Zur Ausgabe
Artikel 19 / 40
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Christoph Bornschein

Deutsche Techstars und Unicorns Dies ist kein Investmenttipp – oder doch?

Christoph Bornschein
Von Christoph Bornschein
Auch in Deutschland gibt es digitale Gewinner, sehr solide sogar. Die Start-ups bieten zwar nicht unbedingt einmalige Ideen, dafür aber skalierbare Lösungen für komplexe Businessprozesse – was braucht es mehr für ein Investment?
aus manager magazin 3/2021
Neue aussichtsreiche Spieler im Firmenkundengeschäft: Flaschenpost investiert in das HR-Start-up Echometer – im Bild dessen Gründer Jean Michel Diaz, Robin Roschlau und Christian Heidemeyer (v. l.)

Neue aussichtsreiche Spieler im Firmenkundengeschäft: Flaschenpost investiert in das HR-Start-up Echometer – im Bild dessen Gründer Jean Michel Diaz, Robin Roschlau und Christian Heidemeyer (v. l.)

Foto: PR

Dem Status "Krisenjahr" zum Trotz war 2020 ein Rekordjahr für Börsengänge in den USA. Vor allem im Gesundheits- und im Techsektor lief das Geschäft, auch befeuert durch die Vielzahl neuer SPACs – Special Purpose Acquisition Companies, die Börsengelder sammeln, um damit andere Unternehmen aufzukaufen und ihrerseits schneller an die Börse zu bringen. Rund 250 SPAC-Börsengänge gab es 2020, im Januar 2021 allein mehr als 90. Niedrigzinsphase, hohe Marktliquidität und eine grundsätzlich andere Börsen- und Investitionskultur, als wir sie hierzulande kennen, kombinieren sich zur Rallye und zum Risiko: "Es gibt im Moment eine Menge Geld auf der Jagd nach Unternehmen", beschreibt es der Direktor einer amerikanischen Investmentbank. Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen seien da absehbar. Mal ganz abgesehen vom Spekulationsgebaren der Kleinanleger beim Händler Gamestop. 

Aus europäischer und vor allem deutscher Sicht mutet das Börsengewese etwas irre an. Die Deutschen sind traditionell Sparer und keine Anleger und jedem Investmentrisiko eher abhold. Auch wenn das letzte Jahr hier einiges in Bewegung gebracht hat: Nur ein knappes Fünftel der rund sieben Billionen Euro an deutschem Geldvermögen liegt in Aktien und Investmentfonds. Im Zweifel geht eben Sicherheit vor Zinssatz. Zu diesem Umfeld passt, dass Unternehmen wie Curevac aus Tübingen oder Biontech aus Mainz  nicht im relativ nahen Frankfurt am Main, sondern in New York an die Börse gehen, oder dass das deutsche Insurtech Clark auf seinem Erfolgskurs nun von Tencent beflügelt wird. Innovation aus Europa wird leider immer noch nur in Ausnahmefällen von europäischem Geld finanziert.

Doch der Umschwung ist – mit der üblichen atlantischen Verzögerung – absehbar. Liquiditätsüberschüsse generieren Opportunitäts- und Haltungskosten, die Zugangsschwellen für Anleger werden radikal abgebaut. Letztes Beispiel: der gelungene Börsengang des Gebrauchtwagenhändlers Auto1 in Frankfurt. Zugleich gewinnt die lang prognostizierte Entwicklung wirklich tragfähiger, wertvoller und skalierender Werte im Business-to-Business-Bereich (B2B) an Schwung.

Die drei deutschen Unicorns des Januars sind mit Personio, Sennder und Mambu klar firmenkundenorientiert, die Bewertung von Personio steigt von 450 Millionen Euro im Februar 2020 auf heute 1,4 Milliarden. Ebenfalls im Januar wird bekannt, dass SAP für eine Milliarde Euro das Business-Intelligence-Start-up Signavio übernimmt und dass die Flaschenpost-Führung ins HR-Start-up Echometer investiert. Process-Mining-Lösungen bleiben nachgefragt, und – um mal den Blick auf ganz Europa zu weiten – das in Rumänien gegründete Prozessautomatisierungsunternehmen Uipath  bereitet seinen Börsengang vor.

All diese Unternehmen eint letztlich, dass sie nicht unbedingt durch lupenreine Innovation glänzen. Sie bieten schlicht perfekt skalierende Lösungen für oft komplexe Businessprozesse. Sie schaffen ganz klassisch dadurch Werte, dass sie Probleme identifizieren, abstrahieren und durch diese Abstraktion branchen- und größenübergreifend lösen können. Die Bewertung von Personio mag manche Kinnlade nach unten klappen lassen, aber sie ist kein Fantasieprodukt: Progressive, cloudbasierte Unternehmenssoftware, die in den Mittelstand geht, ist eine Kategorie, in der Europa tatsächlich a) echten Bedarf und b) Lösungen zu bieten hat.

Wenn wir also ausreichend erörtert haben, wie allein der Hashtag #bitcoin in Elon Musks Twitter-Bio den BTC-Kurs treibt und wie ausgerechnet Blackrock vom Aufstand der Kleinanlager gegen die Hedgefonds  profitierte, können wir ja einmal auf die Kernfrage zurückkommen: Welches Investment trägt denn nun wirklich? Wo ist denn Geld sinnvoll angelegt? Und die Antwort darauf fällt ziemlich konservativ aus: Was trägt, ist ein gutes Geschäftsmodell mit echtem Effizienz- und Wertsteigerungspotenzial. Wir automatisieren den Mittelstand. Kein unbedingt starker Schlachtruf, aber überfällig und unbedingt wertvoll. Dies ist kein Investmenttipp.

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 40
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.