Übernahmeversuch Tesla-Chef Elon Musk will Twitter für 41 Milliarden Dollar kaufen

Elon Musk will Twitter übernehmen und von der Börse nehmen, um den Kurznachrichtendienst dann nach seinem Willen zu formen. Die Erfolgsaussichten des Coups sind ungewiss.
Ich-Maschine will Ich-Maschine kaufen: Tesla-Chef Elon Musk will den Kurznachrichtendienst Twitter nun vollständig übernehmen. "Twitter hat außergewöhnliches Potenzial", schrieb Musk. "Ich werde es freisetzen."

Ich-Maschine will Ich-Maschine kaufen: Tesla-Chef Elon Musk will den Kurznachrichtendienst Twitter nun vollständig übernehmen. "Twitter hat außergewöhnliches Potenzial", schrieb Musk. "Ich werde es freisetzen."

Foto: Hannibal Hanschke / AP

Tesla-Chef Elon Musk will den Nachrichtendienst Twitter für insgesamt 41,4 Milliaden US-Dollar vollständig übernehmen. Der Multimilliardär und Elektroauto-Pionier gab am Donnerstag ein Angebot zum Kauf aller Aktien des Kurznachrichtendienstes bekannt. Er wolle Twitter nach einer Übernahme von der Börse nehmen, weil der Dienst nur abseits der Börse das "Potenzial als Plattform für Redefreiheit ausschöpfen könne", argumentierte der 50-Jährige. "Twitter hat ein außerordentliches Potenzial", schrieb Musk. "Ich werde es freisetzen."

Der Tech-Milliardär bietet allen Aktionären 54,20 Dollar pro Aktie. Das Papier hatte am Mittwoch bei knapp 46 Dollar geschlossen. Die Offerte enthält somit keinen besonders hohen Aufpreis. Allerdings weist Musk darauf hin, dass der vorgeschlagene Preis einen Aufschlag von mehr als 38 Prozent auf den letzten Preis vor Bekanntwerden seines Einstiegs bei Twitter bedeute, als er 9 Prozent der Anteile übernahm und damit zum größten Aktionär des Unternehmens aufstieg.

"Wenn das Angebot scheitert, muss ich mein Engagement überdenken"

"Ich habe in Twitter investiert, weil ich an sein Potenzial glaube, die Plattform für freie Meinungsäußerung auf der ganzen Welt zu sein", schrieb Musk in einem Brief an Twitter-Chairman Bret Taylor (43). Inzwischen sei ihm aber klar, dass das Unternehmen in seiner jetzigen Form weder gedeihen noch diese gesellschaftliche Aufgabe erfüllen werde. Der Milliardär will die Internetplattform daher von der Börse nehmen. Zudem betonte Musk, dass dies sein endgültiges Angebot sei. "Und wenn es nicht angenommen wird, müsste ich meine Position als Aktionär überdenken."

Twitter erklärte am Donnerstag, das "unverlangte und unverbindliche Angebot aufmerksam" zu prüfen. Der Verwaltungsrat werde dann über das weitere Vorgehen "im besten Interesse des Unternehmens und der Aktionäre" entscheiden. Die Twitter-Aktien  schnellten im frühen US-Handel zunächst um mehr als 13 Prozent hoch und notierten zuletzt rund 7 Prozent im Plus bei 48,99 US-Dollar. Tesla -Aktien standen mit Verlusten von 2,3 Prozent hingegen unter Druck.

Die Erfolgsaussichten von Musks Übernahmeattacke sind unklar. Twitter hat neben dem Streubesitz mehrere Finanzinvestoren als große Anteilseigner, die jeweils zwischen 2 und 8 Prozent der Anteile halten. Es würde also nicht reichen, nur wenige Großaktionäre vom Verkauf zu überzeugen. Zugleich ist Twitter nicht so gut gegen feindliche Übernahmen geschützt wie etwa Facebook, Amazon oder Google, wo Gründer Aktien mit mehr Stimmrechten bekamen. Das erlaubt ihnen, die Kontrolle über das Unternehmen zu behalten, auch wenn sie nicht mehr die Mehrheit der Aktien halten.

Twitter könnte sich mit Ausgabe neuer Aktien wehren

Aber auch wenn Musk bei Twitter theoretisch allein schon mit der Aktienmehrheit ans Ziel kommen könnte – der Dienst hat viele Wege, sich zu verteidigen. Zu den sogenannten "Poison Pills" (Giftpillen), mit denen Unternehmen sich gegen feindliche Übernahmen Wehr setzen, gehört zum Beispiel die Ausgabe neuer günstigerer Aktien an andere Aktionäre. Das verwässert den Anteil eines Angreifers wie Musk.

Dass Musk eine Übernahmeattacke starten könnte, wurde von Beobachtern bereits vermutet, nachdem er am Wochenende einen Sitz im Verwaltungsrat des Unternehmens ausgeschlagen hatte. Gemäß einer Vereinbarung mit Twitter hätte er sich damit nämlich verpflichtet, seinen Anteil nicht über 14,9 Prozent zu erhöhen. Der Verzicht auf die Mitgliedschaft in dem Aufsichtsgremium machte Musk den Weg frei, mehr Anteile zu kaufen.

Musk könnte vieles verändern

Twitter war an der Börse zuletzt insgesamt gut 36 Milliarden Dollar wert. Erst im November hatte sich Twitter-Gründer Jack Dorsey (45) von der Konzernspitze zurückgezogen und an Parag Agrawal (37) übergeben. Musk, mit mehr als 80 Millionen Followern selbst einer der einflussreichsten und reichweitenstärksten Nutzer des Onlinedienstes, ist schon lange als Kritiker von Twitter bekannt. Der Multimilliardär hat dem Unternehmen wiederholt vorgeworfen, die freie Meinungsäußerung einzuschränken. Zudem will Musk auch viele Funktionen bei Twitter verändern.

So startete er vor Kurzem auf seinem Profil eine Umfrage dazu, ob die Twitter-Nutzer eine sogenannte Editier-Funktion wollten, um einen Tweet nach der Veröffentlichung zu korrigieren. In weniger als drei Stunden nahmen mehr als 1,2 Millionen Nutzer an der Umfrage teil. Rund drei Viertel sprachen sich dafür aus, dass Twitter im Nachgang die Korrektur von Tweets ermöglichen soll. Das Unternehmen erklärte daraufhin, diese Funktion zu testen – stellte allerdings klar, dass es schon seit Langem an seiner solchen Möglichkeit arbeite und nicht erst durch Musks Vorschlag auf diese Idee gekommen sei.

Zuletzt hatte Musk für Aufsehen gesorgt, als er seine Follower fragte, ob Twitter "stirbt". Er verwies dabei darauf, dass viele Prominente mit Millionen von Followern wie Justin Bieber sich nur vergleichsweise selten auf der Plattform zu Wort melden.

Will Musk Twitter auf Abo-Modell umstellen?

Wie genau Musk Twitter verändern will, bleibt weitgehend offen – zum Beispiel, wo er die Defizite bei der Redefreiheit sieht. In den vergangenen Jahren waren es in den USA vor allem die Konservativen und allen voran die Anhänger von Ex-Präsident Donald Trump (75), die Twitter "Zensur" vorwarfen. Dabei ging es meist um Maßnahmen gegen die Verbreitung falscher Informationen über das Coronavirus sowie Trumps Behauptungen, dass ihm der Sieg bei der Präsidentenwahl 2020 gestohlen worden sei. Trump wurde inzwischen von Twitter verbannt. Musk hatte in der Anfangszeit der Pandemie selbst die Gefahren durch das Virus heruntergespielt und Corona-Einschränkungen in Kalifornien als "faschistisch" kritisiert.

Das Übernahmeangebot von Musk hat bereits am Donnerstag Spekulationen darüber entfacht, ob der gesperrte Account von Trump dann möglicherweise wieder entsperrt werde. Er werde aber auch in diesem Fall "wahrscheinlich" nicht zurückkehren, meldete sich Trump am Donnerstag zu Wort. Twitter sei "sehr langweilig" geworden. Die Plattform habe die meisten der "wichtigsten Stimmen" bereits verloren.

In einem Tweet am Wochenende ließ Musk außerdem durchblicken, dass er das aktuelle Geschäftsmodell von Twitter mit Werbung als zentrale Einnahmequelle gern durch Abo-Einnahmen ersetzen würde. Auf Anzeigenerlöse angewiesen zu sein, gebe großen Konzernen zu viel Macht, schrieb er.

"Vielleicht wäre ein Aufrütteln des Status quo keine schlechte Sache"

Chefanalyst Michael Hewson von CMC Markets

Eine eigene Presseabteilung wie in anderen Konzernen gibt es bei Tesla nicht. Musk ist aber ein Meister darin, Twitter als Plattform zur Selbstprofilierung und für das Tesla-Marketing zu nutzen. Zwar gab es in der Vergangenheit Spekulationen, bei fast der Hälfte seiner Follower auf Twitter könnte es sich um Fake-Konten oder Bots handeln , doch selbst wenn man die aktuelle Zahl der Follower halbierte, folgen immer noch rund 40 Millionen Menschen dem Tesla-Chef auf dem Medium. Und sie sind empfänglich für Meinungen: Ob Musk sich auf Twitter nun zu Bitcoin, zum eigenen Bitcoin-Investment oder zu Tesla äußerte, in den meisten Fällen bewegte der damit den Wert der Cyberwährung oder eben die Kurse der Tesla-Aktien - mitunter massiv sogar. Das brachte Musk mehrfach Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC ein oder auch mit der US-Verkehrsaufsicht.

Twitter sei zunehmend in die Kritik geraten wegen seiner Zensur von Accounts, "die kein bestimmtes politisches Narrativ vertreten", sagte Chefanalyst Michael Hewson von CMC Markets. Problematisch sei auch die willkürliche Art und Weise, wie der Kurznachrichtendienst Nutzer verifiziere und mit gefälschten Accounts gegenüber echten Nutzern umgehe. Zudem sei Twitter in puncto Kundenservice und beim Versuch, mit seinen vielen Nutzern Geld zu verdienen, nicht sehr erfolgreich und bleibe hinter den Erwartungen zurück. "Vielleicht wäre ein Aufrütteln des Status quo keine schlechte Sache", sagte Hewson. Egal, wie man zu Musk stehe, dieser würde einiges aufmischen. "Die Frage ist nur, ob er die Dinge verschlimmern oder verbessern würde."

Die finanziellen Mittel, Twitter umzukrempeln und zu einer Kommunikationsplattform nach seinen Wünschen auszurichten, hat Musk zweifellos. Der Finanzdienst Bloomberg schätzt sein Vermögen zu jüngsten Aktienkursen auf rund 260 Milliarden Dollar.

mg/dpa-afx, Reuters, AFP