SpaceX-Raketenstart Wie Elon Musk im irren Weltall-Rennen davonziehen will

Im "Space Race" der Milliardäre hatten zuletzt Richard Branson und Jeff Bezos die Nase vorn. Nun will sie Elon Musk übertrumpfen: Seine Firma SpaceX befördert vier Passagiere tagelang in den Erd-Orbit - länger und höher als seine Widersacher.
Hat nun ein Panorama-Fenster statt ISS-Andockmechanismus: Mit dieser "Dragon"-Kapsel von Space X an der Spitze einer Falcon-9-Trägerrakete starten vier Laien mit einem gecharterten Raumschiff ins Weltall

Hat nun ein Panorama-Fenster statt ISS-Andockmechanismus: Mit dieser "Dragon"-Kapsel von Space X an der Spitze einer Falcon-9-Trägerrakete starten vier Laien mit einem gecharterten Raumschiff ins Weltall

Foto: dpa

Vier Menschen in Raumanzügen, perfekt ausgeleuchtet und in Szene gesetzt: So geschliffen präsentierte Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX vor Kurzem seine vier ersten Weltraumtouristen  auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

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Die Hochglanz-Fotos deuten an, dass SpaceX aus dem Start seiner bemannten "Dragon"-Raumkapsel am Mittwochabend ein Großereignis machen will – nicht ganz zu Unrecht, denn der Start der Crew am Mittwochabend läutet eine Zeitenwende ein. Um 20 Uhr Ortszeit in Florida (2 Uhr morgens in Deutschland) ist die Dragon-Kapsel mit den vier Raumfahrern, der "Inspiration4", wie SpaceX die Besatzung seines Raumschiffs nennt, ins Weltall gestartet und umkreist nun drei Tage lang die Erde.

Der Flug ist der nächste große Paukenschlag in der Entwicklung des Weltraum-Tourismus und für Musks Raumfahrtfirma SpaceX ein großer Schritt in diesen lukrativen Markt. Zugleich hebt das Projekt den Weltraum-Tourismus auf ein neues Level.

Denn Elon Musks (50) Unternehmung geht deutlich über das hinaus, was seine Milliardärs-Widersacher Richard Branson (71) und Jeff Bezos (57) im Juli erreichten – im großen Wettkampf der Hochvermögenden um das Weltall im allgemeinen und den Tourismus in die Schwerelosigkeit im Besonderen. Virgin-Milliardär Richard Branson ließ sich am 11. Juli mit fünf Begleitern 80 Kilometer in die Höhe schießen, um nach gut einer Stunde wieder auf der Erde zu landen. Amazon-Gründer Jeff Bezos erreichte neun Tage später eine Flughöhe von 106 Kilometern – landete aber bereits nach zehn Minuten wieder auf dem Boden.

Vollautomatisierter Flug auf 575 Kilometer Höhe

Die SpaceX-Weltraumtouristen dagegen sollen eine Erdumlaufbahn in 575 Kilometern Höhe erreichen, nachdem sie mit einer Falcon-9-Trägerrakete vom Kennedy Space Center in Florida gestartet sind. Und sie werden nicht nach kurzem wieder auf die Erde zurückkehren, sondern drei Tage lang im Weltraum bleiben.

Zudem ist der SpaceX-Weltraumflug der erste, der ausschließlich zivile, zahlende Weltraumgäste ins All befördert – in einem Flug, der vollautomatisiert ablaufen wird. Zur Not lässt sich die Dragon-Kapsel aber von der Erde aus fernsteuern. Branson war bei seinem Flug dagegen auf das Können seiner Piloten an Bord angewiesen – weil die leicht vom Kurs abwichen, hat sein Raketenflieger vorerst Flugverbot.

Die Crew in der Dragon-Raumkapsel von SpaceX ist bunt zusammengewürfelt – und der Kapitän ziemlich wohlhabend. Der Pilot der Kapsel, Jared Isaacman (38), brach einst die Schule ab, gründete dann eine Zahlungsabwicklungsfirma und wurde zum Milliardär. Zu seinen drei Passagieren zählen eine Arzthelferin, die als Kind eine Knochenkrebs-Erkrankung besiegte, eine Künstlerin und ein zweifacher Vater, der für einen Freund einspringt. Noch vor wenigen Monaten kannten die Vier einander nicht. Der Veranstalter, die private Raumfahrtfirma SpaceX, spricht von den "Inspiration4" als der "ersten nur mit Laien besetzten Mission in die Erdumlaufbahn".

Im Februar hatte der US-Milliardär Jared Isaacman sein Vorhaben angekündigt. "Ich bin Weltraum-Fan seit dem Kindergarten", wurde der 38-Jährige, der als erfahrener Pilot gilt, zitiert. Wie viel Isaacman für das Chartern des "Dragon"-Raumschiffs zahlte, wollten weder er noch SpaceX verraten. In Medien wurde über rund 200 Millionen Dollar spekuliert – die Isaacman laut Berichten wohl allein zahlt.

Spendenaktion für Kinderkrankenhaus

Isaacman betonte stets, dass er mit der Aktion Geld für das Kinderkrankenhaus St. Jude in Memphis im US-Bundesstaat Tennessee sammeln wolle. Er selbst spendete 100 Millionen Dollar, suchte die dort arbeitende 29 Jahre alte Arzthelferin Hayley Arceneaux als erste Mitreisende aus - und verloste dann die anderen beiden Plätze im "Dragon" über Spendenaktionen. So kamen schließlich die 51 Jahre alte Künstlerin und Professorin Sian Proctor und der 41 Jahre alte Raumfahrtingenieur Chris Sembrosk zum Team dazu.

Gemeinsam haben sich die Vier nun seit Monaten intensiv auf den All-Ausflug vorbereitet - unter anderem im SpaceX-Hauptquartier in Kalifornien und bei einem Aufstieg auf den Mount Ranier im Nordwesten der USA. "Wir arbeiten daran, uns daran zu gewöhnen, dass es unbequem ist", sagte Isaacman.

"Wir arbeiten daran, uns daran zu gewöhnen, dass es unbequem ist"

Jared Isaacman (38), Pilot der "Dragon"-Raumkapsel und Chef der "Inspiration 4"-Crew

Die Ära des Weltraum-Tourismus begann Anfang der 2000er Jahre. 2001 hatte der US-Unternehmer Dennis Tito eine Woche auf der Internationalen Raumstation verbracht und dafür rund 20 Millionen Dollar bezahlt, er gilt als erster Weltraum-Tourist. Es folgten rund ein halbes Dutzend weitere All-Touristen. Isaacman ist nun bereits der dritte Milliardär nach Branson und Bezos, der innerhalb weniger Wochen von den USA aus ins All aufbricht.

Die "Inspiration4"-Mission, über die auch eine Dokumentarserie beim Streamingdienst "Netflix" entsteht, soll mit rund 580 Kilometern über der Erde sogar höher fliegen als die Internationale Raumstation (ISS) und unseren Planeten mit rund 30.000 Kilometern pro Stunde drei Tage lang alle 90 Minuten umrunden. "Dieser Flug markiert den Übergang in der bemannten Raumfahrt von öffentlich zu privat", sagte der Raumfahrthistoriker John Logsdon der "Washington Post". "Es ist, als ob jemand eine sich selbst steuernde Jacht mietet und damit in den Weltraum segelt."

Ticketpreise für Weltraumtouristen schwanken beträchtlich

Aber auch wenn der "Dragon" sich praktisch komplett selbst steuert, bleibt die Raumfahrt mit hohen Risiken verbunden - und der Weltraum-Tourismus keine einfache Branche. Anfang des Monats erst hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA Bransons Raumschiff "SpaceShipTwo" nach Problemen bei einem Testflug vorerst die Starterlaubnis entzogen. Die Firma wirbt trotzdem weiter für ihre Ticketverkäufe, ebenso wie Bezos' Firma "Blue Origin", die schon mindestens zwei weitere Flüge für dieses Jahr angekündigt hat. Mit der russischen Roskosmos, die in Sojus-Kapseln schon mehrere Privatleute zur internationalen Raumstation ISS befördert hat, gibt es derzeit vier Anbieter für den Weltraum-Tourismus.

Und weitere stehen in den Startlöchern: Unter anderem sollen im kommenden Jahr vier Männer aus den USA, Kanada und Israel zur ISS fliegen, veranstaltet vom Unternehmen Axiom Space gemeinsam mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa und SpaceX.

Die Preise schwanken allerdings beträchtlich: Branson verlangt für seine Flüge mit wenigen Minuten Schwerelosigkeit aktuell rund 450.000 Dollar, den Ticketpreis hat der umtriebige Unternehmer vor Kurzem verdoppelt. SpaceX nimmt für drei Tage Weltraumvergnügen für vier Personen 200 Millionen Dollar. Über die All-Beförderungspreise von Roskosmos für Weltraumtouristen gibt es keine aktuellen Angaben. Auch Bezos Blue Origin hat bislang keine klaren Preise für seine Weltraumflüge bekannt gegeben. Die Ticketversteigerung für den Erstflug im Juli dürfte kaum einen Anhaltspunkt geben. Denn damals zahlte ein Bieter für den Weltall-Hin- und Rückflug 28 Millionen Dollar – das war laut einem Bericht  viel mehr, als Blue Origin erhofft hatte.

Musk liefert sich verbalen Schlagabtausch mit Bezos

Klar ist aber: Der Weltraum-Tourismus bleibt vorerst sehr vermögenden Privatleuten vorbehalten. "Inspiration4" sei aber ein wichtiger Schritt in Richtung des Massentourismus im All, sagte der frühere Nasa-Manager Alan Ladwig der "Washington Post". "Es ist wichtig, weil nach 70 Jahren mit Diskussionen darüber, dass es nicht mehr lange dauern würde, bevor wir alle ins All fliegen, es jetzt endlich klappt für Laien." Gute Sicht werden die Allbesucher auch haben. Denn Musk hat in der Kapsel ein Panoramafenster einbauen lassen – statt des Andockmechanismus für die Raumstation ISS.

Bemerkenswert bei dem Wettlauf der Milliardäre: Auch bei überirdischen Ambitionen ist irdischer Streit nicht weit. Erst kürzlich warf Bezos Unternehmen Blue Origin Musks Space X "Heuchelei" beim Einhalten von staatlichen Vorschriften für Satelliten-Internetpläne vor. Kurz zuvor hatte Musk via Twitter gegen Bezos gekeilt: "Gegen SpaceX zu klagen ist eigentlich sein Vollzeitjob", kritisierte er den Amazon-Gründer.

wed/dpa