Neue Erkenntnisse bei Wirecard Finanzminister: "Wir kennen erst die Spitze des Eisbergs"

Finanzminister Olaf Scholz kennt den Stand der Ermittlungen und fürchtet Schlimmes. Vorsichtshalber kündigt er schon mal an: Die Finanzbranche wird noch schärfer kontrolliert werden.
Gibt den Durchgreifer: Finanzminister Olaf Scholz.

Gibt den Durchgreifer: Finanzminister Olaf Scholz.

Foto: STR/ AFP

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (62) geht im Fall Wirecard offenbar von einem ebenso komplexen wie perfiden Kriminalfall aus. "Wir kennen wohl erst die Spitze des Eisbergs, da wird noch mehr zutage kommen", sagte Scholz der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Nach seiner Einschätzung seien bei dem im Dax gelisteten Zahlungsdienstleister unter Führung der Ex-Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek "Personen mit hoher krimineller Energie involviert" gewesen.

Wirecard hatte im Juni Insolvenz angemeldet und die Nicht-Existenz von mindestens 1,9 Milliarden Euro zugeben müssen - nachdem zuvor über Jahre das Management und die Wirtschaftsprüfer von EY jede Kritik als unberechtigt klassifiziert hatten. Ex-Vorstandschef Braun hat sich mittlerweile der Justiz gestellt, Ex-Vorstand Marsalek ist auf der Flucht und hat sich dabei auch gefälschter Papiere bedient.

Mit seinem Verdikt bereitet Scholz eine künftig schärfere Kontrolle durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) vor. "Niemand sollte bloß die Luft anhalten und hoffen, dass nichts passiert. Wir müssen in allen Bereichen klären, was schiefgelaufen ist."

Die Bafin kontrolliert unter anderem, dass in Deutschland der Aktienhandel ordnungsgemäß läuft, und die Banken regelkonform arbeiten. Weil Wirecard für seine Dienstleistungen auch eine kleine Bank unterhalten musste, hatte die Bafin diesen separaten Teil des Skandalkonzerns geprüft. "Manches spricht dafür, dass die Wahl dieser Konzernstruktur kein Zufall war", sagte Scholz. Künftig sollten deswegen Zahlungsdienstleister insgesamt der Finanzaufsicht unterliegen.

Mehr Geld und Leute für die Bafin

Auch die Wirtschaftsprüfer müssen mit einer schärferen Kontrolle rechnen. Derzeit müssen Konzerne in der Regel alle zehn Jahre ihren Wirtschaftsprüfer wechseln und dürfen neben der Prüfung der Bilanzen nur begrenzt weitere Beratung an die Unternehmen verkaufen. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein renommiertes Wirtschaftsprüfungsunternehmen solche Manipulationen über Jahre nicht erkannt hat", sagte Scholz mit Blick auf die Arbeit von EY, neben KPMG, PwC und Deloitte eine der vier weltweit operierenden Bilanzprüfungskonzerne der Welt. "Es wird zu diskutieren sein, ob Wirtschaftsprüfer häufiger rotieren müssen (..), ob es funktioniert, wenn eine Gesellschaft ein Unternehmen gleichzeitig berät und prüft."

Die Bafin kann sich dafür auf mehr Budget freuen. "Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Bafin mehr Geld, mehr Stellen und mehr Kompetenzen benötigt, werde ich mich dafür einsetzen, dass das passiert." Bafin-Chef Felix Hufeld gegen Kritik in Schutz. "Er drückt sich nicht vor den Problemen und schaut auch kritisch auf das eigene Handeln", sagte der Finanzminister. "Wenn das alle so machen wie er, werden wir zu guten Ergebnissen kommen."

soc
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