist - kurz gesagt - die öffentliche Hand. Allein vier der zehn Top-Investoren in Deutschland haben einen staatlichen oder halbstaatlichen Hintergrund. Allen voran: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) mit Sitz in Bonn, ein 2005 gegründetes Finanzierungsvehikel des Bundeswirtschaftsministeriums, der KfW-Bank sowie verschiedener privatwirtschaftlicher Unternehmen wie Altana, BASF oder Lanxess.

Vier der zehn Top-Investoren mit staatlichem Hintergrund

Der HTGF verfügt derzeit - aufgeteilt in drei Sparten - über ein Volumen von rund 900 Millionen Euro und beteiligt sich an "jungen und chancenreichen Technologie-Unternehmen, die vielversprechende Forschungsergebnisse unternehmerisch umsetzen können", wie es auf der Website heißt. Den Fokus hat der Fonds dabei auf den Bereichen hardwarenahe Ingenieurswissenschaften, Life Science, Chemie, Material Science, Software, Media und Internet.

Insgesamt 20 Mal schossen die Verantwortlichen des HTGF in diesem Jahr bereits Gelder in hiesige Start-ups - so oft wie kein anderer Investor. Ein Vergleich der Investoren anhand der Volumina, die bei den einzelnen Deals geflossen sind, ist schwierig, denn die Investitionssummen werden in der Regel öffentlich nicht auf die beteiligten Geldgeber aufgeschlüsselt.

Der HTGF informiert allerdings auf seiner Internetseite: Er habe im Laufe der Jahre bereits mehr als 600 Unternehmen finanziert, von denen mehr als 100 schon erfolgreich verkauft oder an die Börse gebracht wurden. Alles in allem flossen auf diese Weise bis dato beinahe drei Milliarden Euro in die Portfoliounternehmen, so der HTGF.

Weitere Investoren mit staatlichem Hintergrund unter den aktuellen Top Ten der Wagnisfinanziers in Deutschland sind:

  • Die IBB Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Berlin, hinter der die Investitionsbank Berlin steht, und über die vor allem Gelder des Bundes, der Länder und der Europäischen Union in den Start-up-Markt fließen

  • Bayern Kapital, eine Tochter der LfA Förderbank Bayern

  • Coparion, ein 2016 vom Bundeswirtschaftsministerium und der KfW Bank gegründetes Vehikel, an das sich Start-ups wenden können, deren Geldbedarf über den Rahmen des HTGF hinaus geht

Bedeutendste rein privatwirtschaftliche Investoren in Deutschlands Gründerszene sind den Zahlen von PitchBook Data zufolge HV Capital sowie b-to-v Partners. HV Capital wurde im Jahr 2000 vom Verlagshaus Holtzbrinck ins Leben gerufen und agiert eigenen Angaben zufolge seit 2010 als eigenständiges Investmenthaus. Das Unternehmen hat prominente Namen wie Zalando, Delivery Hero und Flixbus auf der Liste seiner Referenzinvestments. 1,7 Milliarden Euro von HV Capital stecken heute in etwa 200 jungen Firmen - mehr als 100.000 neue Jobs seien durch die Engagements der Finanzfirma bereits ermöglicht worden, heißt es auf der Website.

b-to-v Partners gibt es ebenfalls seit dem Jahr 2000. Das Unternehmen hat bislang neun Finanzierungsfonds aufgelegt und verwaltet gegenwärtig ein Portfolio von rund 510 Millionen Euro. Und ebenfalls bemerkenswert: b-to-v Partners sitzt nicht in Deutschland sondern in St. Gallen in der Schweiz.

Traditionell haben sich ausländische Investoren jahrelang eher ferngehalten vom hiesigen Gründergeschehen. Erst in letzter Zeit ändert sich das: Weil beispielsweise vielen US-Investoren die Bewertungen der Start-ups in den Vereinigten Staaten inzwischen zu hoch sind, gehen sie anderswo auf die Suche nach Investitionszielen - zum Beispiel in Deutschland. Andersherum öffnet auch die hiesige Start-up-Szene ihre lange verschlossenen Netzwerke allmählich zunehmend für neue Kontakte aus aller Welt .

Sequoia Capital mit Hauptsitz in Kalifornien etwa hat kürzlich eine Niederlassung in London gegründet. Gleiches gilt für Lightspeed Ventures, das seinen Hauptsitz wie Sequoia im kalifornischen Menlo Park hat. Bei großen Finanzierungsrunden wie den jüngsten Kapitalspritzen für Celonis, Trade Republic oder Wefox sind Finanziers wie Sequoia oder auch TVC Capital (Hauptsitz: San Diego, USA) inzwischen regelmäßig mit an Bord.

Dennoch ist weiter Luft nach oben: Wie sehr ausländische Investoren in der Breite nach wie vor einen Bogen um die deutsche Szene machen, zeigt ein Blick auf das Geschehen auf europäischer Ebene:

Die Übersicht macht deutlich, dass Wagnisfinanzierer etwa aus Irland, Großbritannien sowie den USA auf dem alten Kontinent überaus aktiv sind - aber in Deutschland deutlich weniger. Daran hat auch die Geldflut der vergangenen Monate noch wenig geändert.

(Anm. d. Red.: Aufgrund eines Währungs-Umrechnungsfehlers bei unserem Datenlieferanten mussten wir einige Angaben und Daten gegenüber der ersten Version des Artikels anpassen. Wir bitten dafür um Entschuldigung.)

cr
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.