Zuckerbergs Strategiewechsel Facebook heißt jetzt Meta

Mark Zuckerberg benennt den Facebook-Konzern in Meta um – und verkündet einen großen Plan für die sozialen Netzwerke der Zukunft. Aber werden Visionen die gewaltigen Probleme der Gegenwart lösen?
Eingetaucht in künstliche Welten: Mit Virtual-Reality-Brillen seiner Tochter Oculus hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch viel vor

Eingetaucht in künstliche Welten: Mit Virtual-Reality-Brillen seiner Tochter Oculus hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch viel vor

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David Paul Morris / Bloomberg via Getty Images

Facebook-Chef Mark Zuckerberg (37) hat am Donnerstagabend auf der hauseigene Konferenz "Connect 2021"  die Umbenennung seines Konzerns in "Meta" verkündet. Damit soll die Schöpfung eines sogenannten Metaversums in den Vordergrund gestellt werden, eine kollektiv nutzbare virtuelle Welt. Die Online-Plattform Facebook selbst und Tochter-Dienste wie WhatsApp und Instagram werden ihre bisherigen Namen behalten. Meta wird als Dach für all diese und weitere Angebote dienen.

"Wir werden heute als Social-Media-Unternehmen gesehen, aber im Kern sind wir ein Unternehmen, das Menschen verbindet", sagte Zuckerberg. Der Name Facebook habe damit nicht mehr die ganze Angebotspalette des Konzerns widerspiegeln können. Zuckerberg präsentierte bei der Konferenz vor mehr als 22.000 virtuellen Zuhörern, wie er sich die Zukunft des Internets vorstellt: eine Vermischung von realen mit virtuellen Welten. Das Metaversum, so Zuckerberg, solle Menschen künftig noch näher zusammenbringen und Kreativen neue Formen des Geldverdienens ermöglichen – und sein Konzern will daran kräftig mitverdienen. Auf dem Weg in die virtuelle Zukunft steht dem Unternehmen allerdings die Vergangenheit und eine Reihe von Problemen im Weg, die den geplanten Neustart des weltgrößten Netzwerks erheblich erschweren könnten.

Eine Plattform, die offenbar krank macht und spaltet

Da sind zum einen die schwerwiegenden Vorwürfe der Whistleblowerin Frances Haugen, bis Mai dieses Jahres Mitarbeiterin im Facebook-Integritätsteam. Sie hatte Zehntausende interne Dokumente geleakt, die – mit beginnender medialer Aufarbeitung und begleitet von eigenen Auftritten – das Bild eines skrupellosen Konzerns zeichnen,

  • der sich des Schadens, den seine Plattformen und seine Algorithmen anrichten, durchaus bewusst ist, aus Profitgier aber nichts oder zu wenig dagegen tut;

  • der weiß, dass insbesondere sein auf das Bilder- und Videoteilen spezialisierte Netzwerk Instagram der psychischen Gesundheit junger Menschen schadet;

  • der die Polarisierung in politisch instabilen Ländern durch mangelnde Eindämmung von Fehlinformationen, Hasspostings und Verschwörungstheorien befördert.

Vorwürfe dieser Art gab es schon in der Vergangenheit, doch nicht in dieser Detailtiefe. Zuckerberg hat versucht, die Mitarbeiterin zu diskreditieren, die Vorwürfe als "einfach nicht wahr" bezeichnet.

Beobachter gehen davon aus, dass aus diesen Papieren weitere Enthüllungen folgen und zur Gefahr für das Imperium aus Facebook, Instagram und Whatsapp werden können. Die Rufe nach einer scharfen Regulierung des Konzerns durch die Politik jedenfalls werden immer lauter.

Eine US-Behörde prescht offensichtlich vor: Laut einem Bericht des "Wall Street Journal"  hat die Federal Trade Commission (FTC), die für Wettbewerbs- und Verbraucherschutz zuständig ist, bereits mit Untersuchungen gegen Facebook begonnen. Noch ist unklar, welche Konsequenzen die US-Börsenaufsicht SEC aus den Vorwürfen ziehen wird und ob sie womöglich eigene Ermittlungen einleitet. Zeichne sich ab, dass die Vorwürfe stimmen und die kritisierten Praktiken Facebooks finanziellen Erfolg mit begründet haben könnten, steige die Wahrscheinlichkeit, dass auch die SEC den Fall aufrollt, zitiert die "Financial Times" Joseph Grundfest, Juraprofessor in Stanford und ehemals SEC-Beauftragter. Die Strafzahlungen könnten teuer werden – und Facebooks Zukunftsprojekte auf Sparflamme setzen.

Der Verlust der Jugend

Doch das ist nicht das einzige Problem von Facebook. Inzwischen kämpft das Netzwerk mit sinkenden Nutzerzahlen einer Kernzielgruppe. Junge Menschen kehren Facebook zusehends den Rücken, empfinden das Netzwerk als "uncool". Der Schwund der 18- bis 29 Jahre alten Nutzer nimmt zu und könnte sich in den nächsten Jahren mit einem Rückgang von bis zu 45 Prozent zu einem veritablen Exodus entwickeln, heißt es in einem internen Dokument, aus dem die "Financial Times"  berichtet. Junge Erwachsene würden Facebook-Inhalte als "langweilig, irreführend und negativ" wahrnehmen. Als Netzwerk werde Facebook als "veraltet" und die dort verbrachte Zeit als "unproduktiv" angesehen.

Auf diese und noch jüngere Menschen, die es massenhaft etwa zum chinesischen Wettbewerber und Videodienst Tiktok zieht, hat es Zuckerberg abgesehen, zwischenzeitlich sogar erwogen, ein "Instagram for Kids" unter 13 zu entwickeln – trotz der Kenntnis, wie Instagram der Psyche junger Menschen schaden kann.

In dieser Woche kündigte Zuckerberg Milliardeninvestitionen im Kampf um das junge Publikum an, um die konzerneigenen Apps insbesondere für die jüngeren Nutzer zu optimieren. Soll heißen: Künftig könnten noch mehr Kurzvideos auf Facebook und Instagram möglich sein.

Apple wird zum Risiko für Facebooks Erlöse

Die Milliardeninvestitionen muss Facebook im Wesentlichen aus Werbeerlösen finanzieren, mit weit über 90 Prozent die nach wie vor größte Einnahmequelle. Die Erlöse sprudeln zwar noch, blieben zuletzt allerdings leicht unter den Erwartungen. Und es droht Gegenwind durch die neuen Datenschutzvorgaben für Apples iPhone. Damit können Anzeigen schwerer personalisiert und der Erfolg der Werbung weniger gut gemessen werden. Ein Geschäftsmodell, das wesentlich auf Werbeeinnahmen basiert, könnte damit empfindlich gestört werden, ließ auch Snap-Chef Evan Spiegel (31) dieser Tage durchblicken und schickte damit die Aktie steil abwärts.

Nicht zuletzt könnte das durch jüngste Negativschlagzeilen ramponierte Image von Facebook Anzeigenkunden zweifeln lassen. "Kunden fragen sich hinter vorgehaltener Hand bereits, ob Facebook langfristig ein zuverlässiger und vertrauenswürdiger Geschäftspartner ist", zitiert das "Handelsblatt"  Eric Schmitt, Research Director bei der Unternehmensberatung Gartner. Das "gesellschaftliche Vertrauen" gegenüber Facebook sei jedenfalls "auf einem Tiefpunkt" angelangt.

Das Milliarden-Wagnis namens "Metaverse"

Viel Hoffnung setzt Zuckerberg nun in das "Metaverse", das er schon länger entwickeln lässt: Sein Unternehmen soll damit der Provider einer digitalen Parallelwelt werden. Menschen sollen dort in virtuellen Räumen, etwa Klassenzimmern oder öffentlichen Plätzen zusammenkommen können – oder mithilfe von Augmented-Reality-Technik eine virtuelle Ebene über die Räume legen können, in der sie interagieren können.

In dieser virtuellen Welt soll es Geschäfte geben, in denen Kunden Geld ausgeben können für virtuelle Produkte – etwa Sneaker, die ihr Avatar im "Metaverse" benutzt. Die von Menschen gesteuerten Avatare sollen in diesem digitalen Universum gemeinsam zu Konzerten gehen können oder digitale Kleidungsstücke in virtuellen Stores anprobieren und kaufen können.

Damit dies möglich wird, müssen unterschiedliche Technologien zusammenspielen. Der Charme für Facebook ist dabei: Ähnlich wie Apple würde Facebook künftig als Provider der Plattformen auftreten und etwa von Firmen Geld für deren virtuelle Repräsentanzen und Geschäfte verlangen. Im Kern versucht Facebook also, als eine Art App Store des "Metaverse" aufzutreten – und zielt auf jenes Publikum ab, das ihm bei seinen bisherigen Plattformen abhandenkommt: die jüngeren Nutzer.

Zehn Milliarden Dollar Investment in virtuelle Welten

Facebook investiert viel Geld, um bald die passende Hard- und Software für seine Digital-Vision bereitzustellen. Ein Hinweis darauf: Am Montag verkündete das Unternehmen, dass seine Ausgaben für die Tochter Facebook Reality Labs in diesem Jahr die Profite um rund 10 Milliarden Dollar drücken werden.

Schon in den vergangenen Jahren war der Social-Network-Riese gezielt auf Einkaufstour: So hat Facebook etwa die Datenbrillenfirma Oculus gekauft, deren Augmented-Reality-Brillen als branchenführend gelten. Aber auch ein Unternehmen namens PlayGiga, das sich auf cloudbasierte Spiele spezialisiert hat. Nun will Zuckerberg in den kommenden fünf Jahren in Europa 10.000 neue Mitarbeiter einstellen, die an Metaverse-Projekten arbeiten sollen.

All das erinnert ein wenig an eine längst vergessene virtuelle Welt, die vor gut zehn Jahren gehypt wurde, aber bald aus dem Blickwinkel verschwand: das Videospiel "Second Life". In jüngster Zeit gab es erfolgreichere virtuelle Welten wie etwa die Spielplattformen "Minecraft" oder "Fortnite". Grafisch opulent – und damit immersiv – sind diese Welten nur bedingt. Und als Parallelwelt mit Geschäften und Plätzen waren sie ursprünglich auch nicht gedacht.

Das ist beim Facebook-Vorstoß ins digitale Paralleluniversum wohl anders. "Wenn sie jeden Tag im Metaversum sind, werden sie digitale Kleidung, Werkzeuge und Erlebnisse brauchen", sagte Zuckerberg laut einem Bericht des Wall Street Journal  Anfang dieser Woche in einem Gespräch mit Analysten. Die Investitionen in diese Welten werden "in der näheren Zukunft" keine Profite abwerfen, gab Zuckerberg zu. Aber: "Wir glauben im Prinzip, dass das Metaverse der Nachfolger des mobilen Internets sein wird".

Welche Hürden Facebook auch im Metaverse nehmen muss

Auf die Smartphone-Revolution hat Facebook nach Ansicht vieler Analysten viel zu spät reagiert. Noch einmal eine solche Technikchance zu verpassen, will Zuckerberg mit allen Mitteln vermeiden. Allerdings sind beim großen Metaverse-Monopoly noch viele Fragen offen. So gelten unter Analysten etwa noch die Datentransfergeschwindigkeiten als zu langsam für ein immersives Erlebnis. Virtuelle Währungen müssen noch weiterentwickelt werden, um tatsächlich als verlässliches Zahlungsmittel für digitale Güter zu taugen.

Und dann steht da auch noch die Frage im Raum, wer die Einhaltung von Verhaltensregeln in solchen Welten überwachen soll. Denn auch im Metaverse sind Mobbing-Attacken, Hatespeech-Foren und Diebstähle von virtuellen Währungen denkbar. Diesbezüglich hat Facebook schon auf seinen bisherigen Plattformen keine lupenreine Erfolgsbilanz, mit dem Identifizieren, Überwachen und schnellen Eingreifen tut sich der Netzwerk-Riese schwer.

Ob große Nutzerzahlen zudem darauf vertrauen, dass ihre virtuellen Tätigkeiten und Daten bei Facebook gut gesichert sind, muss sich auch noch weisen. Doch immerhin: Von Werbung wäre Facebook dann weniger abhängig – sondern eher von einer Art digitalem Wegezoll für Unternehmen.

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