Urlaub mit der App Mit Luca nach Sylt

Seit Freitag ist klar: Auch die beliebte Urlaubsinsel Sylt öffnet sich vorsichtig für den Tourismus. Wie die meisten anderen Bundesländer setzt auch die Landesregierung in Kiel dabei auf die Luca-App. Warum eigentlich?
Endlich wieder Urlauber empfangen: Sylt gehört zur Modellregion Nordfriesland

Endlich wieder Urlauber empfangen: Sylt gehört zur Modellregion Nordfriesland

Foto: Axel Heimken / dpa

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie mit Lockerungen und Lockdown im Wechsel kennt dieses Problem jeder, egal ob im Restaurant, im Einzelhandel oder bei einer Veranstaltung: Um die Kontaktnachverfolgung für die Gesundheitsämter zu ermöglichen, müssen Gäste, Kunden und Fans vor dem Eintritt ihre Kontaktdaten in einer Liste eintragen. Und zwar mit Stift und Zettel.

Dass dies im 21. Jahrhundert vielleicht auch anders geht, zeigen die sogenannten Corona-Apps. Die kleinen Programme sollen die Papierlisten zur Erfassung von Kontaktdaten digitalisieren und die Kontaktnachverfolgung erleichtern. Die Benutzung erfolgt entweder per App oder über den Browser. Standard ist bei allen, dass vor dem Betreten eines Restaurants oder einer Veranstaltung zuerst ein QR-Code mit dem Smartphone gescannt werden muss, wodurch die Kontaktdaten der jeweiligen Person erfasst werden.

Dutzende Anbieter haben bereits entsprechende Programme entwickelt. Eine der bekanntesten und meistverbreiteten Apps ist Luca. Mehr als drei Millionen Mal ist das Programm in Deutschland bereits heruntergeladen worden. Auch Schleswig-Holstein, das mit seiner Modellregion Nordfriesland nun auch die beliebte Urlaubsinsel Sylt vorsichtig öffnet, macht Luca zur Voraussetzung für Urlaub in der Region .

Die App ist vor allem durch ihren prominenten Fürsprecher, dem Rapper Smudo (53) von den "Fantastischen Vier", deutschlandweit bekannt geworden. Entwickelt wurde das Programm von dem Berliner Start-up Nexenio, das die Informatiker Patrick Hennig (CEO) und Philipp Berger (CTO) als Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts im Jahr 2015 gründeten.

Entscheidung für Luca ohne staatliche Ausschreibungen

Die App kann allerdings nur an Orten genutzt werden, an denen die zuständigen Gesundheitsämter mitmachen. Eine bundesweite Einigung auf eine Check-in-App steht zwar weiterhin aus. Doch inzwischen haben sich 13 von 16 Bundesländern für Luca entschieden. Mit dabei sind nach Angaben der Betreiber neben Schleswig-Holstein auch Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, das Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern. Damit hat Nexenio bis jetzt rund 25 Millionen Euro aus Steuergeldern eingenommen. Bisher noch nicht entschieden haben sich Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Streit um das Ausschreibeverfahren

Gegenwind gab es zudem in Thüringen, wo sich Ministerpräsident Bodo Ramelow (65, Linke) zunächst für Luca starkgemacht hatte. Hier hat die rot-rot-grüne Regierung nach Beschwerden etlicher Luca-Konkurrenten über angebliche Mauscheleien bei der Vergabe jetzt erst einmal eine Ausschreibung gestartet – eigentlich ein normaler Vorgang bei staatlichen Aufträgen, auf den bis jetzt in den meisten Ländern aber verzichtet wurde. Auch in Mecklenburg-Vorpommern prüft die Vergabekammer nach einer Beschwerde dazu bereits, ob die Vergaberichtlinien eingehalten wurden.

Doch Kritik rufen nicht nur die unterlassenen Ausschreibeverfahren bei der Luca-App hervor. Auch das Thema Datenschutz sorgt für Ärger. So haben beispielsweise die deutschen Datenschutzbehörden Ende März in einer gemeinsamen Stellungnahme erklärt, es bestehe das Risiko einer schweren Beeinträchtigung für die Einzelnen und das Gemeinwesen. Kritisiert wird dabei vor allem, dass die von Luca gesammelten Daten an einer zentralen Stelle gespeichert werden. Dies wecke Begehrlichkeiten bei Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten, bemängelt der Chaos Computer Club.

Öffentlichkeitswirksame Unterstützung bekamen die Luca-Kritiker zudem durch TV-Moderator Jan Böhmermann (40). Der ZDF-Moderator forderte Anfang April seine Fans per Twitter auf, sich per QR-Code im Zoo Osnabrück einzuchecken. Er wollte mit seiner Störaktion beweisen, wie manipulationsanfällig die Luca-App ist, weil die Anwendung nicht überprüft, ob die Nutzer beim Einchecken tatsächlich vor Ort sind.

Doch die Luca-Betreiber reagierten gelassen auf den Vorfall. Wer die App so missbrauche, erhalte im schlimmsten Fall eine Warnmeldung zu viel, erklärte das Unternehmen. Es gehöre zu den Grundsätzen der App, möglichst wenig Daten zu erfassen. Daher zeichne die App auch nicht automatisch auf, wo das Smartphone sich befinde.

Corona-Warn-App nun auch mit Check-in-Funktion

Bei all der Kritik an der Luca-App kommt schnell die Frage nach Alternativen auf. Und die gibt es – sogar in Form einer staatlich gestützten, also mit Steuergeldern finanzierten, App. Ja richtig, die Corona-Warn-App der Bundesregierung gibt es noch, seit vergangener Woche sogar um eben diese Check-in-Funktion, mit der die Luca-App punkten will, erweitert. Doch im Unterschied zu Luca bleiben Anwender in dem von der Deutschen Telekom und SAP entwickelten Programm anonym, es werden also keine persönlichen Kontaktdaten hinterlassen und kein Gesundheitsamt kann auf die Daten zugreifen.

Dieser vermeintliche Vorteil ist zugleich ein Nachteil: Die Warnung möglicher Kontaktpersonen erfolgt nämlich nur, wenn eine positiv getestete Person ihr Testergebnis auch wirklich in die App einträgt. Erst dann werden die per Bluetooth registrierten Kontaktpersonen, die sich in unmittelbarer Nähe aufgehalten haben, sowie all diejenigen informiert, die zur selben Zeit am selben Ort eingecheckt waren. Die Bundesregierung hatte bei der Entwicklung der App großen Wert auf das Thema Datenschutz gelegt, um damit die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.

Vielen Bundesländern geht dieser Infektionsschutz nicht weit genug. Sie wollen im Zweifelsfall über ihre Gesundheitsämter auf die kompletten Kontaktdaten zurückgreifen können, um die Infektionsketten zu erkennen und unterbrechen zu können.

Luca-Konkurrenten schließen sich zusammen

Doch warum entscheiden sich die Bundesländer dann nicht für eine der anderen rund 50 Apps, die ähnliche Lösungen wie Luca anbieten? Vermutlich, weil diese ohne ein populäres Aushängeschild wie Smudo oder politische Unterstützung (SPD-Vizekanzler Olaf Scholz bei "Markus Lanz": "Die Länder werden sich 16 zu null für die Luca-App entscheiden") auskommen müssen. Aber sicher auch, weil viele von ihnen ebenfalls mit dem Datenschutz-Problem kämpfen. Schließlich landen bei fast allen Anbietern die Kontaktdaten auf zentralen Servern, zwar verschlüsselt aber hierdurch angreifbar.

Doch der Widerstand wächst. Inzwischen haben sich unter der Führung von Railslove-Chef Jan Kus (38), der mit seiner Firma hinter der Software Recover steht, eine Vielzahl der anderen Anbieter zusammengeschlossen, um gegen die Vormachtstellung von Luca vorzugehen. Sie schlagen eine gemeinsame Plattform für alle Anbieter vor, auf der die Gesundheitsämter über eine Schnittstelle die Kontaktlisten anfordern können, wenn sie eine Infektionskette verfolgen.

Kus vertritt mit der Initiative Wirfuerdigitalisierung.de  die Interessen von weiteren Onlinelösungen wie Darfichrein.de, Gastident und 2FDZ, die zum Teil auf bestimmte Anwendergruppen oder Einsatzbereiche spezialisiert sind. Der Medieninformatiker zeigt sich hinsichtlich der wachsenden Kritik an Luca gegenüber der "Süddeutschen Zeitung " optimistisch: "Es melden sich inzwischen Landkreise und Kommunen aus Bundesländern, die eigentlich Luca eingekauft haben". Vielleicht kommt es somit doch noch zu der von Kus erhoffnten "friedlichen Koexistenz" der Anwendungen.

mg