Philipp Alvares de Souza Soares

Big Tech sperrt Trump Eine billige Show

Zu spät, zu opportunistisch: Mit dem Trump-Bann beweisen die Tech-Konzerne abermals ihre Rückgratlosigkeit. Langfristig riskieren sie ihr Geschäftsmodell.
Scheinheilig: Facebook-COO Sheryl Sandberg behauptet gern, das Unternehmen ginge konsequent gegen Hass und Hetze vor.

Scheinheilig: Facebook-COO Sheryl Sandberg behauptet gern, das Unternehmen ginge konsequent gegen Hass und Hetze vor.

Foto: STAFF / REUTERS

Am Montag bewies Sheryl Sandberg (51) abermals, wie schlecht sie für ihren Job als Chief Operating Officer von Facebook geeignet ist. Angesprochen auf die Sperren, mit denen Facebook seit letzter Woche die Accounts von US-Präsident Donald Trump (74) blockiert, gab sie sich lammfromm und entschlossen: "Auch der Präsident steht nicht über unseren Regeln", behauptete Sandberg. Ansonsten wies sie eine Verantwortung Facebooks für die jüngsten Ausschreitungen in Washington größtenteils von sich.

Es war die typische Sandberg-Show, eine Mischung aus Scheinheiligkeit und Worthülsen. Es ist perfide, nun mit Verfassung und Regeltreue zu kommen, wenn man zuvor jahrelang nur den nächsten Quartalsgewinn im Auge hatte. Als wenn Trump, seine Familie und Anhänger nicht schon zuvor Facebooks "Regeln" missachtet hätten. Sich nun auch noch als moralisch überlegen zu inszenieren, ist mindestens peinlich.

Denn es waren Sandberg und ihr Boss Mark Zuckerberg (36), die Trump und vielen seiner ruchlosen Anhänger überhaupt erst eine Plattform boten, auf der sie Hass und Verschwörung schüren konnten. Facebooks Software belohnt emotionale Posts, die oft geteilt oder kommentiert werden. Egal, ob es darin um angebliche Pädophilen-Verschwörungen oder einen Aufruf zur Knochenmark-Spende geht. Sie gehören zur Basis des Geschäftsmodells der meisten Social-Media-Plattformen. Deshalb wehren sie sich auch so sehr dagegen, echte Grenzen zu setzen. Man will keinen Präzedenzfall schaffen.

Man kann sogar die These aufstellen, dass Trump ohne Facebooks Ruchlosigkeit gar nicht erst ins Amt gekommen wäre. Warnungen ehemaliger Mitstreiter vor Desinformation und Missbrauch, wie die des frühen Facebook-Investors Roger McNamee (64), wurden in der Zentrale Menlo Park kaum Beachtung geschenkt.

Man muss Sandberg zugutehalten, dass sie in ihrem Umfeld keine Ausnahme ist. Im Silicon Valley leiden die Menschen nicht nur unter kaum bezahlbaren Mieten, Umweltverschmutzung oder der kalifornischen Feuerbrunst. Es mangelt bereits seit Jahren an Führungskräften mit Rückgrat und intaktem Moralempfinden. Angesichts der wachsenden Macht der Tech-Konzerne ist das fatal und wird ihrer Verantwortung immer weniger gerecht.

Es genügt ein Blick auf die Ereignisse der letzten Tage. Jetzt, da Trump kurz vor dem Abtritt ist, trauen sich die Tech-Konzerne gegen ihn und die ihn stützenden Extremisten vorzugehen. Die Vermutung liegt nahe, dass es dabei auch um ein vorauseilendes Appeasement gegenüber der kommenden Biden-Regierung geht. Selbst der Zimmervermittler Airbnb und das Kurzvideonetzwerk-Snapchat, sonst eher nicht für politische Integrität bekannt, laufen nun mit in der Tech-Bewegung der angeblich Geläuterten. Die Konzerne sperren Accounts oder blockieren Zahlungen. Eine zynische Vorstellung. Viele Maßnahmen sind zwar im Prinzip richtig, kommen aber zu zaghaft oder zu spät.

Facebook, Twitter oder Youtube opfern auch nicht plötzlich ihren geschäftlichen Erfolg für das Gute. Auch wenn etwa der Aktienkurs von Twitter zunächst einbrach: Das Geschäftsmodell der Social-Media-Giganten wird durch die Maßnahmen, die vergleichsweise wenige Accounts betreffen, nicht gefährdet. Mit echten Reformen haben die Sperren wenig zu tun. Vor allem Facebook und die Google-Mutter Alphabet verdienen trotz Skandalen und steigendem Kontrollaufwand seit Jahren prächtig. Selbst die drohende Aufspaltung durch die US-Wettbewerbsbehörden konnte ihrer Erfolgssträhne bislang wenig anhaben. Analysten schätzen, dass Facebooks Umsatz im jüngsten Quartal abermals um knapp 25 Prozent zugelegt hat.

Das ist der Kern des Versagens von Zuckerberg & Co.: Ihre Unternehmen könnten auch dann äußerst profitabel arbeiten, wenn sie konsequenter gegen Hass, Falschinformationen und Gewalt vorgehen würden. Nachhaltig ist dieser Kurs nicht. Er gefährdet das Geschäftsmodell der Internetkonzerne. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und eine intakte Demokratie, die auch für viele ihrer Werbekunden Teil der Geschäftsgrundlage sind, geraten im Westen immer stärker unter Druck. Die grassierende Desinformation gefährdet in der Corona-Krise nun sogar die öffentliche Gesundheit. So wächst der Druck auf die Regierungen endlich einzugreifen.

Es ist kein Zufall, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) oder der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire (51) gestern in die Debatte einmischten und die von den Konzernen ausgesprochenen Sperren für Trump kritisierten. Soziale Netzwerke müssen endlich strenger reguliert und kontrolliert werden. Und zwar vom Staat. Ihre Chefs und Gründer haben bewiesen, dass sie selbst dazu nicht in der Lage sind.