Trotz US-Druck TikTok boomt ungebremst - 100 Millionen Nutzer in Europa

Die aus China stammende App TikTok boomt wie kein anderes soziales Netzwerk - ungeachtet des politischen Drucks. Ein Deal mit Microsoft ist wenige Tage vor einem US-Ultimatum vom Tisch, nun wird offiziell mit Oracle verhandelt.
Eröffnung des TikTok-Museums "Smile Safari Tour" in Brüssel am 7. September

Eröffnung des TikTok-Museums "Smile Safari Tour" in Brüssel am 7. September

Foto: Ophelie Delarouzee / dpa

Erfolgsmeldungen kann die Kurzvideoplattform TikTok jetzt gut gebrauchen. Und siehe da: Das zum chinesischen Konzern ByteDance gehörende Unternehmen erklärte am Montag, man freue sich über mehr als 100 Millionen Menschen, die TikTok inzwischen jeden Monat in Europa nutzten. "Vor dem Hintergrund außergewöhnlicher Zeiten, war es auch ein außergewöhnliches Jahr für unser Unternehmen", erklärte Europachef Rich Waterworth.

Für die USA hatte TikTok zuvor bereits die Zahl von 100 Millionen Nutzern genannt - und diese Massenbasis gegen die US-Regierung in Stellung gebracht. Diese bezichtigt die Chinesen, die Teenie-App als Spionageinstrument zu nutzen, und droht mit einem kurzfristigen Verbot. Vor diesem Hintergrund ist die ungebrochene Nachfrage bemerkenswert.

Am Montag erklärte US-Finanzminister Steven Mnuchin (57), die US-Regierung habe einen Vorschlag des US-Softwarekonzerns Oracle zur Zukunft von TikTok erhalten. Nach Angaben von Insidern will ByteDance über eine Partnerschaft mit Oracle einen von der US-Regierung verlangten Verkauf von TikTok umgehen. Auch über einen Einstieg von Oracle bei TikTok werde verhandelt. Mnuchin erklärte, die Regierung werde diese Woche über technische Fragen mit dem Unternehmen des Trump-freundlichen Silicon-Valley-Milliardärs Larry Ellison (76) führen. Die Verhandlungen stehen unter hohem, von Washington erzeugten Zeitdruck: Wenn das US-Geschäft von TikTok nicht bis zum Sonntag (20. September) in amerikanische Hände gehe, will Präsident Donald Trump (74) die populäre App verbieten.

In der Nacht zu Montag teilte zunächst Microsoft mit, dass sein Angebot für TikTok abgelehnt worden sei. Der Windows-Riese hatte wochenlang über einen Kauf des TikTok-Geschäfts in den USA, Kanada, Neuseeland und Australien verhandelt - zeitweise in einer aufsehenerregenden Allianz mit dem Supermarktriesen Walmart. Oracle gilt nun als Favorit für den Deal, der auf 30 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Auch China macht Druck

Jedoch schreiben Medien in China, TikTok werde weder an Microsoft noch Oracle verkauft . Der chinesische Technologiekonzern ByteDance will Insidern zufolge das US-Geschäft behalten. Geplant sei vielmehr eine Partnerschaft Oracle , um einem Verbot in den USA zu entgehen und gleichzeitig die chinesische Regierung nicht zu verärgern, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Mehrere US-Medien berichten, im Rahmen des geplanten Vertrags würde Oracle der Technologiepartner von ByteDance werden und die Verwaltung der US-Benutzerdaten von TikTok übernehmen.

Zuvor hatte die chinesische Regierung sich in die Position gebracht, einen solchen Deal zu blockieren. Gemäß neuen Regeln von Ende August dürfen unter anderem "IT-Technologien mit Personalisierung auf Basis von Datenanalyse" nur mit einer Erlaubnis der Regierung ins Ausland verkauft werden. Software von TikTok fällt unter diese Beschreibung.

Ob die Lösung, Oracle als "Technologiepartner" im amerikanischen Markt zu haben, beide Seiten zufriedenstellt, ist derzeit noch unklar. Die US-Behörde zur Überprüfung ausländischer Investitionen, CFIUS, muss einem Deal zustimmen. Das europäische Geschäft ist formell von dem politischen Streit ausgenommen. Doch bislang werden sämtliche Nutzerdaten auf US-Servern gespeichert, mit Kopien in Singapur. Während der laufenden Krise verkündete TikTok Pläne, in Irland ein europäisches Datenzentrum zu errichten - ein Zeichen, um das Vertrauen der Nutzer gegen Zugriffe aus Washington oder Peking zu stärken. Dessen Bau wird jedoch noch dauern.

akn/ak/dpa/Reuters