Techkonzerne unter Druck Diese Branchen hat China schon ins Visier genommen

Alibaba, Didi, Meituan, Tencent - ein chinesischer Techkonzern nach dem anderen gerät unter staatlichen Druck. Aus Sorge um soziale Stabilität hebelt die Führung auch die Geschäftsmodelle der Vorzeigefirmen aus. Die jüngsten Interventionen im Überblick.
"Geistiges Opium": Rollenspielerin am Stand von Tencent Games auf der Entertainment-Messe Chinajoy in Shanghai Ende Juli

"Geistiges Opium": Rollenspielerin am Stand von Tencent Games auf der Entertainment-Messe Chinajoy in Shanghai Ende Juli

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ALY SONG / REUTERS

Das nennt man wohl vorauseilenden Gehorsam: Chinas Internetkonzern Tencent schränkt sein Multimilliardengeschäft mit Onlinespielen wie "Honor of Kings" ein, damit Minderjährige weniger Geld und Zeit beim Zocken lassen. Branchenweit soll ein Mindestalter von 12 Jahren gelten, schlug Tencent am Dienstag vor. Staatliche Vorschriften dazu gibt es noch gar nicht, nur einen - inzwischen abgeschwächten - Kommentar der Staatszeitung "Economic Information Daily", der in der Ursprungsfassung über "geistiges Opium" schimpfte.

"Keiner Branche darf es erlaubt sein, sich in einer Weise zu entwickeln, die eine ganze Generation zerstört", hieß es in dem Artikel. Diese Worte reichten schon, um den Börsenwert von Tencent um bis zu 60 Milliarden Dollar schrumpfen zu lassen und die ganze Entertainmentindustrie Chinas mitsamt ihrer internationalen Investoren in Aufruhr zu versetzen.

Wertvollster Konzern Chinas verliert stark an Börsenwert

Tencent ist nicht nur Weltmarktführer im Gaming, sondern auch der wertvollste Konzern Chinas, Gründer Pony Ma (49) der reichste Mann des Landes. Bislang galt er als Aushängeschild für die Wirtschaftsmacht Chinas. In diesem Frühjahr durfte Ma wieder einmal als Delegierter seiner Heimatprovinz Guangdong zum Volkskongress nach Peking reisen, musste zugleich aber auch bei der Kartellbehörde antreten. Droht den mächtig gewordenen digitalen Monopolen Chinas eine Zerschlagung, womöglich gar ernster als den US-Techriesen im Silicon Valley? Jedenfalls scheint die kommunistische Führung inzwischen deutlich mehr Wert auf soziale Kontrolle zu legen und dafür im Zweifel auch die bislang gefeierten globalen Champions opfern zu wollen. Zuletzt häuften sich die staatlichen Eingriffe zulasten der Konzerne.

Lieferdienste dürfen kein Tempo machen

Ende Juli griffen mehrere Ministerien und Behörden gegen das Geschäftsmodell der "Gig Economy" beispielsweise in Lieferdiensten durch. Eine neue Richtlinie soll die Arbeitsrechte der Boten sichern: Bezahlung über dem örtlichen Mindestlohn, Pausen, sichere Helme, Zugang zu Unfall- und Krankenversicherungen. Betreiber wie Meituan dürfen ihre Millionen Fahrer nicht mehr in Drittfirmen auslagern und müssen sogar helfen, sie in Gewerkschaften zu organisieren. Nicht zuletzt dürfen Algorithmen nicht mehr die schnellsten Fahrer zum Maßstab für alle Kollegen machen. Stattdessen werden moderate Modelle vorgeschrieben, die den Kurieren "angemessene Zeit zum Abschluss ihrer Lieferungen" lassen. Im April hatte ein Beamter undercover die Hetze einer Tagesschicht als Meituan-Fahrer dokumentiert, das Video ging viral. Auch in diesem Fall kostete die staatliche Profitbremse zig Milliarden an Börsenwert.

Immobilienkonzerne sollen nicht spekulieren

Ebenfalls im Juli rauschten die Kurse der Immobilienentwickler ab, nachdem das Wohnungsbauministerium eine Untersuchung ihrer Geschäftspraktiken ankündigte. "Unregelmäßigkeiten" in der freizügigen Vergabe von Hypotheken sollten in den nächsten drei Jahren abgestellt werden. Immer wieder wurde ein Zitat von Partei- und Staatschef Xi Jinping (68) bemüht: "Häuser sind zum Wohnen da, nicht zum Spekulieren." Die Führung fürchtet Unmut, weil sich große Teile des Volks das Wohnen in vielen Metropolen wegen der stark gestiegenen Immobilienpreise nicht mehr leisten können und anderen die Überschuldung droht, wenn eine Spekulationsblase platzt. Sie gar nicht erst weiter wachsen zu lassen, durchkreuzt aber auch das Geschäft der Entwickler. China Evergrande als einer der größten steht aktuell vor einer Umschuldung.

Privater Bildungssektor: Nachhilfe nur noch als Non-Profit

Auch in der Bildung wird ein hochprofitables Geschäft abgewürgt. Ende Juli schrieb das Bildungsministerium vor, dass Nachhilfefirmen für den Schulunterricht keine Gewinne mehr erzielen, Kapital einwerben oder an die Börse gehen dürfen. "Werbung ist überall, die ganze Gesellschaft wird damit bombardiert", hieß es in der Erklärung. "Das hat das normale Bildungsumfeld zerstört." Nun werden den Chinesen, die um das Fortkommen ihrer Kinder im harten Wettbewerb fürchten, hohe Kosten erspart. An der Börse gingen abermals Multimilliardenwerte bei Firmen wie Tal Education, New Oriental Education, Gaotu Techedu oder der Tencent-Beteiligung Vipkid verloren. Investoren wie Softbank, die Risikokapital in chinesische Lernapps gesteckt haben, können das Geld nun nicht mehr an der Börse herausholen.

Gleiche Preise für alle im Onlinehandel

Anfang Juli veröffentlichte die Marktaufsicht neue Regeln für Preise im Onlinehandel. Dumping unterhalb des Einkaufspreises soll künftig ebenso verboten werden, wie unterschiedliche Preise für dasselbe Produkt von verschiedenen Kunden zu verlangen. Zuvor hatten die großen Plattformen wie JD.com, Meituan oder Alibaba sich bereits verpflichten müssen, keine Vorteile mehr aus ihren Big-Data-Analysen über treue Kunden mehr zu ziehen.

Datenschutz bremst Didi aus

Unter Verweis auf den Datenschutz nahm die Cyberspace Administration of China Anfang Juli auch die App des führenden Fahrdienstes Didi vom Markt. Hintergrund ist ein neues Datenschutzgesetz, das im September in Kraft tritt. Anfang kommenden Jahres sollen noch Regeln ähnlich der europäischen Datenschutzgrundverordnung hinzukommen. Die neuen Regeln haben branchenübergreifend Folgen auch weit über Didi hinaus, weil beispielsweise das Nutzen von Servern im Ausland sanktioniert wird. Im Fall Didi aber war das Durchgreifen pikant, weil das Unternehmen erst wenige Tage zuvor in einem Börsengang in New York mehr als sechs Milliarden Dollar eingenommen hatte und der Aktienkurs umgehend abrauschte.

Fragliche Finanzmacht des Fintech-Riesen Ant

Einen ersten Höhepunkt erreicht hatte die neue Welle der Interventionen schon im November 2020, als der unmittelbar bevorstehende Börsengang der Alibaba-Fintech-Tochter Ant Group mit einem angepeilten Firmenwert von 315 Milliarden Dollar gestoppt wurde. Alibaba-Chef Jack Ma (56), trotz kommunistischen Parteibuchs schon oft mit der Staatsführung aneinandergeraten, darf das Land bis zum Abschluss einer Untersuchung des Ant-Geschäftsmodells nicht verlassen. Grundsätzlich geht es um die Sorge vor einer Gefahr für die Finanzstabilität, weil Ant über Algorithmen freigiebig Kredite verteilt, die Risiken aber in den Bilanzen der Partnerbanken landen.

Hinzu kommt mit Blick auf den Börsengang der Vorwurf, dass Ant den Kauf seiner eigenen Aktien über Kredite an Kleinanleger mit finanziert hat - und vor allem, dass sich ein Netzwerk einflussreicher Politiker und ihrer Familien damit bereichern wollte. Nun wird auch gegen lokale Regierungen und den Staatsfonds ermittelt, der eigentlich im Ausland investieren soll; ebenso gegen die Regulierungsbehörde, die trotz der laufenden Untersuchung der Ant-Praktiken den Börsengang freigab. Die Shanghaier Börse Star, 2019 gestartet als Chinas Antwort auf die New Yorker Techbörse Nasdaq, muss nun weiter auf den großen Erfolg warten - wenn denn überhaupt noch einer kommt.

Investoren stehen nun vor der Frage, welche Branchen als nächste an die Reihe kommen.

ak
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