Ende einer Ära Netflix-Gründer verabschiedet sich mit starkem Abowachstum

Nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Spitze wechselt Reed Hastings in den Verwaltungsrat. Das Geschäft blieb im vierten Quartal schwierig. Doch ein starker Kundenzuwachs macht den Investoren Hoffnung – auch dank "Harry & Meghan".
"Selbst Gründer müssen sich weiterentwickeln": Netflix-Gründer Reed Hastings gibt die Führung des Streamingdienstes ab

"Selbst Gründer müssen sich weiterentwickeln": Netflix-Gründer Reed Hastings gibt die Führung des Streamingdienstes ab

Foto: PATRICK T. FALLON / AFP

Beim Streaming-Riesen Netflix ist eine Ära zu Ende gegangen. Firmengründer Reed Hastings (62) hat sich nach mehr als zwei Jahrzehnten aus dem Topmanagement zurückgezogen, wie er am Donnerstag nach US-Börsenschluss bekanntgab. Er gebe sein Amt als Co-CEO von Netflix ab und werde geschäftsführender Verwaltungsratsvorsitzender. Der bisherige Co-Chef Ted Sarandos (58) wird Netflix nun gemeinsam mit dem langjährigen Konzernmanager und bisherigen COO Greg Peters führen – keine leichte Aufgabe, auch wenn Netflix am Donnerstag auch ein überraschend starkes Nutzerwachstum im Schlussquartal vermelden konnte.

"Selbst Gründer müssen sich weiterentwickeln!", schrieb Netflix-Gründer Hastings im Firmenblog. Er hatte das Unternehmen 1997 in Kalifornien zunächst als Videoverleiher gegründet und es zur weltweit führenden Streamingplattform ausgebaut. Den Übergang an der Spitze hatte er bereits eingeleitet; seit er 2020 bildete er mit Sarandos eine Doppelspitze. Der beförderte Peters verantwortete das Tagesgeschäft und war Chief Product Officer. Sie hätten über 15 Jahre in unterschiedlichen Rollen zusammengearbeitet, so Hastings. Nun tritt er in den Hintergrund.

Als Executive Chairman wird aber weiter großen Einfluss behalten, mehr als ein Aufsichtsratschef in deutschen Konzernen. Hastings selbst verwies auf die Amazon-Gründer Jeff Bezos (59) oder Microsoft-Gründer Bill Gates (67), die ähnliche Rollen einnehmen. Er wolle künftig aber nicht mehr bei Quartalskonferenzen auftreten.

Die Neuen haben keine leichte Aufgabe. Die Wachstumsstory von Netflix als Techplattform, die jahrelang den Aktienkurs getrieben hatte, hat sich inzwischen als Illusion entpuppt . Das vergangene Jahr war über weite Strecken enttäuschend für Netflix verlaufen, der Börsenwert – Ende 2020 bei mehr als 300 Milliarden Dollar – war eingebrochen. Allerdings hatte sich das Geschäft zumindest stabilisiert, so das der Kurs über die vergangenen sechs Monate wieder um mehr als 40 Prozent zugelegt hat. Aktuell ist Netflix gut 140 Milliarden Dollar wert – und die jüngsten Entwicklungen im vierten Quartal beflügeln die Hoffnungen der Investoren, weswegen der Kurs deutlich zulegte.

Vor allem die Nutzerzahlen entwickelten sich deutlich besser als angenommen. In den drei Monaten bis Ende Dezember gewann der Streamingdienst unter dem Strich 7,66 Millionen neue Kunden hinzu – Analysten hatten im Schnitt lediglich mit 4,5 Millionen gerechnet. Damit haben die Nutzerzahlen das zweite Quartal in Folge wieder zugelegt. An das Wachstum vergangener Zeiten kommt Netflix aber noch nicht wieder heran: Im Schlussquartal 2021 gewann Netflix 8,3 Millionen neue Nutzer hinzu. Insgesamt brachte es Netflix zum Jahresende damit auf 230,75 Millionen Nutzerkonten. Neben der Dokumentaion "Harry & Meghan " konnte die Plattform auch mit der Serie "Wednesday" sowie den Filmen "Troll" und "Glass Onion" punkten.

Umsatz stagniert, Nettogewinn bricht ein

Maßgeblich dazu beigetragen hat offenbar der Start des günstigeren, werbefinanzierten Abos, das seit November verfügbar ist. Die Kehrseite: Der Umsatz pro Abonnent sinkt mit billigeren Angeboten. Der Umsatz stagnierte im vierten Quartal nahezu: Die Erlöse wuchsen gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur um rund 2 Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar (umgerechnet: 7,3 Milliarden Euro). Der Nettogewinn brach sogar ein, von 607 Millionen auf 55 Millionen Dollar. Netflix braucht viel Geld, um sich im scharfen Wettbewerb mit Disney und Amazon zu behaupten.

Trotzdem blicken die neuen CEOs Sarandos und Peters zuversichtlich in die Zukunft. Sie stellten für das laufende Vierteljahr einen Gewinnanstieg auf 1,3 Milliarden Dollar in Aussicht. Beim Umsatz rechnet das Unternehmen mit einem Zuwachs auf 8,2 Milliarden Dollar. Insgesamt lagen die Zahlen deutlich über den Prognosen der Analysten, die Aktien  von Netflix reagierten nachbörslich zunächst mit einem Plus von über 7 Prozent.

Die Grundprobleme bleiben

"2022 war ein schwieriges Jahr mit einem holprigen Start, aber einem glänzenderen Abschluss", hieß es im Geschäftsbericht mit Blick auf die schwache erste Jahreshälfte. Netflix hatte zu Beginn der Corona-Pandemie einen regelrechten Kundenansturm erlebt, geriet danach aber in eine Krise mit zwischenzeitlichem Kundenschwund. Die Konkurrenz durch die finanzstarken Wettbewerber – allen voran Walt Disney – nahm zu und durch die hohe Inflation saß das Geld bei Kundinnen und Kunden nicht mehr so locker.

Die Grundprobleme bleiben aber – die große Netflix-Story war in Teilen eine Illusion: Die Positionierung als algorithmen-gesteuerte Techfirma entpuppte sich als übertrieben. Die von den Investoren erhofften Netzwerkeffekte, nach denen techgetriebene Monopolfirmen wachsen, haben sich nicht eingestellt. Im Gegenteil, die Rivalen sind überraschend stark. Und Netflix steuert auf ein Inhalteproblem zu: Viele Erfolgsserien liefen nur unter Lizenz, sie wurden oder werden absehbar von den Eignern wie Warner Bros, NBC oder Walt Disney abgezogen, die mit den Blockbustern lieber ihre eigenen Abo-Plattformen bespielen wollen. Um neue Superserien für neues Wachstum zu schaffen, brauchen Sarandos und Peters viel Kapital.

Für Hastings scheint es ein guter Moment zum Gehen. Und ganz weg ist er ja nicht.

mg/dpa-afx
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