Dating-App Tinder Es matcht nicht mehr – die Geschichte eines Absturzes

Lange ging es für die wichtigste Dating-App der Match Group nur nach oben. Doch nun kriselt es beim Marktführer, der Wachstumstrend ist gebrochen. Konzernchef Bernard Kim muss nach dem Rausschmiss von Tinder-Chefin Renate Nyborg so einige Probleme lösen.
Kein Like: Die jüngste Generation der jungen Nutzer tindert nicht

Kein Like: Die jüngste Generation der jungen Nutzer tindert nicht

Foto: Johannes Schmitt-Tegge / dpa

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Gerade erst postete Bernard Kim (44) Fotos einer rauschenden Partynacht. In Los Angeles feierte er gemeinsam mit dem Team von Tinder das zehnjährige Bestehen der weltgrößten Dating-App. Tinder habe die Art revolutioniert, wie Menschen sich verabreden, schrieb Kim auf LinkedIn . "Ich hatte einen Riesenspaß mit dem Team zu feiern."

Das mag stimmen, doch ansonsten ist dem CEO der Match Group der Spaß an seinem wichtigsten Umsatzbringer gehörig vergangen. Im Mai war Kim von der Computerspielefirma Zynga an die Spitze des Tinder-Mutterkonzerns gewechselt – und hat nach nur wenigen Monaten die Reißleine gezogen. Er stoppte diverse zentrale Projekte und entließ im August die erst vor einem Jahr installierte Tinder-Chefin Renate Nyborg (36). Kim führt die Geschäfte nun erstmal lieber selbst – die Suche nach einem neuen Tinder-Chef läuft. Genau wie die nach einer Strategie.

Die weltweit bekannteste und lange Zeit strahlende Dating-App hat ihren Glanz verloren. Die Zahlen sind schwächer als gedacht, der Aktienkurs des Mutterkonzerns ist binnen einem Jahr um mehr als 60 Prozent eingebrochen und erreicht täglich ein Fünf-Jahres-Tief nach dem nächsten. Die Frage ist nun, wie so oft nach einem Absturz, wie es weitergehen soll.

In dem Jahrzehnt seit der Gründung ist Tinder zur erfolgreichsten Dating-App der Welt geworden. Nutzerinnen und Nutzer bekommen auf ihrem Smartphone Fotos potenzieller Partner angezeigt und wischen sich so durch eine ganze Galerie. Ein Swipe nach links bedeutet so viel wie "Kein Interesse"; Swipen beide nach rechts, ergibt sich ein Match und der Flirt kann beginnen. Ingesamt wurde Tinder inzwischen weltweit mehr als 530 Millionen Mal heruntergeladen. Auch in Deutschland steht die Singlebörse nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Data.ai unter den Dating-Apps an der Spitze, was die Zahl der Downloads und der aktiven Nutzer betrifft.

Zwar bietet Tinder eine kostenlose Variante mit Werbung an, erweiterte Funktionen oder ausgeblendete Werbung sind jedoch kostenpflichtig. So verdient Tinder auch Geld über In-App-Käufe sowie Abonnements, bei denen Features wie unbegrenzte Likes, Nachrichten ohne vorheriges Match oder Standortwechsel freigeschaltet sind. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Dienst 1,65 Milliarden Dollar Umsatz, mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Match Group, zu der noch etliche weitere Dating-Portale wie OkCupid, Hinge oder Plenty of Fish gehören.

Wirtschaftlich herrscht Alarmstimmung. Seit Sommer 2021 stagniert das Geschäft oder ist sogar rückläufig. Die Match-Umsätze sind nun schon zwei Quartale in Folge zurückgegangen, auf zuletzt 794,5 Millionen Dollar im zweiten Quartal 2022. Der operative Gewinn brach ebenfalls ein und rutschte um knapp eine Viertel Milliarde Dollar auf minus 10 Millionen. Unterm Strich meldete Konzernchef Kim gar einen Nettoverlust von 31,9 Millionen Dollar , dabei hatten Analysten mit einem Gewinn von mehr als 150 Millionen Dollar gerechnet. Die Perspektive verspricht auch kaum Besserung: Für das laufende Quartal rechnet Kim mit nur noch gleichbleibendem Geschäft; den ursprünglich avisierten Umsatz werde die Gruppe um gut 80 bis 90 Millionen Euro verfehlen.

Hauptproblem des Dating-Riesen ist: Tinder. Zwischen der App und der jungen Zielgruppe matcht es nicht mehr. Die Singles der Generation Z tindern nicht. Sie weichen auf alternative Online-Dienste aus, um nach einem Partner oder einer Partnerin zu suchen: Tinder verliert Marktanteile. 2021 ging die Zahl der Downloads von Tinder um 5 Prozent auf 70,7 Millionen zurück, während Konkurrenten wie Bumble ein stetiges Wachstum verzeichneten. "Die Anmeldungen haben noch nicht wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht", gestand kürzlich Gary Swidler (50), Leiter des Operativen Geschäfts und Finanzchef der Match Group, gegenüber der Financial Times .

Konzernchef Kim nimmt selbst das Ruder in die Hand

Tinder-Chefin Nyborg, erst vor weniger als einem Jahr als erste Frau auf dem Posten installiert, traute Kim die Wende offenbar nicht zu. Die Umsatzwachstumserwartungen für Tinder lägen "unter unseren ursprünglichen Erwartungen, da mehrere Optimierungen und neue Produktinitiativen enttäuschend umgesetzt wurden", begründete Kim Nyborgs Abberufung. Zusätzlich hat er weitere Topleute ausgetauscht und neue Strukturen geschaffen. Man werde nach einem neuen Chef oder einer neuen Chefin für die Einheit suchen, kündigte Kim an. Bis dahin übernimmt er selbst die Geschäfte.

Der Manager hat eine Karriere in der Gaming-Industrie hinter sich. Fast zehn Jahre lang war er bei Electronic Arts, es folgten sechs Jahre beim Onlinespielehersteller Zynga ("Farmville"; "World of Candy"), zuletzt im Spitzenamt als President. Die Erfahrungen dort könnten nun helfen, auch Tinder wieder voranzubringen. "Neue Nutzer bleiben eine Herausforderung und hier kommt die Produktinnovation ins Spiel", analysiert Finanzchef Swidler. Man müsse den Leuten einen neuen Grund geben, in die App zu kommen, denn sie hätten "schon lange nichts Neues und Aufregendes mehr erlebt". Tinder muss neue Features wie das ursprüngliche Swipen entwickeln. "Wir müssen herausfinden, was die nächste große Sache ist."

Vor allem die Zahl der zahlenden Abonnenten stagniert. Seit Sommer 2021 verharrt sie konstant bei gut 16 Millionen; Tinder selbst hat rund 10,9 Millionen zahlende User. Und der Umsatz pro Kunde des Dating-Konzerns ist nun schon zwei Quartale in Folge sogar rückläufig: zuletzt waren es noch 15,86 Dollar.

Gamifizierung der App läuft nicht

Um die Gamifizierung der App zu beschleunigen, hat Match Führungskräfte von Spieleherstellern wie Electronic Arts, Glu, King oder eben Zynga eingestellt. Nur sind diverse Ideen zuletzt gescheitert. Erst im November hatte Tinder die virtuelle Währung Tinder Coins eingeführt, mit der User Funktionen in der App kaufen konnten. Nicht einmal ein Jahr später hat Kim das Projekt nach gemischten Ergebnissen wieder eingestellt. Man habe beschlossen, einen Schritt zurückzugehen und diese Initiative zu überdenken, damit sie effektiver zu den Einnahmen von Tinder beitragen könne, erklärte er.

Eine Lösung braucht auch die große Wette des Unternehmens auf das Metaverse. Wie zahlreiche Luxusmarken  oder der Facebook-Mutterkonzern Meta setzt auch Tinder auf die gehypten virtuellen 3D-Welten. Vergangenen Herbst hatte das Management noch angekündigt, eine neue, virtuelle Form des Online-Datings zu erschaffen. Jetzt hat Kim auch diese Pläne auf Eis gelegt und entschieden, die Investitionen in das Metaverse zurückzufahren. Der Grund: die ungewisse Entwicklung der virtuellen Internet-Welt.

Zudem kämpft Tinder mit einem negativen Ruf. Dazu zählt nicht nur die Kritik am oberflächlichen Aussortieren von Menschen über die Swipe-Funktion oder das Image, für langfristiges Dating und die Suche nach einem festen Partner weniger geeignet zu sein. Es mehren sich Berichte insbesondere von Frauen, die mit der App negative Erfahrungen gemacht haben. Nun soll ein neues Abonnement-Paket helfen, das auf kuratierten Empfehlungen basiert und demnächst auf den Markt kommen soll. "Wir glauben, dass das besonders Frauen anspricht", sagte Kim im August.

Aus Sicht von Finanzchef Swidler müsse das Unternehmen den Blick auch auf die Teenager richten und sich fragen, was sie in ein oder zwei Jahren benutzen, wenn sie für eine Dating-App in Frage kommen. "Das ist die Zielgruppe, die wir im Auge behalten müssen, die Gen Z." Momentan ziehe Tinder eher ältere Leute an.

Rivale Bumble holt auf

Besser läuft es für Konkurrent Bumble, das von Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe Herd (33) gegründet wurde. Sie verantwortete damals bei Tinder das Marketing, bis sie das Unternehmen verließ und es wegen sexueller Belästigung und missbräuchlichem Verhalten verklagte. Noch im gleichen Jahr kam sie mit Bumble, einer feministischen Version von Tinder, zurück, bei der nur Frauen Männer zuerst anschreiben können. Der Börsengang vergangenes Jahr machte Herd zur bis dato jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt.

Ausgematcht: Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe Herd verließ die Match Gruppe und gründete Bumble

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Foto: JOHN ANGELILLO / UPI Photo / IMAGO

Zwar verlor die Aktie  wie bei vielen anderen Tech-Firmen in den vergangenen Monaten ebenfalls kräftig an Wert. Laut Data.ai legte die Zahl der Downloads der App im vergangenen Jahr aber um 20 Prozent zu, auf 21,1 Millionen. Noch zählt der Dienst immer noch deutlich weniger zahlende Nutzer als Rivale Tinder. Aber dafür geben die Kunden bei Bumble im Durchschnitt mit knapp 30 Dollar pro Monat doppelt so viel aus wie bei der Nummer eins.

Große Sorgen macht Swidler sich naturgemäß nicht. "Tinder ist immer noch das größte Dating-Unternehmen der Welt", sagt er. "Und das ist ein großer Vorteil, denn wenn man Leute kennenlernen will, geht man am besten dorthin, wo es viele Leute gibt."

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