44-Milliarden-Dollar-Deal Was Elon Musk mit Twitter vorhat

Elon Musk ist nicht der erste US-Tech-Milliardär, der ins Mediengeschäft einsteigt. Amazon-Chef Jeff Bezos erwarb die "Washington Post", Mark Zuckerberg erfand mit Facebook das mächtigste soziale Netzwerk überhaupt. Dabei geht es nicht nur ums Geschäft.
Alles meins: Tesla-Chef Elon Musk twittert gern - und will den Kurznachrichtendienst nun übernehmen, um die Spielregeln selbst zu bestimmen

Alles meins: Tesla-Chef Elon Musk twittert gern - und will den Kurznachrichtendienst nun übernehmen, um die Spielregeln selbst zu bestimmen

Foto: OLIVIER DOULIERY / AFP

Elon Musk (50) hat sein Ziel erreicht: Er kann den Kurznachrichtendienstes Twitter kaufen. Der reichste Mann der Welt wird damit König eines der mächtigsten Kommunikationsmittel der Welt. Der 44-Milliarden-Dollar-Deal hat mehr als eine geschäftliche Dimension – er wird Folgen für Millionen von Menschen haben, für Politik, Unternehmen und klassische Medien.

Dass Musk, Chef der US-Firmen Tesla und SpaceX, mit seinem Engagement nicht nur ökonomische Ziele verfolgt, hat er auf Twitter selbst bereits mehrfach deutlich gemacht: In verschiedenen Tweets hatte er in den vergangenen Woche infrage gestellt, ob auf dem Kurznachrichtendienst der Meinungsfreiheit ausreichend Raum gegeben werde.

Musk gehört auf Twitter bereits zu den meistbeachteten und aktivsten Nutzern. 83 Millionen Menschen verfolgen, was der Multimilliardär (laut "Forbes"  verfügt Musk gegenwärtig über ein Vermögen von 265 Milliarden Dollar) auf dem Kurznachrichtendienst verbreitet.

Nicht immer ist das unumstritten. Im Gegenteil. Musk hat mehrfach bewiesen, dass auch wüste Beschimpfungen und "Hate Speech" für ihn von der Meinungsfreiheit gedeckt sind.

Berühmt wurde beispielsweise 2018 seine Behauptung, er wolle seinen Autokonzern Tesla von der Börse nehmen, die Finanzierung für eine solche Transaktion sei gesichert ("Funding secured"). Das erwies sich später als falsch. Musk bekam Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC, musste eine Strafe zahlen und verlor seinen Posten an der Spitze des Tesla-Verwaltungsrats. Einen Vergleich, den Musk in dem Zusammenhang 2019 mit der SEC schloss, versucht der Unternehmer gegenwärtig aus der Welt zu schaffen .

Weitere umstrittene Posts von Musk finden sich reihenweise. 2018 bezeichnete er einen Taucher, der mehrere eingeschlossene Jungen aus einer Höhle in Thailand befreien sollte, als "pedo guy", was öffentlich als Anspielung auf eine mögliche sexuelle Neigung des Tauchers verstanden wurde. Zu Beginn der Corona-Krise spielte Musk die Gefahren der Covid-19-Krankheit herunter und kritisierte die Maßnahmen gegen die Pandemie als "faschistisch".

Den kanadischen Premierminister Justin Trudeau (50) verglich der Tesla-Chef mit Adolf Hitler, als sich Trudeau für die Auflösung von Protestaktionen der Lastwagenfahrer in Kanada aussprach. Den Tweet hat Musk allerdings später wieder gelöscht.

Kurzum: Elon Musk zählt zweifellos zu denjenigen, die die Publikationsmöglichkeiten des sozialen Netzwerks Twitter an ein Riesenpublikum ausgiebig nutzen.

Was er genau mit dem Netzwerk vorhat, ist selbst Twitter noch nicht klar. Twitter-CEO Parag Agrawal erklärte laut "Wall Street Journal" bei einer Mitarbeiterversammlung, dass keine Entlassungen geplant seien und dass sich die Prioritäten des Unternehmens vor der endgültigen Übernahme nicht ändern würden. "Wir wissen nicht, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln wird, sobald Elon Musk das Ruder übernimmt."

Rein geschäftlich will Musk Twitter unabhängiger von Werbeeinnahmen machen. Mit Werbung spielte Twitter laut "Wall Street Journal" im vergangenen Jahr rund 90 Prozent seiner Einnahmen ein. Musk fordert nun, dass Twitter sein Geschäftsmodell stärker auf Abonnements umstellt. Die Plattform bietet bereits den abonnementbasierten Dienst "Twitter Blue" an, der den Kunden für 2,99 Dollar pro Monat Premiumfunktionen wie "Tweet rückgängig machen" bietet. Im Zuge eines Abos könnte nach Meinung von Musk das Angebot werbefrei sein.

Intensiver treibt ihn aber das Thema Meinungsfreiheit um – auch wenn der Tesla-Chef persönlich bislang soweit bekannt kaum betroffen davon war. Schaut man sich seine jüngsten Tweets an, scheint der Neueigentümer sich daran zu stören, dass Twitter inzwischen wie andere soziale Netzwerke über Regeln und Filter verfügt, nach denen bestimmte Inhalte unterdrückt oder mit Warnhinweisen versehen werden. Mehrere Äußerungen von Musk aus den vergangenen Tagen lassen das erkennen.

So fragte er seine Follower Ende März zunächst in einer Umfrage, ob sich Twitter ihrer Meinung nach dem Prinzip der freien Rede verpflichtet fühle.

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Nachdem mehr als zwei Drittel der Umfrageteilnehmer dies verneint hatten, fragte Musk kurz darauf, was nun zu tun sei: "Wird eine neue Plattform benötigt?"

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Inzwischen hat der Tesla-Chef die Antwort darauf selbst gegeben: Durch eine Überarbeitung der bestehenden Plattform von Twitter können mögliche Probleme seiner Ansicht nach offenbar ebenfalls behoben werden. Unter anderem ließ Musk auch schon darüber abstimmen, ob für Twitter-Nutzer eine Möglichkeit geschaffen werden sollte, einmal veröffentlichte Beiträge im Nachhinein zu bearbeiten ("edit button").

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Allerdings kommen die Einschränkungen für die Verbreitung von Inhalten auf sozialen Medien nicht von ungefähr. Immer wieder wurden in der Vergangenheit "Fake News" und Lügen über die Plattformen verbreitet oder Menschen verunglimpft und beleidigt. In den vergangenen Jahren haben Gesetzgeber deswegen weltweit ihr Maßnahmen gegen die negativen Effekte der Netzwerke verstärkt. Betreiber der Plattformen sind dafür verantwortlich, dass auf ihren Webseiten nicht gegen Gesetze verstoßen wird.

Besonderes Aufsehen erregte bei Twitter über viele Jahre der frühere US-Präsident Donald Trump (75), der ein regelmäßiger Produzent fragwürdiger Inhalte auf Twitter, Facebook und Co war. Nach dem Sturm von Trump-Fans auf das Kapitol in Washington Anfang 2021 wurde der abgewählte Präsident schließlich sogar von Twitter und anderen sozialen Plattformen gesperrt – mit der Begründung, er habe im Kontext dieser Ereignisse Gewalt verherrlicht.

Nicht zuletzt deshalb versucht Trump nun, unter dem Label "Truth Social" ein eigenes soziales Medium zu etablieren. Als Gründer und Eigentümer, so offenbar sein Kalkül, kann er auch über die Regeln und Inhalte auf der Plattform bestimmen.

Kaufen statt neu gründen

Einen solchen Gedanken verfolgt vermutlich auch Elon Musk bei seiner Übernahme von Twitter. Ausgestattet mit den nötigen finanziellen Mitteln ist Musk dabei nicht wie Trump gezwungen, mit einer Neugründung den Kampf gegen die etablierte Konkurrenz zu starten. Musk hat stattdessen entschieden, kurzerhand einen der Big Player unter seine Gewalt zu bringen.

Ein Tech-Milliardär mit Macht über ein einflussreiches Medium also – dafür gibt es bereits Vorbilder, und nicht immer ging es bislang gut aus. Jeff Bezos (58) etwa erwarb 2013 für 250 Millionen Dollar die renommierte US-Zeitung "Washington Post". Von direkten Einflussnahmen des Amazon-Gründers und Multimilliardärs auf die Inhalte der "Post" wurde bislang nichts bekannt. Allerdings geriet Bezos später in eine Schlammschlacht mit dem seinerzeitigen US-Präsidenten Trump. Die Tatsache, dass der Amazon-Milliardär hinter der Zeitung steht, die zu den hartnäckigen Kritikern des Polit-Emporkömmlings gehörte, spielte dabei eine wichtige Rolle.

Trump hatte Reportern der "Washington Post" im Wahlkampf 2016 die Akkreditierung entzogen, weil diese allzu kritisch über ihn berichtet hatten. Darauf reagierte die Zeitung, wie man es von einem Blatt erwarten würde, das seine Arbeit ernst nimmt: Die Redaktion stellte etwa ein Dutzend Journalisten ab, die fortan ausschließlich über Donald Trump und sein Umfeld recherchierten. Die "Post" wurde auf diese Weise zur Sperrspitze der Trump-kritischen Medien in den USA.

Donald Trump auf der anderen Seite verfügte über beste Kontakte zu David Pecker (70), dem Herausgeber des US-Klatschblatts "National Enquirer". Das Blatt gelangte einige Zeit später in den Besitz kompromittierender Fotos von Bezos' seinerzeit heimlicher Geliebter Lauren Sánchez (52), einer ehemaligen Moderatorin des US-Senders Fox. Mit den Bildern setzte der "Enquirer" Bezos angeblich so sehr unter Druck, dass dieser sich gezwungen sah, sich von seiner Frau MacKenzie Scott (52) zu trennen und seine Affäre mit Sánchez öffentlich zu machen.

Mega-Skandal um Facebook

Welche Gefahren ein unkontrollierter Umgang mit Daten und Inhalten auf sozialen Medien mit sich bringen kann, zeigt zudem das Beispiel Facebooks mit Gründer und Chef Mark Zuckerberg (37) an der Spitze. Facebook wird seit Jahren kritisiert, dem Streben nach Profit und ökonomischem Erfolg alles unterzuordnen, inklusive etwa der Datensicherheit oder der Rücksicht auf die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der Inhalte.

Bisheriger Tiefpunkt war der Skandal um Facebook und die britische Datenanalysefirma Cambridge Analytica, der 2018 vor allem von der "New York Times"  und dem britischen "Guardian"  aufgedeckt wurde. Wie seinerzeit bekannt wurde, hatte sich Cambridge Analytica in den Jahren zuvor mithilfe einer Quiz-App unerlaubt Daten von bis zu 87 Millionen Facebook-Nutzern verschafft. Mit diesen Daten erstellte Cambridge Analytica Millionen Nutzerprofile und bot diese gegen Geld seinen Kunden an, die mit deren Hilfe gezielt Marketing und Werbung auf Facebook ausspielen konnten. Facebook seinerseits soll bereits Jahre vor der Enthüllung von den Vorgängen erfahren haben, ohne die betroffenen Nutzer oder die Öffentlichkeit darüber zu informieren.

Zu den Kunden, die die fragwürdigen Dienste von Cambridge Analytica in Anspruch nahmen, zählte unter anderem der spätere US-Präsident Trump, der seinen Internetwahlkampf während seiner Kampagne 2016 auf diese Weise per Facebook optimierte. Auch die Befürworter eines Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union ("Brexit") arbeiteten angeblich mit Cambridge Analytica zusammen, um ihr Ziel zu erreichen.

Unter Druck: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei einer Anhörung in Washington nach dem Cambridge-Analytica-Skandal

Unter Druck: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei einer Anhörung in Washington nach dem Cambridge-Analytica-Skandal

Foto: JIM WATSON / AFP

Facebook geriet infolge des Skandals erheblich unter Druck. Unter dem Hashtag #DeleteFacebook wandten sich zahlreiche – auch prominente – Nutzer in sozialen Medien gegen die Plattform. Die US-Politik grillte Gründer und Konzernchef Zuckerberg im Kongress sowie im Abgeordnetenhaus in gleich zwei aufeinanderfolgenden, intensiven Befragungen. An deren Ende herrschte weitgehend Einigkeit, dass eine stärkere Kontrolle und Regulierung großer Social-Media-Plattformen erforderlich sei – allerdings blieb unklar, wie diese aussehen sollte. 2019 brummte die US-Handelsbehörde Federal Trade Commission Facebook zudem ein Rekordbußgeld in Höhe von fünf Milliarden Dollar auf. Hinzu kam eine Strafzahlung an die Börsenaufsicht SEC in Höhe von 100 Millionen Dollar.

Beifall ist Musk sicher

Sollte Elon Musk nach einer Twitter-Übernahme die Regeln zur Veröffentlichung von Inhalten auf dem Kurznachrichtendienst lockern, so begibt er sich auf dünnes Eis. Beifall hat er dabei wohl vor allem aus dem Lager derjenigen zu erwarten, die sich gegen das Establishment in Politik und Gesellschaft wenden und traditionelle Medien generell eher kritisch sehen und in Zweifel ziehen. Dazu zählen neben Trump auch populistische und rechtsgerichtete Protagonisten wie etwa in Großbritannien der Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage (58), in Frankreich die gerade gescheiterte Präsidentschaftsanwärterin Marine Le Pen (53) oder hierzulande die Vertreter der AfD.

Andererseits machte Musk ebenfalls vor wenigen Tagen deutlich, welches Schicksal er für Twitter befürchtet, sollte sich nichts ändern.

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Musk twitterte ein Ranking der zehn Twitter-Nutzer mit den meisten Followern (er selbst steht darauf auf Platz acht). Dazu schrieb er, die meisten dieser Top-Accounts twitterten kaum und brächten wenig Inhalt auf die Plattform. Gefolgt von der Frage: "Stirbt Twitter?"