Vorzeige-Fintech in der Krise Klarnas Kreditproblem

Klarna, das einst wertvollste Fintech Europas, steckt in der Krise. Das Geschäftsmodell "Buy now, pay later" birgt in Rezessionszeiten hohe Risiken. Ein Kurswechsel muss her.
Buy now, pay later: Kreditausfälle bei Anbietern wie Klarna nehmen zu

Buy now, pay later: Kreditausfälle bei Anbietern wie Klarna nehmen zu

Foto: Daniel Harvey Gonzalez / In Pictures via Getty Images

"Komplett broke, erstmal Zahlungsziel verlängern. Man kennt's, oder?", fragt eine junge Frau in einem Tiktok-Video, während sie ihre Klarna-Mahnung in die Kamera hält. Die eigenen Zahlungsprobleme als Trend. Seit Monaten präsentieren User ihre Schulden auf der Social-Media-Plattform. Unter #klarnaschulden überbieten sie sich gegenseitig. Mehr als 30 Millionen Aufrufe hat der Hashtag bereits.

In den vergangenen Jahren boomte vor allem bei jungen Konsumenten eine neue Form der Rechnungs- und Ratenkredite. Buy Now Pay Later (BNPL): Das bedeutet, rasch und ohne aufwendige Prüfung beim Onlineeinkauf einen Kredit angeboten zu bekommen. In Europa ist vor allem der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna damit groß geworden – zeitweise war Klarna das wertvollste Start-up des Kontinents. Weitere große Anbieter sind Paypal und Affirm. Über viele Jahre lief das Geschäft, sowohl für Anbieter wie für Kunden. Doch nun wachsen die Risiken.

Gerade in Zeiten der Inflation und der drohenden Rezession geraten viele Kreditnehmer unter Druck. Wer mehr Geld für Wärme, Strom und Kraftstoff zahlen muss, kommt rasch mit seinen Ratenkrediten in Verzug: Bereits im Mai äußerten in einer Schufa-Umfrage fast 40 Prozent der Deutschen die Sorge, ihren Lebensstandard nicht mehr halten zu können. Inzwischen werden bei den Bonitätsprüfungen der Schufa immer mehr Menschen erstmalig negativ verzeichnet. Aktuell gibt es starke Steigerungen gegenüber dem Vorjahr, in den vergangenen Wochen plus 20 Prozent. Und die Situation werde sich wohl noch verschärfen, sagt ein Sprecher der Schufa gegenüber manager magazin: "Die Energiepreissteigerungen sind bei den Menschen überwiegend noch gar nicht angekommen."

Klarna übernimmt das komplette Ausfallrisiko

Für BNPL-Anbieter wie Klarna bedeutet das: Die Risiken für Kreditausfälle nehmen zu. Im ersten Halbjahr 2022 verzeichnete die Plattform Nettokreditverluste in Höhe von 2,85 Milliarden Kronen (rund 270 Millionen Euro). Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Der Sprecher von Klarna weist allerdings darauf hin, dass die absoluten Zahlen immer noch niedrig seien. Bislang müsse nur etwa jede hundertste Rechnung an Inkassounternehmen weitergegeben werden, weil die Kunden ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Außerdem biete Klarna längst nicht nur BNPL-Dienste, sondern zum Großteil Sofort- und Rechnungskauf an.

Anders als Banken verdienen BNPL-Anbieter nicht direkt an Gebühren und Zinsen, sie erhalten für ihre Dienste eine Vergütung von den Händlern – zum Klarna-Netzwerk etwa zählen 450.000 Händler weltweit. "Klarna übernimmt das komplette Ausfallrisiko", sagt ein Klarna-Sprecher in Berlin. Solange die Kunden ihre BNPL-Raten pünktlich zahlen, geht alles auf. Können oder wollen sie nicht zahlen, erhalten sie mit einem Klick auf "Due Date Extension" zwei weitere Monate Zeit – doch diese Verlängerung kommt teuer. Dann nämlich verlangt auch Klarna Zinsen im zweistelligen Bereich.

Neuausrichtung auf dem BNPL-Markt

Die BNPL-Anbieter stehen ohnehin unter Druck. War ihr Geschäft während der Boom-Jahre vor allem auf Wachstum ausgerichtet und Risikokapital leicht zu bekommen, hat sich die Stimmung inzwischen komplett gedreht. Für Investoren zählt nicht mehr Wachstum, sondern vor allem Profitabilität.

Das hat Folgen auch für Klarna: Vor wenigen Monaten war Klarna noch Europas wertvollstes Start-up. Doch nach den jüngsten Finanzierungsrunden brach die Bewertung von 45 auf gerade mal 6,7 Milliarden Dollar ein, 10 Prozent der Belegschaft wurde entlassen. Im ersten Halbjahr 2022 verzeichnete das schwedische Unternehmen einen rasant gestiegenen operativen Verlust in Höhe von 6,2 Milliarden schwedische Kronen (rund 580 Millionen Euro). Das ist dreimal so hoch wie im Vorjahr. "Höhere Kreditausfälle werden das Ergebnis noch mehr belasten und zu weiteren Entlassungen führen", prognostiziert der Digitalexperte und Investor Phillip Kloeckner.

Pilotprojekt in Großbritannien: Klarna will die größten Risikofälle aussortieren

Klarna-CEO und Co-Gründer Sebastian Siemiatkowski (40) hat das Problem erkannt. Die Kreditausfälle der Plattform – insbesondere bei Neukunden – sollen begrenzt werden. Seit Juni werden bereits in Großbritannien alle neuen Transaktionen an Kreditratingagenturen gemeldet. So sollen Risikofälle aussortiert werden. "Das abzustimmen war intern ein sehr langwieriger Prozess", sagt der Sprecher. Wann das Modell auch auf andere Märkte übertragen wird, ist offen.

Parallel macht der Staat Druck, um eine Überschuldung vor allem junger Menschen zu verhindern. "Buy-now-pay-later-Angebote fühlen sich nicht wie Geldausgeben an. Das ist das Verführerische", warnt etwa die deutsche Finanzaufsicht Bafin.

Aktuell gibt es eine Regulierungslücke. Kredite unter 200 Euro und mit einer Laufzeit unter drei Monaten unterliegen bisher keiner Kreditwürdigkeitsprüfung. Unerfahrene Onlinekunden, die solche Kleinkredite ansammeln, drohen damit in die Schuldenfalle zu stürzen. Sollten die Behörden diese Lücke schließen, müssten die BNPL-Firmen künftig die Zahlungsfähigkeit jedes einzelnen Kunden prüfen. Klarna, betont der Sprecher, kontrolliere intern bereits jeden Kredit.

Künftig sollen die Anforderungen an die Kreditwürdigkeitsprüfung für alle Anbieter verschärft werden. Dies geht aus einem Vorschlag der EU-Kommission hervor, über den seit dieser Woche in Brüssel diskutiert wird. Damit würden künftig die Anforderungen an Kleinstkredite das Niveau der Vorgaben für Hypothekenkredite erreichen. Das bedeutet für die BNPL-Unternehmen eine enorme Steigerung des Prüfungsaufwands – und auch der Kosten.

Für Klarna und andere BNPL-Anbeiter brechen damit schwierige Zeiten an. Das Geschäft mit den Kleinkrediten ist lukrativ, doch die Margen werden durch den höheren Prüfungsaufwand gemindert – und das gerade in Zeiten, in denen Geldgeber der Firmen einen schnellen Weg in die Profitabilität sehen wollen. Auch die weiteren Säulen des Klarna-Geschäfts wie der Sofortkauf und der Rechnungskauf könnten in den kommenden Monaten unter Druck geraten: Kommt es in Deutschland und Europa zur Rezession, dürften die Kunden beim Kauf neuer Konsumartikel deutlich zurückhaltender werden.

In welcher Form sich die allgemeinen Regeln für die Bezahldienstleister verschärfen, ist noch offen. Aber so viel ist sicher: Es wird teurer. Für alle.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.