"Sledgehammer" gegen Elon Musk Diese Topanwältin vertritt die gefeuerten Twitter-Mitarbeiter

Shannon Liss-Riordan zwang bereits Uber, Starbucks und FedEx in die Knie. Jetzt vertritt die US-Topanwältin die per Mail gefeuerten Mitarbeiter von Twitter. Elon Musk hat Grund, "Sledgehammer-Shannon" zu fürchten.
Kämpferin: US-Topanwältin Shannon Liss-Riordan gilt als eine der führenden Anwältinnen für Arbeitnehmerrechte in den USA

Kämpferin: US-Topanwältin Shannon Liss-Riordan gilt als eine der führenden Anwältinnen für Arbeitnehmerrechte in den USA

Foto: Jim Davis / Boston Globe via Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von manager-magazin+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Bei Twitter überschlugen sich vergangene Woche die Ereignisse. Direkt nach Übernahme des Kurznachrichtendienstes feuerte der neue Eigentümer Elon Musk (51) das Twitter-Management. Wenig später begann der Multimilliardär dann auch noch damit, rund die Hälfte seiner 7500 Angestellten per Mail zu entlassen. Von chaotischen und anonymen Massenentlassungen ist die Rede. "Sieht aus, als ob ich nicht mehr angestellt bin. Ich wurde gerade aus der Ferne von meinem Arbeitslaptop ausgeloggt", twitterte ein Mitarbeiter am Donnerstag.

Noch bevor die Kündigungen in den Postfächern eintrudelten und entsprechende Insiderberichte die Runde machten, hatten die ersten Twitter-Beschäftigten am Donnerstag bereits eine präventive Sammelklage gegen Twitter eingereicht. Der Vorwurf: Der neue Twitter-Chef soll die Entlassungen nicht ausreichend angekündigt haben.

Vertreten werden sie von der US-Topanwältin Shannon Liss-Riordan (53). Die bekannte Arbeitsrechtlerin zwang bereits zahlreiche US-Tech-Riesen in die Knie und ist auch unter dem Namen "Vorschlaghammer-Shannon" ("Sledgehammer Shannon ") bekannt. Wer ist also die Frau, die sich jetzt mit dem reichsten Mann der Welt anlegt?

Die Meisterin der Arbeitnehmerrechte

Liss-Riordan gilt als eine der führenden Anwältinnen für Arbeitnehmerrechte der USA. Best Lawyers in America bezeichnete sie 2013 als "die amtierende Meisterin der Kläger". Die Harvard-Absolventin erzielte bahnbrechende Erfolge bei der Vertretung von Arbeitnehmern im Streit um Trinkgeld, mit fälschlicherweise als Freelancer eingestuften Arbeitnehmern sowie bei Niedriglohnempfängern mit Überstunden, Mindestlöhnen und anderen verweigerten Lohnschutzmaßnahmen, heißt es auf der Website ihrer Bostoner Kanzlei Lichten & Liss-Riordan. Sie gilt als "hartnäckige Anwältin für Sammelklagen", die sich mit ihren millionenschweren Siegen im Namen von Stripperinnen, Kellnern, Fahrern und anderen Arbeitnehmern einen Namen gemacht hat.

Die 53-Jährige spielt auch auf der politischen Bühne. Zweimal kandidierte sie bereits für politische Ämter, 2019 bei den Vorwahlen der Demokraten für den US-Senat und in diesem Jahr für das Amt der Generalstaatsanwältin von Massachusetts – jedoch beide Male ohne Erfolg. Unterstützt wurde sie dabei auch von Senatorin Elizabeth Warren (73).

Nachdem Liss-Riorden 2013 Uber, Lyft und andere Fahrdienstleister verklagt hatte, schrieb das Wall Street Journal  über die US-Anwältin, Liss-Riordan sei eine der einflussreichsten und umstrittensten Persönlichkeiten im Silicon Valley geworden. Im Fall von Uber argumentierte sie im Namen von mehr als 100.000 Fahrern aus Massachusetts und Kalifornien, dass Uber die Fahrer rechtswidrig als Freiberufler und nicht als Angestellte eingestuft hatte. Dadurch würden den Betroffenen Erstattungen für ihre Auslagen und andere Schutzmaßnahmen verwehrt. Uber profitiere auf dem Rücken seiner Arbeiter, so die These der Sammelklage. Als umstritten galt später ihre Empfehlung, sich mit Uber auf einen Vergleich von mehr als 100 Millionen US-Dollar zu einigen. Konkurrierende Anwälte warnten genau davor. Letztlich erzielte sie 2019 eine endgültige Einigung über 20 Millionen Dollar.

Spezialgebiet: Altersdiskriminierung, Freelancer

Gewonnen hat die Topanwältin bereits Klagen unter anderem gegen Starbucks und FedEx. 2012 erwirkte sie einen Sieg gegen die Kaffeehauskette in Höhe von 14,1 Millionen Dollar für Starbucks-Baristas in Massachusetts. In einer Reihe von Fällen, die im Jahr 2005 begannen, erstritt Liss-Riordan Millionen-Dollar-Vergleiche für Fahrer des Kurier- und Logistikunternehmens, die zu Unrecht als Auftragnehmer behandelt wurden und von denen erwartet wurde, dass sie für ihre Lieferwagen und ihr Benzin selbst aufkommen.

Bekannt ist Liss-Riordan auch für ihre Klage auf Altersdiskriminierung gegen das IT- und Beratungsunternehmen IBM. IBM-Manager sollen sich internen Mails zufolge abwertend gegenüber älteren Beschäftigten geäußert haben und sie beispielsweise als "Dino-Babies" bezeichnet haben - um sie loszuwerden. "Ihr Ziel war es, ältere Mitarbeiter zu entlassen, um sie durch jüngere zu ersetzen", sagte Liss-Riordan Anfang dieses Jahres. Die Anwältin vertritt mehr als 1000 ehemalige IBM-Mitarbeiter gegen das US-Unternehemen. Das Verfahren läuft noch.

Twitter und Tesla: Doppelschlag für Musk

Für Twitters neuen Alleinherrscher Musk ist Liss-Riorden keine Unbekannte. Denn die US-Anwältin verklagte in diesem Jahr auch den Elektroautobauer Tesla des Multimilliardärs, und zwar in einem ähnlichen Fall wie Twitter. Im Juni hatte Musk 10 Prozent der Tesla-Belegschaft gefeuert. Am Ende gewann Musk den Prozess. Ein Bundesrichter verpflichtete die betroffenen Mitarbeiter dazu, ihre Ansprüche in nicht-öffentlichen Schlichtungsverfahren geltend zu machen, anstatt in einem öffentlichen Prozess.

Im Fall Twitter hatte Liss-Riorden die Klage am Donnerstag vor einem Bundesgericht in San Francisco laut Medienberichten  im Namen eines Mitarbeiters eingereicht, der entlassen wurde, sowie von drei anderen, die aus ihren Arbeitskonten ausgesperrt wurden. Wenn Mitarbeiter nicht im Voraus informiert werden und keine Abfindungen erhalten, verstoßen Entlassungen gegen US-amerikanische und kalifornische Gesetze. Nach dem sogenannten WARN Act sind Unternehmen mit 100 oder mehr Beschäftigten verpflichtet, Massenentlassungen mit einer Frist von 60 Tagen anzukündigen. Die Arbeitgeber können den Arbeitnehmern anstelle einer Kündigung eine Abfindung für 60 Tage zahlen. Offenbar soll Twitter-Chef Musk dagegen verstoßen haben.

"Wir haben diesen Fall präventiv eingereicht, um sicherzustellen, dass sich ein solcher Verstoß nicht wiederholt", sagte Liss-Riorden am Freitag. "Wir waren sehr besorgt darüber, dass er die Mitarbeiter unter Verletzung von Bundes- und Landesgesetzen entlassen würde, indem er sie nicht benachrichtigt und ihnen nicht die ihnen zustehende Abfindung und Bezahlung zukommen lässt. Deshalb haben wir gestern Abend präventiv diese Klage eingereicht, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter informiert sind und ihre Rechte kennen."

Musk: Jeder Entlassene soll Abfindung bekommen

Aus Sicht von Liss-Riorden hat die Anwältin mit ihrer Klage bereits einen kleinen Erfolg erzielt. Sie sei "erfreut" zu erfahren, dass zumindest einige entlassene Mitarbeiter bis zum 4. Januar weiter bezahlt werden. Weniger als einen halben Tag nach Einreichung der Klage habe Musk "sich bemüht, das Gesetz einzuhalten". Am Freitagnachmittag erklärt der Twitter-Chef, jeder entlassene Mitarbeiter erhalte drei Monatsgehälter Abfindung.

Gleichzeitig deutet sich an, dass noch weitere Mitarbeiter, die sich von Musks Vorgehen ungerecht behandelt fühlen, rechtliche Schritte einleiten. Die Anwältin Lisa Bloom sagte, sie habe Nachrichten von ehemaligen Twitter-Mitarbeitern erhalten, in denen es hieß: "Herr Musk, der Sturm kommt".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.