Wettlauf um Flugtaxis Investoren klotzen bei Drohnen-Start-ups – Andreas Scheuer kleckert

Während der Verkehrsminister eine Mini-Förderung ankündigt, investieren Wagniskapitalgeber längst hunderte Millionen Dollar in Flugtaxi-Start-ups - auch in Deutschland. Doch die Wetten der Investoren bleiben hochriskant.
Hebt ab - auch bei der Bewertung: Der Flugtaxi-Prototyp von Joby Aviation hat laut einem Bericht schon 600 Testflüge hinter sich - nun will das US-Start-up an die Börse, mit einer angepeilten Bewertung von 5,7 Milliarden Dollar

Hebt ab - auch bei der Bewertung: Der Flugtaxi-Prototyp von Joby Aviation hat laut einem Bericht schon 600 Testflüge hinter sich - nun will das US-Start-up an die Börse, mit einer angepeilten Bewertung von 5,7 Milliarden Dollar

Foto: Bradley Wentzel / Joby Aviation

Es klingt neu, es klingt heiß – und soll Andreas Scheuer (46) wohl als Mobilitätsvisionär erscheinen lassen: Der Bundesverkehrsminister will, wie er am Dienstag in Berlin erklärte, innovative Anwendungen und Konzepte für die unbemannte Luftfahrt voranbringen. Dazu legt sein Ressort ein neues Förderprogramm für Drohnen auf, die etwa als Flugtaxis oder zum Transport von Paketen dienen können. Start-up-Firmen und Kommunen sollten dabei unterstützt werden, Ideen auch umzusetzen, sagte Scheuer in Berlin.

Dafür will Scheuer auch eine Koordinierungsstelle für Drohnentestfelder schaffen. An Fördermitteln stehen laut Ministerium 15 Millionen Euro über vier Jahre bereit – ein Tropfen auf dem heißen Stein für die boomende Branche der Personendrohnen-Entwickler. Deutschlands Vorzeige-Start-ups bei elektrisch angetriebenen, autonom fliegenden Flugtaxis, die Unternehmen Lilium und Volocopter, haben sich längst Geldquellen in ganz anderen Dimensionen aufgetan.

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Flugtaxi: Diese Unternehmen wetteifern um die City-Fluggeräte der Zukunft

Foto: Lilium

Das bayerische Start-up Lilium plant laut Berichten von Anfang März eine Fusion mit der Qell Acquisition Corp, einem leeren, aber börsennotierten US-Unternehmen. Ziel der Lilium-Fusion mit Qell, einem sogenannten Spac, ist ein Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq. Die gemeinsame Firma könnte so mit mehr als zwei Milliarden US-Dollar bewertet werden. Im vergangenen Jahr hat Lilium mehr als 375 Millionen US-Dollar eingesammelt, von teils namhaften Investoren wie Tencent und Baillie Clifford.

Gegenspieler Volocopter, an dem unter anderem der Autohersteller Daimler beteiligt ist, hat in seiner jüngsten Kapitalrunde 200 Millionen Euro erhalten , wie das Unternehmen Anfang März vermeldete. Zu den Investoren zählten dabei etwa der Autozulieferer Continental, aber auch vom Vermögensverwalter Blackrock verwaltete Fonds.

Investoren pumpen Geld in hochriskante Senkrechtstarter-Start-ups

Noch sind die Investitionen sehr gewagte Wetten auf die Zukunft: Bis Drohnen als Flugtaxis eingesetzt werden, kann es noch dauern, meint etwa Carsten Braun, Leiter des Forschungsprojekt Skycab, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechnet damit, dass es bis 2030 Fluggeräte gibt, die in Einzelfällen zum Einsatz kommen. Einen breiteren Einsatz von Drohnen im Transportmodus sieht er aber erst 2035, dann vor allem im ländlichen Raum. Es seien viele Fragen zu klären.

Das hält die deutschen Flugtaxi-Start-ups aber nicht von großen Ankündigungen ab: Volocopter will etwa erste kommerzielle Flugtaxi-Verbindungen bereits im Jahr 2023 in Singapur anbieten. Konkurrent Lilium will 2025 mit dem kommerziellen Flugbetrieb starten und plant bereits eigene Flughäfen in Florida. Vor kurzem hat Lilium den ehemaligen Airbus-CEO Tom Enders (62) als Aufsichtsratsmitglied gewonnen.

Weltweit, so zeigt eine Studie des Lufthansa Innovation Hubs , ist im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Risikokapital in Flugtaxi-Unternehmen geflossen - eine kräftige Steigerung gegenüber den Vorjahren. So steckten Wagniskapitalgeber in den Jahren 2016 bis 2019 im Schnitt nur rund 150 Millionen Dollar pro Jahr in die Lufttaxi-Start-ups. Im vergangenen Jahr war es das Achtfache – und das trotz der Corona-Krise.

Das höchstbewertete Start-up in diesem Bereich ist laut der Studie das US-Unternehmen Joby Aviation, das bereits Anfang 2020 auf eine Bewertung von rund 2,6 Milliarden Dollar kam. An zweiter Stelle sieht die Studie Lilium, gefolgt von Volocopter und dem chinesischen Start-up Ehang.

Auch Joby Aviation drängt an die Börse: Laut einem Bericht der "Financial Times" wollen Linkedin-Gründer Reid Hoffmann (53) und Tech-Unternehmer Marc Pincus (55) eine ihrer Unternehmenshüllen mit Joby Aviation verschmelzen , um Joby mit diesem Spac-Vehikel an die Börse zu bringen. Die Bewertung des Flugtaxi-Start-ups würde dann bei rund 5,7 Milliarden Dollar liegen, heißt es in dem Bericht. Wie auch die meisten seiner Wettbewerber hat Joby bislang nicht mehr als einen Prototyp aufzuweisen. Das Fluggerät von Joby hat aber laut einem Bericht von "Techcrunch"  bereits 600 Testflüge hinter sich.

Ein weiteres US-Flugtaxi-Start-up, Archer Aviation, ist seit Anfang Februar an der Börse notiert – mit einer Bewertung von 3,8 Milliarden Dollar. Zudem vermeldete das Unternehmen einen Auftrag über eine Milliarde Dollar von United Airlines. Der ist allerdings an die Bedingung geknüpft, dass die US-Flugbehörden das elektrisch angetriebene Archer-Fluggerät für den regulären Betrieb zulassen.

USA planen automatisierte Drohnen-Flugüberwachung

Mit dem Thema Zulassung ist für die Flugsicherheitsbehörden auch ein weiteres Problem verbunden: Die Flugbewegungen der Drohnen, die den Luftraum bevölkern sollen, müssen künftig wie auch bei Flugzeugen überwacht werden. Doch auch dabei tut sich zumindest in den USA etwas: Einem Bericht der "Financial Times" von Ende Februar zufolge überlegt die US-Flugsicherheitsbehörde FAA bereits konkret , wie sie den Flugraum für Drohnen und unbemannte Fluggeräte öffnen kann.

Das Problem dabei: Derzeit überwachen 15.000 Fluglotsen täglich rund 45.000 Flugbewegungen in den USA. Dieses analoge System lässt sich nicht an möglicherweise Millionen tägliche Flüge von Pakettransport- und Personendrohnen ausweiten. Deshalb arbeitet die FAA nun mit Unternehmen aus dem Privatsektor zusammen, die ein automatisiertes Flugverkehr-Überwachungssystem entwickeln.

Langfristig ein spannender Markt - doch harte Auslese droht

Jahrelang wurden die Vision der Unternehmen, je vier bis fünf Personen mit elektrisch angetriebenen, senkrechtstartenden Drohnen zu befördern, als Fantasterei abgetan. Fortschritte bei Batterietechnologien und Computersteuerungen lassen den Traum der Entwickler nun etwas realistischer erscheinen – weshalb nun plötzlich viel Geld in die Branche fließt, wie die Studie des Lufthansa Innovation Hubs zeigt.

Weltweit arbeiten nach Schätzungen über 200 Unternehmen an Flugtaxi-Angeboten. Auch die großen Flugzeugbauer Boeing und Airbus arbeiteten an entsprechenden Flugvehikeln, beide haben ihre Pläne dazu aber zuletzt auf Eis gelegt.

Die Unternehmensberatung Roland Berger prognostizierte in einer im November veröffentlichten Studie , dass 2050 bis zu 160.000 kommerzielle Flugtaxis in der Luft sein könnten. Das darum entstehende Öko-System um städtische Mobilität in der Luft käme allein mit Passagierdrohnen auf einen Jahresumsatz von jährlich 90 Milliarden Euro. Allerdings warnte einer der Autoren der Studie in einem Gespräch auch, dass wohl nur 10 bis 15 Prozent der heutigen Start-ups bis dahin überleben werden.

Noch sehr unterschiedliche Ausrichtung bei Flugdrohnen-Prototypen

Die deutschen Flugtaxi-Firmen Lilium und Volocopter verstärken wohl auch deshalb ihre Anstrengungen Richtung Marktstart. Lilium hat vor wenigen Wochen eine Partnerschaft abgeschlossen, um in Florida zehn eigene Abflug- und Landestellen für seine Elektro-Jets, sogenannte Vertiports, aufzubauen. Bis Ende 2023, so erklärte Lilium-CEO Daniel Wiegand (36) vor Kurzem, hoffe er die Zulassung für seine Jets in Europa und den USA zu bekommen.

Volocopter wiederum hat bereits im Dezember 2020 bei der US-Luftfahrtaufsicht FAA die Zulassung seiner Volocity genannten Personenbeförderungsdrohne beantragt, auch in Europa läuft eine Musterzulassung. Bis Ende 2022, so heißt es im Unternehmen, hoffe man auf grünes Licht.

Deutliche Unterschiede gibt es bei den Konzepten: Liliums Fluggerät soll Strecken bis zu 300 Kilometer schaffen, dafür hat das Gerät 36 elektrisch betriebene, schwenkbare Propeller und Flügel für den Gleitflug. Volocopter will auf urbanen Kurzstrecken punkten – mit insgesamt 18 fix installierten, elektrisch angetriebenen Propellern. Die Personendrohne des US-Konkurrenten Joby Aviation hat sechs E-Propeller und soll bis zu 240 Kilometer weit fliegen können. Allerdings hat Joby vor Kurzem Ubers Flugdrohnensparte Elevate übernommen, die sich auf Strecken innerhalb von Metropolen konzentrierte – das Konzept von Joby könnte sich also noch ändern.

In diesem Wettstreit zwischen den USA und Deutschland scheint aber eines gewiss: Geld aus Andreas Scheuers Mini-Fördertopf für Flugdrohnen dürften Lilium und Volocopter nicht nötig haben.

wed
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