Rückzug von Rocket Internet Oliver Samwer: Deutschlands Internet-Star flüchtet von der Börse

Bei seinem Börsengang vor sechs Jahren sammelte Star-Investor Oliver Samwer mit seiner Holding Milliarden von Aktionären ein. Jetzt will er deren Papiere zurück - zum halben Preis.
Andere Richtung: Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer.

Andere Richtung: Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer.

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Die Internet-Holding des deutschen Star-Investors Oliver Samwer (48) plant den Rückzug von der Börse. Das teilte der Konzern am Dienstag in Berlin mit . Das Unternehmen will seinen Aktionären dazu 18,57 Euro in bar anbieten - und damit weniger als den Schlusskurs von 19,44 Euro vom Montagabend. Investoren, die beim Börsengang im Oktober 2014 von Samwer Aktien gekauft haben, würden damit rund die Hälfte ihres Einsatzes verlieren: Rocket hatte seine Papiere damals zu 42,50 Euro verkauft und war dadurch mit 6,7 Milliarden Euro bewertet.

Mit Rocket Internet verlässt der Urvater der deutschen Start-up-Szene die Börse. Die von den Brüdern Marc, Oliver und Alexander gegründete Holding hatte zahlreiche deutsche Jungfirmen gegründet, entwickelt und dann selbst an die Börse gebracht. Zu den bekanntesten gehören der Online-Händler Zalando und das neue Dax-Mitglied Delivery Hero. Die Brüder waren damit unter die reichsten Deutschen aufgestiegen . Heute halten sie gemeinsam über ihre Global Founders GmbH noch 45,11 Prozent der Anteile, Oliver Samwer, der Vorstandschef ist, 4,53 Prozent. Das Kaufangebot von Rocket Internet schließt diese Aktienpakete nicht ein. Aktionärsschützer reagierten mit Empörung auf die Ankündigung: Samwer ziehe die Rocket-Aktionäre wieder einmal über den Tisch, hieß es.

Nach Informationen des manager magazins hatte Samwer die Transparenzpflichten der Börsennotierung zuletzt zunehmend als Last empfunden. Samwer selbst begründet den Schritt damit, dass er auch abseits der Börse ausreichend Zugang zu Kapital habe. Damit sei ein wesentlicher Grund für eine Notierung an der Börse entfallen. Beim Börsengang sei dies noch nicht abzusehen gewesen. 

Tatsächlich hatte Samwer seit längerem den Abschied von der Börse geplant - wie manager magazin mehrfach berichtet hatte . Der Grund: Rocket Internet hat sein Geschäftsmodell stark geändert. Anstatt eigene Unternehmen aufzubauen, agierte Rocket zuletzt eher wie ein klassischer Wagniskapitalgeber . Für einen solchen Fonds bringt eine Notierung an der Börse eher Nachteile. Denn Start-ups ist am besten damit gedient, Informationen über ihre Finanzierungsrunden nur sehr taktisch zu veröffentlichen. Ein börsennotiertes Vehikel wie Rocket ist aber an Berichtspflichten gebunden.

Samwer hatte Vertrauten erzählt, dass er fern der Börse ungestört als opportunistischer Investor agieren und also etwa auch in Immobilien oder größere Trends wie Gesundheit investieren könne. Wohlhabende Familien hätten ihm dafür Geld in Aussicht gestellt, dass er investieren könne. Offiziell heißt es bei Rocket: Der Börsenabgang erhöhe "die strategische und organisatorische Flexibilität des Unternehmens". Nach Informationen des manager magazins hatte sich Oliver Samwer schon vor längerem die Zustimmung des größten externen Aktionärs Baillie Gifford für das Delisting geholt.

Rückkauf zum Mindestkurs - Mehrheit bei Hauptversammlung am 24. September ist Samwer sicher

Konkret bietet Rocket nun seinen Aktionären den Rückkauf ihrer Wertpapiere zum gesetzlichen Mindestkurs an, der nach Berechnungen des Berliner Unternehmens bei 18,57 Euro je Aktie liegt. Der gebotene Preis entspreche dem volumengewichteten Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate. Die Corona-Krise hatte den Kurs im März auf 16 Euro einbrechen lassen, was den Durchschnitt nach unten drückt. Sollte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) einen höheren Mindestpreis errechnen, werde dieser maßgeblich sein, hieß es weiter.

Parallel kündigte das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm zum Erwerb von 8,84 Prozent der Aktien an, das bis zum 15. September laufen soll. Auch hier bietet Rocket 18,57 Euro und damit weniger als der Schlusskurs vom Montag. Aktionären steht es frei, ihre Aktien zu diesem Preis zu veräußern oder weiterhin an Rocket Internet beteiligt zu sein. Weil das Unternehmen dann aber nicht mehr an der Börse notiert, fehlt den Aktionären der Handelsplatz für den Verkauf ihrer Papiere.

Den Weg soll eine außerordentliche Hauptversammlung am 24. September freimachen. Da eine einfache Mehrheit hierfür genügt, dürfte der Beschluss dank der Stimmen von Samwer und der Global Founders GmbH eine Formalie sein. Am 24. September will Rocket Internet auch Einblick in den Geschäftsverlauf vom ersten Halbjahr geben. Nach diversen Beteiligungsverkäufen wie HelloFresh und Delivery Hero sind die bekanntesten Überbleibsel im Portfolio der Online-Möbelhändler Home24 sowie die Global Fashion Group.

Die Finanzierung des Delistings dürfte für Rocket kein Problem sein: Die Marktkapitalisierung des Investors beträgt derzeit etwa 2,6 Milliarden Euro und liegt damit nur leicht über dem Kassenbestand von rund 2,5 Milliarden Euro Ende April.

soc/jr