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Christoph Bornschein

Kryptodesaster und Metaverse-Blase Die Lehren aus dem Tech-Crash für 2023

Christoph Bornschein
Eine Kolumne von Christoph Bornschein
Die Techindustrie lieferte im abgelaufenen Jahr viele kurzatmige Geschichten von Metaverse, Blockchain oder künstlicher Intelligenz, die Investoren zum Träumen brachten. Mit deren Platzen ist die Schadenfreude nun groß. Dabei liegt genau darin eine Chance.
aus manager magazin 1/2023
Mit Beinen! Der Avatar von Meta-Boss Mark Zuckerberg (r.) tanzt vor Freude über das Feature

Mit Beinen! Der Avatar von Meta-Boss Mark Zuckerberg (r.) tanzt vor Freude über das Feature

Foto: Mata

Was die Welt antreibt, sind Geschichten. Man muss seinen Harari nicht auswendig kennen, um diese zentrale Idee seines Werks nachvollziehbar zu finden: Gemeinschaftliche, oft unbewusste Fiktionen und Erzählungen definieren zentrale Konzepte unserer Realität. Geschichten treiben Gesellschaften, Wirtschaft, Investments, jeder Elevator Pitch ist zunächst eine Story, jeder Geschäftsbericht liefert neben Zahlen auch Prognosen, Pläne und Versprechen – kurz: Geschichten.

In einer Wirtschaftswelt, die sich der Fiktion des unbegrenzten Wachstums verschrieben hat, bedeutet das auch: Geschichten dürfen nie enden, müssen immer auch Versprechen sein. Es wird weitergehen! Es wird spektakulär! Unternehmerische Wachstumsstrategien sind auch narrative Archetypen. "Ein Investor zu sein", schreibt Hedgefonds-CEO Dan Loeb (60), "bedeutet permanent an der Schnittstelle von Story und Unsicherheit zu leben."

Eines der größten Storyspektakel der Techwelt ist Mark Zuckerbergs (38) Metaverse. Eine Wette auf die Zukunft, in der die Welt virtuell arbeiten, leben, sich begegnen soll. Am 11. Oktober kündigte er ein neues Kapitel an: Die Metaverse-Avatare sollten Beine bekommen! "Probably the most requested feature on our roadmap!" Zuckerberg hüpfte durch die virtuelle Demonstration – allerdings auf vorproduzierten Motion-Capturing-Beinen. Ein Bluff, der schnell und viel kommentiert aufflog.

Ende Oktober rutschte die Meta-Aktie massiv ab, Anfang November wurden 13 Prozent der Belegschaft entlassen. An des Kaisers neuen Beinen allein liegt es nicht: Ein Jahr nach dem Aufbruch ins Metaverse hat Meta wenig vorzuweisen . In den ersten neun Monaten 2022 hat das Zukunftsprojekt knapp 9,5 Milliarden Dollar verbrannt und dabei den Metaverse-Begriff zu einer diffusen, aber wirkungsvollen Businessstory für die Konkurrenz gemacht.

"Wenn man als größtmögliches Social-Media-Unternehmen weiter wachsen will, braucht man etwas anderes als Social Media. Dann braucht man etwas, von dem alle glauben, dass es riesengroß werden kann. Und man muss selbst so viel investieren, dass alle von diesem Potenzial überzeugt sind und keine weiteren Fragen stellen." Diese frei übersetzte Metaverse-Analyse erschien am 30. Oktober auf Twitter, veröffentlicht von einem gewissen Sam Bankman-Fried, dem Gründer und CEO der Kryptobörse FTX. Dass Bankman-Fried mit dieser Art, Businessgeschichten zu entwickeln, durchaus vertraut ist, wurde kurz darauf deutlich – als FTX kolossal in die Pleite stürzte und jede Menge Kapital und Vertrauen mit sich zog.

In den vergangenen Jahren haben sich die Viralitätslogik unserer Medienwelt und die Narrative der Digitalwirtschaft gegenseitig mächtig befeuert. Aus der eher gemütlichen "Digital Equity Story", die den Zukunftswert klassischer Unternehmen steigerte, wurden Hunderte kreischend laut erzählte Kurzgeschichten – Blockchain! Krypto! Bitcoin! "To the moon!" ICOs! Tokens! AI! Dezentralisierung! Memestocks! NFTs! Web3! Metaverse! Wer die glänzend goldene Zukunft erzählte, bekam frisches Kapital. Nun, da die Rezession dräut, verlangen Märkte, Wagniskapitalgeber und Zeitgeist die Einlösung der Versprechen. Und wer nicht liefern kann, steht schnell ohne Beine da.

In praktisch allen schnell heißlaufenden Märkten gibt es viel Unsinn, Größenwahn und nackten Betrug. Wenn da die Luft plötzlich rausgeht, ist Schadenfreude verständlich. Doch der Gartner Hype Cycle lehrt uns, dass das Ende des Hypes um neue Technologien nicht das Ende der Technologien bedeutet. Das Metaverse ist nicht tot, nur weil eine Geschichte uninteressant wird und ihr Haupterzähler vorerst entzaubert ist. NFTs sind nicht am Ende, nur weil ein paar Krypto-Bros lange Gesichter machen.

Statt eines katastrophalen strukturellen Einbruchs erleben wir einen halbwegs kontrollierten Crash. Hier fällt durch einen frühen Belastungstest, was die Infrastruktur der Zukunft werden wollte. Darin liegt nun die Chance für Technologien und Techunternehmen, relevant zu bleiben, indem sie mehr liefern als eine Story – gesellschaftlichen Mehrwert. Weg von der übererzählten Innovation, hin zur substanziellen Innovation. Das ist zunächst auch nur eine Geschichte, aber mich treibt sie ausreichend an.

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