Rückzug von Konzerngründer Jeff Bezos installiert Vertrauten an Amazon-Spitze

Jeff Bezos zieht sich aus der ersten Frontlinie zurück. Sein Vertrauter Andy Jassy soll künftig Amazon führen - und die Aufspaltung des Online-Giganten verhindern. Bezos verabschiedet sich als Vorstandschef mit Rekordumsätzen im vierten Quartal.
Jetzt zählt es: Andy Jassy soll künftig Amazon führen

Jetzt zählt es: Andy Jassy soll künftig Amazon führen

Foto: Mike Blake / REUTERS

Andy Jassy (53) wird neuer Chef des Online-Giganten Amazon. Der bisherige Chef der Cloudsparte AWS solle das Amt im dritten Quartal 2021 übernehmen, teilte der Gründer und bisherige Chef Jeff Bezos (57) am Dienstag mit. "Derzeit ist Amazon so erfinderisch wie nie zuvor, weswegen dies die optimale Zeit für den Wechsel ist", begründete Bezos seinen Entschluss.

Der Schritt erfolgt vor einer Phase möglicher entscheidender Weichenstellungen: In der Corona-Krise setzte der weltgrößte Onlinehändler erstmals mehr als 100 Milliarden Dollar pro Quartal um. Gleichzeitig diskutiert die US-Politik, ob sie Amazon wegen zu großer Marktmacht aufspalten soll. Der Konzern diktiert Händlern auf seiner Plattform zum Teil brutale Bedingungen, durch die Ausweitung seines Medienangebots Prime sammelt Bezos zudem in großem Umfang Daten seiner Kundinnen und Kunden.

Bezos sitzt Jassy weiterhin im Nacken

Der Rückzug von Bezos als CEO könnte für Amazon dennoch weniger einschneidend sein als es auf den ersten Blick erscheint. Auch als CEO hatte Bezos seit Langem das tägliche Geschäft seiner Führungsmannschaft überlassen. An Investorencalls mit Analysten nahm er schon lange nicht mehr Teil. Das operative Geschäft führte auch vorher schon ein starkes Führungsteam.

Zudem wird Bezos seinen Führungskräften auch weiterhin das Feld nicht ganz überlassen. Er wird nun Executive Chair, also Aufsichtsratschef. Damit sitzt er dem neuen Chef Jassy weiterhin im Nacken. Man könnte fast sagen: Gar nicht so viel anders als früher. Kurz- bis mittelfristig wird sich also bei Amazon aller Voraussicht nach wenig ändern.

In einem Schreiben an Mitarbeiter erklärte Bezos, der das Unternehmen aus Seattle vor 27 Jahren gründete und von einem digitalen Buchhändler zu einer umfassenden Online-Plattform mit mehr als 800.000 Mitarbeitern machte, durch den Schritt mehr "Zeit und Energie" für seine anderen Projekte zu haben. "Ich hatte nie mehr Energie, es geht hier nicht um den Ruhestand", sagte Bezos, der den Titel als reichster Mann der Welt erst kürzlich an Tesla-Gründer Elon Musk (49) abtreten musste.

Erstmals mehr als 100 Milliarden Dollar Quartalsumsatz

Große Pläne hat er vor allem mit seinem privaten Raumfahrtunternehmen Blue Origin, in das er auch sein privates Vermögen steckt. Noch in diesem Frühjahr soll die Firma die ersten Passagiere ins All bringen. Auch Musk verlagert seine Aufmerksamkeit zusehends auf sein Raumfahrtunternehmen SpaceX. Auch um seine Stiftungen und die Tageszeitung "Washington Post" wolle er sich künftig mehr kümmern, teilte Bezos mit.

Nachfolger Jassy verantwortet mit AWS (Amazon Web Services) den weltgrößten Cloudanbieter, der für den US-Konzern immer wichtiger wird. Amazon profitiert davon, dass immer mehr Unternehmen darauf verzichten, eigene, teure Rechenzentren zu betreiben. Stattdessen nehmen sie lieber die Dienste von Cloud-Plattformen in Anspruch, die ihnen auf externen Servern Speicherplatz sowie Anwendungen zur Verfügung stellen. Jassy arbeitet bereits seit 1997 für Amazon.

Im vierten Quartal - für Händler wegen des Weihnachtsgeschäfts das wichtigste Vierteljahr des Jahres - war der Umsatz von Amazon um 44 Prozent auf 125,6 Milliarden Dollar gestiegen. Es war ein Rekord für das Unternehmen, dem die Kunden angesichts geschlossener Läden rund um den Globus glänzende Geschäfte bescheren. AWS steuerte 12,7 Milliarden Dollar zu den Erlösen bei - etwas weniger als von Analysten erwartet. Der Konzerngewinn kletterte auf 7,2 Milliarden Dollar von 3,3 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Für das laufende Quartal geht Amazon von geringeren Kosten in Zusammenhang mit der Corona-Krise aus - allerdings auch von einem deutlichen Umsatzminus zum Vorquartal.

An der Börse reagierte die Amazon-Aktie nachbörslich kaum. Das Papier des mit rund 1,7 Billionen Dollar bewerteten Unternehmens legte lediglich leicht zu.

soc, rs/Reuters
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