Bericht enthüllt peinliche Klüngeleien Japans Industrieriese Toshiba feuert zwei Vorstände

Bei dem japanischen Industriekonzern Toshiba brodelt es. Verwaltungsratschef Nagayama hat nach einem peinlichen Bericht über Klüngeleien mit dem Handelsministerium Bauernopfer gefunden. Auch für ihn selbst könnte es eng werden.
Führend bei Korruption, nicht nur bei Innovation: Ein peinlicher Enthüllungsbericht rund um Kungeleien kostet vier Toshiba-Spitzenmanager den Job

Führend bei Korruption, nicht nur bei Innovation: Ein peinlicher Enthüllungsbericht rund um Kungeleien kostet vier Toshiba-Spitzenmanager den Job

Foto: Toru Hanai / REUTERS

Die Führungskrise bei dem japanischen Industriekonzern Toshiba spitzt sich zu. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Osamu Nagayama (74) hat nach einer vierstündigen Krisensitzung am Sonntag vier hochrangige Führungskräfte, darunter zwei Vorstandsmitglieder, entlassen. Auch Nagayama selbst steht unter Druck, seinen Posten zu räumen. Die Toshiba-Aktie gewann am Montag rund 2,5 Prozent.

Hintergrund ist ein am Donnerstag veröffentlichter Bericht  externer Anwälte über die Absprachen des Unternehmens mit der japanischen Regierung. In dem 147-seitigen Dokument wird detailliert beschrieben, wie das Toshiba-Management das mächtige japanische Handelsministerium vor der Hauptversammlung im vergangenen Jahr kontaktierte und es um Hilfe im Kampf gegen ausländische Investoren bat. Die größten Anteilseigner des Unternehmens hatten zu diesem Zeitpunkt versucht, den damaligen CEO von Toshiba, Nobuaki Kurumatani (63), aus dem Amt zu drängen.

Der Untersuchung zufolge hätten Toshiba-Manager damals versucht, den Fonds Effissimo Capital dazu zu bewegen, die Nominierung seiner eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat zurückzuziehen. In einer E-Mail eines Toshiba-Managers, die die Ermittler aufführten, hieß es zu Effissimo: "Wir werden das Wirtschaftsministerium bitten, sie für eine Weile fertigzumachen." Letztlich wurde keiner der drei Effissimo-Kandidaten in den Toshiba-Aufsichtsrat gewählt.

Zudem bat das Ministerium dem Bericht zufolge einen "Mr. M" genannten Berater, mit dem Stiftungsfonds der US-Universität Harvard zu verhandeln, damit dieser sein Abstimmungsverhalten auf der Hauptversammlung ändere. Insider hatten der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, dass Hiromichi Mizuno (55), der zu dieser Zeit Berater des Ministeriums war, dem Harvard-Fonds mit einer behördlichen Untersuchung gedroht hatte, falls dieser nicht den Empfehlungen des Managements bei der Abstimmung auf der Hauptversammlung folge.

Auch Ministerpräsident Suga soll in die Affäre involviert sein

Die Affäre zieht Kreise bis ganz hoch in die japanische Politik: Dem Untersuchungsbericht zufolge hat Ministerpräsident Yoshihide Suga (72) in seiner vorigen Position als Minister einen Toshiba-Manager verbal dazu ermutigt, Druck auf die Aktionäre auszuüben. Suga hat diesen Vorwurf zurückgewiesen.

Die Untersuchung wurde von einer beispiellosen Aktionärsrevolte initiiert. Die Anteilseigner hatten im März für eine unabhängige Untersuchung gestimmt, um den Vorwürfen der Beeinflussung von Anteilseignern nachzugehen.

Am Freitag vergangener Woche hatten vier der nicht geschäftsführenden Direktoren von Toshiba die Erkenntnisse aus dem Bericht in einer gemeinsamen Erklärung verurteilt. Management und Vorstand hätten Maßnahmen ergriffen, die "inakzeptabel und direkt gegen die Interessen unserer Aktionäre" seien, zitierte die "Financial Times " ("FT") aus der Stellungnahme. Die Führungskräfte hätten in ihrem Schreiben zudem bekannt gegeben, dass sie die gesamte Liste der von Toshiba für die Hauptversammlung am 25. Juni nominierten Direktorenkandidaten nun nicht mehr unterstützten.

Der Toshiba-Vorstand selbst reagierte erst am Sonntag auf den Bericht: "Wir werden Verantwortlichkeiten klären und geeignete Maßnahmen ergreifen, um so etwas in Zukunft zu verhindern", heißt es in der Erklärung von Toshiba. Zwei von den am Sonntag entlassen Führungskräften sind der "FT" zufolge der Leiter und ein weiteres Mitglied des internen Prüfungsausschusses, der nach den Vorwürfen der Einflussnahme ausländischer Investoren ins Leben gerufen wurde. Der Ausschuss kam damals zu dem Schluss, dass bei der Hauptversammlung im vergangenen Jahr kein Fehlverhalten von Toshiba-Führungskräften vorlag.

Großaktionär fordert Rücktritt von Nagayama

Inzwischen hat der zweitgrößte Aktionär des japanischen Industriekonzerns, 3D Investment Partners, in einem Brief den sofortigen Rücktritt von Nagayama und drei weiterer Direktoren gefordert. Der Aktionär hält 7,2 Prozent an Toshiba. In dem Schreiben, das der Nachrichtenagentur Reuters vorlag, wird Nagayama für Versäumnisse in der Unternehmensführung und den Widerstand des Vorstands gegen eine externe unabhängige Untersuchung verantwortlich gemacht.

Der Verwaltungsratsvorsitzende wies die Forderungen nach einem Rücktritt am Montag zurück und schob die Schuld dem ehemaligen CEO Nobuaki Kurumatani (63) zu, der im April dieses Jahres nach einer verpatzten Übernahme durch den Finanzinvestor CVC Capital Partners zurückgetreten war. "Es gab damals eine konfrontative Haltung gegenüber Aktionären", versuchte Nagayama die Situation zu erklären. Toshiba werde nun eine Krisensitzung einberufen, um neue Vorstandsmitglieder zu ernennen.

Die 1875 gegründete Unternehmensgruppe gehört zu den bekanntesten Namen der japanischen Wirtschaft. Ein desaströser Ausflug in das US-Atomkraftgeschäft und ein Bilanzskandal hatten Toshiba jedoch Mitte des vergangenen Jahrzehnts an den Rand des Abgrunds gebracht. Um die Milliardenverluste auszugleichen, hat der Konzern inzwischen seine Speicherchipsparte und das Geschäft mit PCs und Notebooks verkauft. Geführt wird das Unternehmen nach dem Rücktritt von Kurumatani derzeit übergangsweise von Satoshi Tsunakawa (65), der den Konzern schon in der unmittelbaren Krisenzeit von 2016 bis 2018 geleitet hatte. Im Jahr 2019 erwirtschafte Toshiba mit seinen 140.000 Mitarbeitern einen Umsatz von knapp 28 Milliarden Euro.

mg mit Material von Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.