Insolvente Kryptobörse Die Abgründe des FTX-Desasters

Während sich der Gründer und Ex-Chef Bankman-Fried in einem Interview um Kopf und Kragen redet, belastet der neue CEO seinen Vorgänger schwer: Die Situation sei beispiellos.
"Sie schützen die Kunden überhaupt nicht": Sam Bankman-Fried lässt in einem Vox-Interview Frust ab und zieht über die US-Aufsichtbehörden her, später relativiert er seine Aussagen

"Sie schützen die Kunden überhaupt nicht": Sam Bankman-Fried lässt in einem Vox-Interview Frust ab und zieht über die US-Aufsichtbehörden her, später relativiert er seine Aussagen

Foto: SAUL LOEB / AFP

Nicht umsonst hat John J. Ray III (63) den Spitznamen "Pitbull" verliehen bekommen. Der Anwalt aus Chicago ist Restrukturierungsexperte – er räumt auf, was aus kollabierten Firmen übrig geblieben ist. Berühmt wurde er im Zuge der Aufräumarbeiten nach dem Zusammenbruch des Enron-Konzerns, als er die Reste verwerten musste. Ray hat in seiner Karriere also schon einiges gesehen, bevor er zum neuen CEO der Kryptohandelsbörse FTX ernannt wurde. Doch das Ausmaß des Chaos übersteigt offenbar alles.

"Noch nie in meiner beruflichen Laufbahn habe ich ein so vollständiges Versagen der Unternehmenskontrollen und ein so vollständiges Fehlen vertrauenswürdiger Finanzinformationen erlebt wie in diesem Fall", erklärte Ray in aktuellen Gerichtsunterlagen. Vor einer Woche hatte er bei FTX den Gründer und bisherigen CEO Sam Bankman-Fried (30) ersetzt, nachdem das Unternehmen Insolvenz angemeldet hatte. Der Neue zeichnete nun ein erschütterndes Bild, sprach von "kompromittierter Systemintegrität", bemängelte die fehlenden Kontrollen und die Machtkonzentration "in den Händen einer sehr kleinen Gruppe unerfahrener, unbedarfter und potenziell gefährdeter Personen". Sein Urteil: "Diese Situation ist beispiellos."

Der Fall FTX und der Absturz des lange gefeierten Goldjungen der Kryptowelt  hat ein Beben in der gesamten Branche ausgelöst. Der Zusammenbruch der von Bankman-Fried, kurz: SBF, gegründeten und geführten Kryptobörse bringt immer mehr Marktteilnehmer und Investoren in Schwierigkeiten. Erst am Mittwoch hatte der Kryptobroker und -verleiher Genesis erklärt, zur Sicherung der eigenen Liquidität keine neuen Kredite mehr zu vergeben und die Rückzahlung vorläufig einzustellen. Genesis selbst ist ein zentraler Akteur in der Branche, verbunden mit vielen weiteren Plattformen wie etwa Gemini. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen mehr als 130 Milliarden Dollar an Kryptokrediten vergeben. Ende des dritten Quartals 2022 wies es insgesamt 2,8 Milliarden Dollar an aktiven Krediten aus.

"Das Krypto-Ökosystem ist in einer Weise miteinander verflochten, die in naher Zukunft zu weiteren Ansteckungen führen wird"

Joe Urban, Kryptoexperte vom Broker Clear Street

Die bange Frage ist nun: Welche Kettenreaktionen löst das FTX-Desaster noch aus? Jeff Howard, Vertriebschef der Hongkonger digitalen Börse OSL, glaubt, dass die Wellen der FTX-Pleite vor allem weniger gut kapitalisierte Kryptowährungsakteure treffen werde, die ihre Vermögenswerte auch nicht breit genug gestreut hätten. "Das Krypto-Ökosystem ist in einer Weise miteinander verflochten, die in naher Zukunft zu weiteren Ansteckungen führen wird. Das Ansteckungsrisiko bei Kryptowährungen nimmt weiter zu", zitiert Reuters  den Kryptoexperten Joe Urban vom Broker Clear Street.

Die Geldgeber von FTX haben ihre Hoffnung ohnehin bereits aufgegeben, ihr Kapital wiederzusehen. Die ersten prominenten Investoren – der Vision Fund von Softbank-Chef von Masayoshi Son und der angesehene Risikoinivestor Sequoia Capital – hatten ihre Anteile bereits vor Tagen komplett abgewertet. Nun zog auch Temasek nach. Die Holdinggesellschaft des Stadtstaates Singapur und einer der führenden FTX-Investoren kündigte laut "Financial Times"  am Donnerstag an, ihre Beteiligung von 275 Millionen Dollar an FTX ebenfalls auf Null zu setzen.

Firmengelder für persönlichen Luxus

Neben dem wirtschaftlichen Schaden greift der Kollaps auch die Reputation der Geldgeber an. Nach der letzten Finanzierungsrunde war FTX noch mit 32 Milliarden Dollar bewertet worden – doch offensichtlich hatte es keine wirkliche Buchprüfung gegeben. Sonst hätten die Unzulänglichkeiten auffallen müssen, auf die der neue CEO Ray in seiner ersten Woche gestoßen ist. So stellte Ray fest, dass viele der mehr als 130 Unternehmen der FTX-Gruppe, insbesondere die in Antigua und auf den Bahamas, nicht über eine angemessene Unternehmensführung verfügten und viele noch nie eine Board-Sitzung abgehalten hatten. Die Gruppe wies auch Verfahrensmängel bei der Kassenführung auf, darunter das Fehlen einer genauen Liste der Bankkonten und der Zeichnungsberechtigten.

Irritiert zeigte sich Ray auch über die Verwendung von Firmengeldern zur Bezahlung von Häusern und anderen Dingen für Mitarbeiter. "Soweit ich weiß, wurden auf den Bahamas Firmengelder der FTX-Gruppe für den Kauf von Häusern und anderen persönlichen Gegenständen für Mitarbeiter und Berater verwendet. Soweit ich weiß, gibt es für einige dieser Transaktionen offenbar keine Darlehensunterlagen, und bestimmte Immobilien wurden in den Unterlagen der Bahamas auf den persönlichen Namen dieser Mitarbeiter und Berater eingetragen", sagte er.

Das Schlimmste aber: Bisher hätten die Gläubiger "nur einen Bruchteil" der digitalen Vermögenswerte der Gruppe gefunden und gesichert, auf die sie gehofft hatten, so Ray. Darunter seien etwa 740 Millionen Dollar in Kryptowährungen in sogenannten Cold Wallets gewesen; das sind Möglichkeiten, Kryptowährungstoken offline zu halten.

US-Finanzministerin Yellen fordert schärfere Aufsicht

Während Investoren in Florida Schadenersatzklage gegen Bankman-Fried und prominente FTX-Unterstützer  wie NFL-Star Tom Brady und Tennisstar Naomi Osaka eingereicht haben, ist auch die Politik in den USA aufgeschreckt. Die demokratische Vorsitzende des Finanzausschusses, Maxine Waters (84), und der ranghöchste republikanische Abgeordnete Patrick McHenry (47) kündigten am Mittwoch eine parteiübergreifende Anhörung zur FTX-Pleite an, berichtet CNBC . Sie forderten die US-Bankenaufsichtsbehörden zu einer schärferen Aufsicht der Kryptoindustrie auf. McHenry wird sehr wahrscheinlich künftig den Finanzausschuss führen. Finanzministerin Janet Yellen (76) erklärte, dass eine effektivere Aufsicht über die Kryptomärkte erforderlich sei, um die Risiken anzugehen. Ohne FTX konkret zu nennen, forderte die Ministerin den Kongress auf, schnell zu handeln.

Gründer Bankman-Fried selbst bedauerte in einem von Vox verbreiteten Interview , dass er überhaupt Insolvenz nach Chapter 11 beantragt hatte und kritisierte zugleich die Regulierungsbehörden. Sein "größter Fehler" sei "Chapter 11" gewesen. "Wenn ich das nicht getan hätte, könnten in einem Monat die Abhebungen starten und die Kunden wären vollständig entschädigt", behauptete er. In dem schriftlich geführten Interview via Twitter-Direktnachrichten schrieb er unverblümt: Die "F--- Regulierungsbehörden" machten alles noch schlimmer. "Überfordert" seien die meisten Aufseher. "Sie schützen die Kunden überhaupt nicht."

Später versuchte er, sich zu distanzieren, betonte auf Twitter, dass die Äußerungen "nicht für die Öffentlichkeit" bestimmt gewesen seien. Manches habe er "unbedacht oder übermäßig stark" formuliert. Die Plattform Vox dagegen erklärte: Die gesamte Kommunikation sei öffentlich gewesen. Die Reporterin habe sich auf Twitter gegenüber Bankman-Fried klar zu erkennen gegeben und ihn zusätzlich per Mail darüber informiert, dass sie über den Austausch auf dem Medium schreiben wolle. Bankman-Fried habe in seiner Antwort "keine Einwände erhoben".

John Ray, der neue Pitbull an der Unternehmensspitze, versuchte unterdessen, noch größeren Schaden abzuwenden. "Sam Bankman-Fried hat keine laufende Funktion bei FTX, FTX US oder Alameda Research und spricht nicht in deren Namen", kommentierte er.

rei/lhy
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