Neue Finanzierungsrunde Personio steigert Wert auf 8,5 Milliarden Dollar

Während andere Start-ups unter der Krise ächzen, sammelt Hanno Renner weitere 200 Millionen Dollar ein. Das reicht bis zum fest eingeplanten Börsengang der Münchener Softwarefirma.
Börsengang im Blick: "Wir werden 2024 oder 2025 sicher in der Lage dazu sein", sagt Personio-CEO Hanno Renner

Börsengang im Blick: "Wir werden 2024 oder 2025 sicher in der Lage dazu sein", sagt Personio-CEO Hanno Renner

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Juan Serrano Corbella

Seine Ambitionen hat Hanno Renner (32) nie verheimlicht. Das von ihm mitgegründete Start-up Personio könne Europas größtes Softwareunternehmen werden, findet er. Der CEO will die Personalverwaltung in Unternehmen revolutionieren, und auf diesem Weg das nächste SAP formen. "Wir wollen ein Unternehmen aufbauen, das über Jahrzehnte existieren kann", sagt er. Kapital dafür hat er jetzt erstmal genug.

Während große Teile der Start-up- und-Tech-Welt in den Krisenmodus wechseln, konnte Renner frisches Geld einsammeln. Weitere 200 Millionen Dollar geben ihm die Investoren, angeführt vom bisherigen Geldgeber Greenoaks Capital aus den USA. Die Bewertung steigt auf 8,5 Milliarden Euro; bei der letzten Runde im Oktober hatte sie noch bei 6,3 Milliarden Dollar gelegen. Personio ist damit eines der wertvollsten Start-ups in Europa. In Deutschland waren bislang nur das Softwareunternehmen Celonis (rund 11 Milliarden Dollar) und die Neobank N26 (rund 9 Milliarden) höher bewertet worden.

Angesichts der massiven Abwertung selbst großer Tech-Konzerne an den Börsen hatte es zuletzt auch unter den Start-ups deutliche Einschnitte gegeben. Selbst hoch bewertete Firmen wie Klarna sollen inzwischen nur noch mit einem Drittel der letztjährigen Summen bewertet werden, etliche Jungfirmen haben Massenentlassungen angekündigt. Der Hype der vergangenen Jahre, als Gründerteams mit bloßen Powerpoint-Folien Millionen einsacken konnten, ist weitgehend vorbei. "Es ging dieses Mal um andere Fragen als bei früheren Finanzierungsrunden", sagt auch Renner. "Die Investoren wollten viel genauer wissen, ob das Geschäft auch in zehn Jahren noch relevant sein kann. Solche Überlegungen waren zuletzt im Markt weniger wichtig. Aber das kommt uns jetzt zugute."

Personio, 2015 in München gegründet, automatisiert mit seiner Software die verschiedenen Systeme in Recruiting, Personalverwaltung und Lohnbuchhaltung vor allem kleinerer Unternehmen. Inzwischen zählt Renner deutlich mehr als 6000 Firmen zur Kundschaft, die Umsätze haben sich seit der letzten Finanzierungsrunde auf einen nun dreistelligen Millionenbetrag verdoppelt. Renner und seine beiden Mitgründer Aseniy Vershinin (31) und Roman Schumacher (30) investieren stark in Wachstum, stellen pro Monat rund 80 neue Leute ein, expandieren ins Ausland und haben mit Back zuletzt einen Softwareanbieter übernommen. Gewinne macht Personio aktuell nicht, aber Renner sagt: "Wir könnten jederzeit langsamer machen und damit ganz schnell profitabel werden, wenn es angebracht wäre."

Sorgen vor einem drohenden Abschwung hat er nicht: "Wir haben ein stabiles Geschäftsmodell. Wir werden auch in einer möglichen Rezession weiter stark wachsen können. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass wir unseren Umsatz nicht weiterhin pro Jahr verdoppeln sollten." Selbst in den ersten Corona-Monaten sei die Kündigerrate nicht gestiegen. Zugeständnisse wie zusätzliche Zinsversprechen musste er den Investoren daher nicht machen, wie sie bei anderen Start-ups inzwischen üblich sind. Aber auch bei Personio stieg die Bewertung "nur" um knapp 35 Prozent – das Multiple auf den gleichzeitig verdoppelten Umsatz ist also gesunken.

Mit dem neuen Kapital will Renner nun die Entwicklung der nächsten Softwaregeneration "People Workflow Automation" sowie die Expansion im Ausland vorantreiben, vor allem in Großbritannien, Spanien und den Niederlanden möchte er zulegen. Mit rund Dreivierteln der Umsätze kommt der Großteil des Geschäfts aber weiterhin aus Deutschland – und das bleibt auch vorerst so: Von den rund 1,7 Millionen Unternehmen in Europa, die Renner als potenzielle Zielgruppe identifiziert hat, kommen 400.000 aus Deutschland.

Den Gründern gehören nun noch etwas weniger als 20 Prozent an der Firma, die Mitarbeitenden halten weitere gut 15 Prozent. Verkaufen wollen sie nicht, aber trotz des aktuell schwierigen Marktlage formuliert Renner die nächsten Schritte: "Es ist überhaupt nicht illusorisch über einen Börsengang zu sprechen: Wir werden auf jeden Fall an die Börse gehen. Nicht nächstes Jahr, aber 2024 oder 2025 werden wir sicher in der Lage dazu sein, wenn das Umfeld passt." Mit Birgit Haderer (43) hat er schon mal die passende Finanzchefin an Bord, um das Unternehmen darauf vorzubereiten; er warb sie aus gleicher Rolle von Zalando ab.

Überstürzen müssen die Münchener es nicht, Geld scheint genug da. Schon vor der aktuellen Finanzierung lag von den zuvor eingesammelten rund 570 Millionen Dollar laut Renner noch ein deutlich dreistelliger Betrag auf dem Firmenkonto. Die 200 Millionen Dollar kommen nun obendrauf. "Die Finanzierung wird bis zu einem Börsengang auf jeden Fall reichen, wir brauchen erstmal kein Kapital mehr und haben auch keinen Druck von den Investoren." Das können nicht viele Gründer in diesen Zeiten behaupten.