Deutscher Chipzulieferer Siltronic-Verkauf an Global Wafers geplatzt

Vor mehr als einem Jahr unterbreitete der taiwanesische Chipzulieferer Gobal Wafer seinem Münchener Konkurrenten ein Übernahmeangebot. Nun ist der Deal gescheitert – die notwendige Genehmigung aus dem Wirtschaftsministerium fehlte.
Durch den Chipmangel noch begehrter: Siliziumwafer sind das Rohmaterial der heiß laufenden Chipindustrie

Durch den Chipmangel noch begehrter: Siliziumwafer sind das Rohmaterial der heiß laufenden Chipindustrie

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Valentin Flauraud / REUTERS

Der milliardenschwere Verkauf des Münchener Chipzulieferers Siltronic nach Taiwan ist geplatzt. Der Siltronic-Konkurrent Global Wafers bekam nicht rechtzeitig die Freigabe durch das Bundeswirtschafts- und Klimaministerium für die 4,35 Milliarden Euro schwere Übernahme, die nach dem Außenwirtschaftsgesetz notwendig gewesen wäre. Eine Sprecherin des Ministeriums begründete dies in der Nacht zum Dienstag mit Zeitnot: "Es konnten nicht alle notwendigen Prüfungsschritte im Rahmen der Investitionsprüfung abgeschlossen werden – das betrifft insbesondere die Prüfung der erst in der letzten Woche erfolgten kartellrechtlichen Genehmigung durch die chinesischen Behörden." Global Wafers könne aber einen neuen Anlauf nehmen.

Das aber hat der taiwanische Konzern bereits ausgeschlossen. Ein zweites Angebot sei nicht geplant, sagte ein Sprecher von Global Wafers. Global-Wafers-Chefin Doris Hsu will am kommenden Sonntag verkünden, wie sie die 4,35 Milliarden Euro nun investieren will. Denkbar ist der Bau einer Siliziumscheiben-Fabrik außerhalb Europas. Aus den USA werden die Taiwaner bereits heftig umworben. Hsu bezeichnete das Ergebnis als "sehr enttäuschend".

Die Prüfung hatte sich seit Ende 2020 hingezogen. Global Wafers hatte sich in einem langen Poker mit den Siltronic-Aktionären gut 70 Prozent an der Münchener Firma gesichert. Doch die Genehmigung der chinesischen Kartellbehörde traf erst in der vergangenen Woche ein. Dabei machte diese unter anderem zur Auflage, dass Global Wafers einen Teil der dänischen Tochter Topsil abspaltet, um den Wettbewerb auf dem Markt für 8-Inch-Siliziumscheiben (Wafer) für die Chipproduktion nicht zu behindern.

Größte Übernahme, die durch Außenwirtschaftsgesetz scheiterte

Siltronic ist damit die mit Abstand größte Übernahme durch ein ausländisches Unternehmen, die am Außenwirtschaftsgesetz scheitert. An der Börse wurde längst mit einem Scheitern gerechnet. Die Siltronic-Aktie  schloss am Montag bei 116 Euro, rund ein Fünftel unter dem Angebot von Global Wafers von 145 Euro.

Als Grund für die lange Dauer wurde im Ministerium darauf verwiesen, dass die Außenwirtschaftsverordnung und Übernahmen in besonderen Technologiebereichen eine genaue Prüfung verlangten. Maßstab sei die voraussichtliche Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung, der Sicherheit Deutschlands oder anderer EU-Mitgliedstaaten. Bei Hoch- und Zukunftstechnologien müsse besonders genau geprüft werden. Dazu zählen etwa Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, Robotik und Halbleiter. An die Chipindustrie liefern Wafer-Hersteller wie Siltronic die Siliziumscheiben, auf denen die Halbleiter produziert werden.

Der Chipnotstand in der Corona-Pandemie hatte gezeigt, wie abhängig Europa von asiatischen Anbietern ist. Siltronic ist unter den fünf größten Siliziumscheiben-Herstellern der einzige aus Europa. Global Wafers wollte mit der Übernahme zum weltweiten Marktführer Shin-Etsu Chemical aus Japan aufschließen. Die Taiwaner verweisen darauf, mehr Wafer an europäische Kunden zu liefern als Siltronic. Die Münchener produzieren mit ihren rund 4000 Mitarbeitern zwar im bayerischen Burghausen sowie im sächsischen Freiberg, haben ihre größten Produktionsanlagen aber in Singapur. Siltronic-Großaktionär Wacker Chemie entgehen durch das Scheitern Einnahmen von 1,2 Milliarden Euro aus dem Verkauf.

Wacker Chemie will sich weiterhin von Siltronic-Aktien trennen

Wacker Chemie teilte am Dienstag mit, sich weiterhin mittelfristig von seinem Anteilspaket an Siltronic trennen zu wollen. Wacker sehe sich dabei aber nicht unter Zeitdruck, sagte Vorstandschef Christian Hartel. "Siltronic hat sich in den vergangenen Jahren ausgezeichnet entwickelt. Das Unternehmen ist technologisch hervorragend aufgestellt und arbeitet sehr profitabel", sagte er. "Unsere Beteiligung an Siltronic ist für uns damit eine werthaltige Anlage." Wacker hält 30,83 Prozent an der ehemaligen Tochter. Das Aktienpaket ist rund 1,1 Milliarden Euro wert.

Deutschland hatte das Außenwirtschaftsrecht schon vor dem Regierungswechsel verschärft. Der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne; 52) hatte bereits im Dezember betont, dass Deutschland und Europa einen wachsenden Anteil an Mikroelektronik selbst produzieren müssten. Die EU-Kommission will im Februar ihren "Chips Act" vorlegen und die Branche mit zweistelligen Milliardensummen fördern. "Es würde nicht in die Zeit passen, etwas aus dem Halbleiterbereich nach Asien zu verkaufen", sagt ein Branchenexperte.

Die Investitionspläne ausländischer Investoren landen immer häufiger auf dem Tisch des Wirtschaftsministeriums. Von 2018 bis 2020 hatte sich die Zahl der Prüfungen auf 160 verdoppelt. 2021 schoss die Zahl der Prüfverfahren dann auf 306 in die Höhe.

mg/Reuters, dpa-afx