Druck auf Klarna Apples Angriff auf die Fintechs

Mit einem neuen Bezahlsystem tritt Apple in Konkurrenz zu den gehypten "Buy Now, Pay Later"-Diensten. Schon jetzt hat der Tech-Riese klare Vorteile – und will vermutlich noch viel mehr.
Pay Later: Apple-Manager Corey Fugman stellte Anfang Juni den neuen Dienst vor

Pay Later: Apple-Manager Corey Fugman stellte Anfang Juni den neuen Dienst vor

Foto: Apple Inc. Handout / EPA

Es war eine Nachricht, die in der ohnehin gestressten Fintech-Branche für Schockwellen sorgte: Anfang Juni kündigte der wertvollste Konzern der Welt an, den digitalen Newcomern in einem Milliardengeschäft Konkurrenz zu machen. Apple wird künftig sogenannte "Buy now, pay later"-Dienste anbieten, mit denen Nutzer ihre Zahlungen auf einen längeren Zeitraum strecken können. Das Angebot unter dem Namen "Apple Pay Later" soll überall dort gelten, wo bereits das konzerneigene Bezahlsystem akzeptiert wird, pries Manager Corey Fugman bei der Vorstellung auf der Entwicklerkonferenz. Ab diesem Herbst schon sollen Nutzer in den USA Geldsummen zwischen 50 und 1000 US-Dollar innerhalb von sechs Wochen in bis zu vier Einzelzahlungen aufteilen – ohne Zinsen und Gebühren. Einfach über ihr iPhone.

Damit mischt sich Apple-Boss Tim Cook (61) in einen zuletzt boomenden Markt ein, der bislang von jungen Firmen wie dem schwedischen Start-up Klarna oder den US-Firmen Affirm und PayPal dominiert wird. Während der Corona-Krise war das Geschäft mit Ratenzahlungen stark gewachsen. Immer mehr Einzelhändler arbeiten mit den Zahlungsdienstleistern zusammen und bieten die BNPL-Dienste über ihre Websites an. Nun will auch Cook einsteigen – und das ist vermutlich nur ein weiterer Schritt, um als Big Player im Finanzgeschäft Fuß zu fassen.

Kein Bankpartner: CEO Tim Cook will die Kreditvergabe selbst abwickeln

Kein Bankpartner: CEO Tim Cook will die Kreditvergabe selbst abwickeln

Foto: IMAGO/Wu Xiaoling / IMAGO/Xinhua

Der Wandel in der Bankenbranche wurde bislang vor allem von kleineren Fintechs und Neobanken getrieben. Langfristig haben aber wohl die großen Techkonzerne gute Positionen. "Apple gehört zu den eigentlichen Gewinnern im Payment – wenn man weit vorausschaut", sagte kürzlich etwa der Techinvestor Philipp Klöckner (42) im Gespräch mit "Capital".  Banking sollte so einfach und digital wie möglich umgesetzt werden. Und da hätten Apple und Google mit ihren Endgeräten Betriebssystemen nun mal ideale Voraussetzungen. Kein Wunder, dass auch Google längst mit seiner Bezahlfunktion experimentiert. 

Apples Weg zum Finanzdienstleister

Apple bietet bereits seit vielen Jahren Finanzdienste an. Seit 2014 beispielsweise können iPhone-Besitzer in den USA mit Apple Pay bezahlen; seit Ende 2018 wird der Dienst auch in Deutschland angeboten. Inzwischen bevorzugt laut einer GfK-Studie im Auftrag von Mastercard fast jeder Dritte der Deutschen die Zahlung mit Apple Pay. Wegen seiner Marktmacht ist der Konzern bereits ins Visier der europäischen Kartellbehörden geraten; er versperre bei Apple Pay Dritten den Zugang zu Schlüsseltechnologien und verstoße so gegen das Wettbewerbsrecht, hatte EU-Kommissarin Margrethe Vestager (54) im Mai erklärt.

In den USA hat CEO Cook jedoch längst die nächsten Schritte eingeleitet. Seit 2019 bietet der Konzern dort als Erweiterung von Apple Pay eine Kreditkarte an. Damit können die Nutzer ihre Finanzen in der Wallet App oder Online überwachen. Cook hatte verkündet, dass die Apple Card auch nach Deutschland kommen soll. Wann genau, ist aber immer noch unklar.

Und zuletzt fügte der Tech-Riese auch Zahlungsdiensten von Drittanbietern die Möglichkeit hinzu, den integrierten NFC-Chip in den Geräten zu verwenden, um die kontaktlose Bezahlmethode zu akzeptieren. Noch in diesem Jahr werden also US-Händler in der Lage sein, Apple Pay zu akzeptieren, indem sie einfach das iPhone und eine von Partnern unterstützte iOS-App verwenden. Der Zahlungsdienstleister Stripe wird nach Unternehmensangaben der erste Dienst sein, der die neue Funktion einsetzt.

BNPL-Markt immer beliebter

Apple Pay Later ist nun der nächste Schritt. Es soll passend zum iPhone-Update von iOS 16 im Herbst kommen und den bestehenden Dienst ergänzen. BNPL-Dienste, auch als Point-of-Sale-Darlehen bekannt, ermöglichen es Käufern, ihre Artikel in Raten zu bezahlen. Sie führen keine harten Bonitätsprüfungen durch, bevor sie einen Kredit vergeben, weswegen sie vor allem bei der jüngeren Klientel beliebt sind. Unumstritten sind die Angebote nicht, Verbraucherschützer warnen vor Überschuldungsrisiken.

Während der Corona-Krise war der Gesamtumsatz im Onlinehandel deutlich gestiegen, laut einem Wordpay-Report auf insgesamt 4,6 Billionen US-Dollar. Davon wurden knapp zwei Prozent per BNPL bezahlt, rund 97 Milliarden US-Dollar. Bis 2024 dürfte sich das Volumen verdoppeln. Dominiert wird das Geschäft bisher von Start-ups wie Klarna, Afterpay, Affirm oder Paypal. Zuletzt standen sie erheblich unter Druck, Klarna-Chef und Mitgründer Sebastian Siemiatkowski (40) etwa hat Massenentlassungen angekündigt und die Bewertung sank von 45 Milliarden Dollar auf angeblich nur noch ein Drittel.

Finanziell unabhängig

Im Gegensatz zu den Wettbewerbern verschafft sich Cook schon jetzt einen klaren Vorteil: Während die BNPL-Dienste meist nur als Mittler auftreten, will Apple die Kreditvergabe selbst abwickeln. Reserven dafür sind vorhanden, der Konzern sitzt auf 200 Milliarden Dollar Bargeld und verfügt über einen soliden Cashflow. Ohne einen Bankpartner kann der Konzern das Angebot zunächst fast unbegrenzt ausweiten, während die anderen BNPL-Apps meist selbst geliehenes Geld an die Verbraucher leihen.

Eine Banklizenz hat Apple nicht. Der Techkonzern stützt sich auf eine von Goldman Sachs ausgestellte Zahlungsberechtigung. Zusammen mit der Wall-Street-Bank hatte Apple bereits in den USA eine Kreditkarte herausgebracht. Die Abwicklung und Kreditprüfung übernimmt das Tochterunternehmen Apple Financing LLC.

Apples Risiko

Ohne Risiken ist das BNPL-Geschäft nicht. Wie hoch die Ausfallquoten der Kurzzeitkredite sind, zeigt sich wohl erst jetzt in der drohenden Rezession. Bislang waren die Algorithmen der BNPL-Anbieter mit Daten aus einer Boomphase trainiert. Aber anders als Apple haben sie schon jahrelang Daten sammeln können. Insgesamt greifen beispielsweise den Angaben von Klarna zufolge 200.000 Onlinehändler in 17 Ländern auf den BNPL-Dienst zurück, sodass 90 Millionen Endverbraucher die Zahlungsmethoden des Unternehmens nutzen. Affirm hat aktuell 12,7 Millionen Kunden.

Apple verfügt zunächst nicht über vergleichbare Datensätze. Allerdings: Laut einem aktuellen Analysebericht von Counterpoint verfügt der Konzern über Unmengen an Transaktionsdaten durch Apple Wallet – und damit bereits über ein gesundes Risikomanagementmodell. Würde Apple künftig alle Daten der eigenen Kunden verknüpfen, dürfte deren Qualität deutlich größer als bei den Rivalen sein. Außerdem zählen die Apple-Kunden tendenziell zu den wohlhabenderen, oder wie ein Beobachter sagt: "Das iPhone dient schon als Bonitätsnachweis."

Zunächst begrenzt der Techriese seine Risiken auch strukturell. Von säumigen Schuldnern will der Konzern zwar keine Gebühren eintreiben, sondern diese nur von künftigen Transaktionen ausschließen. Aber Apple Pay gilt nur für maximal sechs Wochen. Zum Vergleich: Mit dem Klarna Ratenkauf ist es möglich, die Kosten für den Einkauf auf bis zu 36 Monate zu strecken. Und auch die Finanzierung von Affirm kann in bis zu 12 Monaten abbezahlt werden. Apple hat außerdem angekündigt, erst mal nur geringe Summen zu vergeben, während Klarna kein vorgegebenes Ausgabelimit hat und die Höhe des jeweiligen Kredits jeweils automatisch prüft.

Milliarden Apple-Geräte auf dem Markt

Das Potenzial jedenfalls ist gewaltig. Weltweit gibt es mehr als 1,8 Milliarden Apple Watches, iPhones, Macs, Apple TVs und iPod Touchs, wie kürzlich Cook verkündet hat. Die Anzahl der Nutzer von Apple Pay wurde im September 2020 auf 507 Millionen geschätzt, inzwischen dürften es deutlich mehr sein.

Für Ben Bajarin, Chef-Analyst bei Creative Strategies, ist Pay Later für Apple ohnehin mehr als nur ein "Jetzt kaufen, später bezahlen"-Programm: "Es ist eine Vertiefung des Ökosystems", sagt er. Es helfe Apple, die Loyalität der Kundschaft zu Plattform zu stärken – und damit den Wert des Konzerns. Apple werde mit dem Angebot nicht unbedingt Geld verdienen, aber die Bindung an die Kundschaft erhöhen. Für die Fintechs ist das keine schöne Perspektive.

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