Foxconn in China Neuer Aufstand in der weltgrößten iPhone-Fabrik

Nirgendwo werden mehr Apple-Handys gebaut als in Zhengzhou. Bereits Ende Oktober war es hier nach Anti-Covid-Maßnahmen zu Unruhen gekommen. Nun eskaliert die Lage erneut. Das Foxconn-Werk wird zum Symbol für den Frust in China.
Aufstand in Zhengzhou: Wackelige Fotos zeigen die Proteste in der Foxconn-Fabrik

Aufstand in Zhengzhou: Wackelige Fotos zeigen die Proteste in der Foxconn-Fabrik

Foto: AP / picture alliance

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In der größten iPhone-Fabrik der Welt ist erneut eine Revolte ausgebrochen. Hunderte von Arbeiterinnen und Arbeitern haben sich teils gewalttätigen Protesten im Werk des chinesischen Auftragsfertigers Foxconn in der Stadt Zhengzhou angeschlossen. In den sozialen Netzwerken kursierten am Mittwoch zahlreiche Videos, in einigen zertrümmerten Männer Überwachungskameras und Fenster, bewaffnete Ordnungskräfte schossen Tränengas.

Damit spitzt sich die Lage um die Fabrik abermals zu, nachdem bereits Ende Oktober erschütternde Bilder um die Welt gingen. Damals protestierten Mitarbeitende gegen die harten Lockdown-Regeln, die sie auf dem riesigen Fabrikgelände festhielten. Sie kletterten über Zäune und flüchteten zu Fuß aus der Region. Nun eskalieren die Spannungen erneut und liefern in China seltene Szenen offenen Protests. Die iPhone-Fabrik wird damit einmal mehr zum Symbol für die steigende Frustration über die scharfen Covid-Vorschriften der Regierung.

Auf der Flucht: Foxconn-Mitarbeiter verließen Ende Oktober angeblich zu Tausenden die Fabrik

Auf der Flucht: Foxconn-Mitarbeiter verließen Ende Oktober angeblich zu Tausenden die Fabrik

Foto: Hangpai Xingyang / AP

Der Auslöser für die aktuellen Proteste sollen Pläne für verzögerte Bonuszahlungen gewesen sein, wie viele der Demonstranten in Livestream-Übertragungen sagten. "Gebt uns unseren Lohn!", skandierten Arbeiter in Videos, die allerdings nicht umgehend verifiziert werden konnten. Umgeben waren die Demonstrierenden von Personen in weißen Schutzanzügen, von denen einige Schlagstöcke trugen. Andere Aufnahmen zeigen, wie Tränengas eingesetzt wird und Arbeiter die Quarantänebarrieren niederreißen. Einige Arbeiter beschwerten sich auch darüber, dass sie gezwungen waren, ihre Schlafräume mit Kollegen zu teilen, die angeblich positiv auf Covid-19 getestet worden waren.

Foxconn bestritt die Vorwürfe. Das Unternehmen habe seine Zahlungsverpflichtungen erfüllt, hieß es in einer Erklärung. Berichte über infizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf dem Campus mit anderen zusammenlebten, seien "unwahr". "Bezüglich jeglicher Gewalt wird das Unternehmen weiterhin mit den Mitarbeitern und der Regierung kommunizieren, um zu verhindern, dass sich ähnliche Vorfälle wiederholen", fügte das Unternehmen hinzu.

Fraglich ist nun auch, wie sich die Unruhen auf die Produktion in der Fabrik auswirken. In der Fabrik arbeiten regulär rund 200.000 Menschen. Nach der Eskalation Ende Oktober hatte das Unternehmen in der zweiten Novemberhälfte die volle Produktion wieder aufnehmen wollen. Ein Insider erklärte der Nachrichtenagentur Reuters, die Fertigung sei von den aktuellen Unruhen nicht beeinflusst, sie laufe "normal". Allerdings, so die Quelle, sei das Ziel "unsicher"; an den aktuellen Protesten habe ein Teil der nach den Oktober-Unruhen neu eingestellten Mitarbeiter teilgenommen.

Eine zweite Quelle, die mit der Angelegenheit vertraut ist, hielt es dagegen für unwahrscheinlich, dass Foxconn das gesetzte Ziel erreichen werde, und verwies auf die durch die Unruhen ausgelösten Störungen, die sich insbesondere auf die neuen Mitarbeiter auswirkten. "Angesichts der Unruhen ist es sicher, dass wir die normale Produktion bis zum Monatsende nicht wieder aufnehmen können."

Auswirkungen auch für Apple und das iPhone 14

Das hätte Auswirkungen auch für den US-Konzern Apple. Die Amerikaner beziehen etwa 70 Prozent ihrer iPhones von Foxconn, auch das neueste Modell iPhone 14. Die meisten Geräte stammen dabei aus Zhengzhou, das Gelände um den Werkkomplex wird auch "iPhone-City" genannt; es gibt aber noch weitere, kleinere Foxconn-Fabriken. Nach Ausbruch der Unruhen vor wenigen Wochen hatte der US-Konzern bereits vor eingeschränkten Lieferungen gewarnt, Beobachter rechneten für den November ohnehin mit 30 Prozent weniger produzierten iPhones in Zhengzhou. Apple reagierte aktuell nicht auf Anfragen.

Ende Oktober hatten sich die Unzufriedenheit nach einem Corona-Ausbruch in der Region entzündet. Foxconn hatte, um die strengen Anti-Covid-Regeln des Staates zu befolgen, ein in China übliches Closed-Loop-System eingeführt. Dabei leben und arbeiten die Mitarbeitenden ohne Kontakt zur Außenwelt auf dem Gelände, bis die Quarantänemaßnahmen wieder aufgehoben sind. Zahlreiche Fabriken, unter anderem Tesla in Shanghai, hatten zeitweise ähnliche Modelle aufgesetzt. Die Regierung hofft, mit diesen Modellen eine Ausbreitung der Infektionen verhindern zu können, ohne die Wirtschaft wie in den vergangenen Jahren komplett herunter zu fahren. Bei Foxconn steigerte sich aber der Unmut über die strengen Quarantänevorschriften, die Unfähigkeit des Unternehmens, Krankheitsausbrüche zu bekämpfen, und die schlechten Bedingungen, einschließlich des Mangels an Lebensmitteln. Schätzungen zufolge sollten Tausende ausgebrochen und ins Land geflohen sein.

Mit Prämien ins Werk gelockt

Um die Rest-Belegschaft zu halten und neue Mitarbeiter zu gewinnen, musste Foxconn Prämien und höhere Gehälter bieten. Zum Teil soll das Unternehmen selbst für einfache Tätigkeiten 3500 Dollar für zwei Monate Arbeit geboten haben – deutlich mehr als in der Region sonst üblich. Auch lokale Behörden halfen, indem sie laut Berichten lokaler Medien pensionierte Soldaten und Regierungsangestellte in die Fabrik entsandten. Es könnte sein, dass der Eifer der Behörden bei der Anwerbung von Arbeitskräften bei der Eskalation nun eine Rolle gespielt haben könnte, weil es womöglich zu einer "Fehlkommunikation" in Fragen über Zulagen und Unterbringung gekommen sein könnte. Die Regierung von Zhengzhou reagierte nicht sofort auf eine per Fax übermittelte Bitte um Stellungnahme der Agentur Reuters.

In den Videos beklagen sich die Arbeiter darüber, dass sie nie sicher waren, ob sie während der Quarantäne Mahlzeiten bekommen würden, oder über die unzureichenden Absperrungen zur Eindämmung eines Ausbruchs. "Es ist nun offensichtlich, dass die geschlossene Produktion bei Foxconn nur dazu beiträgt, die Ausbreitung von Covid in der Stadt zu verhindern, aber für die Arbeiter in der Fabrik nichts tut (oder es sogar noch schlimmer macht)", erklärte Aiden Chau vom China Labour Bulletin, einer in Hongkong ansässigen Organisation per E-Mail.

Die Regierung versucht derweil, ein Überspringen der Proteste zu verhindern. Am Mittwochnachmittag war der Großteil des Filmmaterials auf der Social-Media-Plattform Kuaishou, auf der Reuters viele der Videos eingesehen hatte, bereits entfernt worden. Kuaishou reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.

lhy/Reuters
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