Hedgefonds mit Milliardenverlust Der Aufstieg und Absturz von Tiger Global

Alles auf Tech: Mit aggressivem Tempo und hohen Einsätzen stürzte sich der Wagniskapitalfonds Tiger Global jahrelang auf Technologieaktien. Nun löst der Kurssturz in der Branche Schockwellen aus. Selten zuvor hat ein Hedgefonds in so kurzer Zeit so viel Geld verloren.
Gründer Chase Coleman mit seiner Ehefrau Stephanie: Mit einem Vermögen von rund 11 Milliarden Dollar wurde er zu einem der reichsten Menschen in der Finanzbranche

Gründer Chase Coleman mit seiner Ehefrau Stephanie: Mit einem Vermögen von rund 11 Milliarden Dollar wurde er zu einem der reichsten Menschen in der Finanzbranche

Foto: Bloomberg via Getty Images

Lange gehörte Tiger Global zu den Top-Performern der Hedgefonds-Branche. Die Jahresrenditen lagen bis 2020 oberhalb der Marke von 20 Prozent – unterstützt durch schlagkräftige Wetten auf Technologieaktien. Durch die weltweite Wagniskapitalmacht wurde Gründer Chase Coleman (46) mit einem Vermögen von rund 11 Milliarden Dollar zu einem der reichsten Menschen in der Finanzbranche. Anfang 2021 nahm ihn die Londoner Dachfondsfirma LCH Investments sogar in ihre Ruhmeshalle der "leistungsstärksten Hedgefonds-Manager aller Zeiten" auf, nachdem er im Vorjahr Gewinne in Höhe von 10,4 Milliarden Dollar eingeholt hatte.

Doch Colemans Erfolgsserie hat wegen des Kurssturzes an der Nasdaq und bei Techwerten weltweit nun ein jähes Ende. Tiger Global steuert auf sein schlechtestes Jahr seit der Gründung vor 20 Jahren zu. In den ersten vier Monaten dieses Jahres hat der Hedgefonds nach Angaben der "New York Times" rund 17 Milliarden Dollar verloren. Damit erhöhte sich der Verlust auf 44 Prozent, was einen der größten Dollarrückgänge für einen Hedgefonds in der Geschichte darstellt. In den vergangenen zwei Wochen dürfte der Verlust noch größer geworden sein.

17 Milliarden Dollar Verlust binnen vier Monaten

"Der April hat zu einem sehr enttäuschenden Start ins Jahr 2022 für unsere Publikumsfonds beigetragen", schrieb Tiger Global in einem Investorenbrief. Der Grund: Schnell wachsende Tech-Unternehmen in den USA und China – die früher Haupttreiber der Kursgewinne des Fonds waren – sind im Wert deutlich gesunken. Der Lockdown in China sowie der Schritt der Fed, die Zinssätze anzuheben, hat die Attraktivität von wachstumsstarken Unternehmen gedämpft.

Meta und Microsoft im Portfolio

Zu Beginn des Jahres sind unter anderem Meta sowie Microsoft im Portfolio von Tiger Global - auch diese beiden Schwergewichte verzeichnen hohe Rückgänge, allen voran die Facebook-Mutter Meta. Im Februar verkündete Meta erstmals sinkende Zahlen der täglichen Facebook-Nutzer. Daraufhin stürzte der Kurs des Konzerns: Die Aktien verloren innerhalb eines Tages 27 Prozent und 230 Milliarden Dollar Börsenwert. Seither gehört der Konzern nicht mehr zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt.

Und auch Microsoft hat derzeit mit Kursrückschlägen zu kämpfen - trotz steigender Umsätze. Nachdem der Tech-Riese die 2-Billionen-Marke im Juni vergangenen Jahres geknackt hatte, beträgt die Performance seit Jahresanfang nun minus 24 Prozent. Der technologielastige Nasdaq 100 rutschte allein im April um 13 Prozent ab und brachte damit den größten monatlichen Rückgang seit 2008.

Politik des lockeren Geldes

Die Geschwindigkeit des Rückgangs hat in der gesamten Hedge-Fonds-Branche Schockwellen ausgelöst. Investoren, darunter Stiftungen, Fonds und Pensionsfonds, fürchten um ihr Geld. Bereits im vergangenen Jahr hatte manager magazin darüber berichtet, wie das Geschäftsmodell von Tiger Global immer mehr Investoren ins Risiko treibt. 

Tiger Globals Politik des lockeren Geldes ist die Folge eines historischen Missverhältnisses. Da die Notenbanken die Märkte jahrelang mit Geld geflutet haben, ist jetzt viel mehr Wagniskapital da, als es interessante Start-ups gibt. Mit seinen Dollarscheinen trieb Coleman die ohnehin schon hohen Bewertungen immer weiter nach oben - und erlebt nun einen Absturz.

Das hat auch Auswirkungen auf die Geldströme in der Wagniskapital-Szene. Crossover-Fonds wie Tiger Global investieren inzwischen früher als sonst, also teilweise schon in der A-Runde oder sogar bereits in Seed-Runden – also genau dann, wenn der typische VC einsteigen möchte. "Es wird nicht jedem klassischen Venture Capital Investoren leichtfallen, da seinen Mehrwert zu zeigen, wenn er mit Tiger und Co. konkurrieren muss", sagte der Techinvestor Phillip Klöckner im Interview.   Doch aktuell ist auch in der VC-Branche angesichts des Tech-Crashs eine Zurückhaltung zu spüren. Das Geld fließt nicht mehr von selbst.

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