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Game Changer Award 2021 Was echte Game Changer ausmacht

Die Corona-Pandemie hat ganze Branchen schwer gebeutelt, doch für Vorreiter mit Techexpertise wirkte die Krise wie ein Aufputschmittel: mehr Wachstum, mehr Wagniskapital, mehr Wumms. Die Zeiten für Game Changer waren noch nie so gut.
Von Claus Gorgs
aus manager magazin 7/2021
Zehn Jahre Digitalisierung in einem: Die Pandemie wirkt wie ein Aufputschmittel auf innovative und digitale Unternehmen

Zehn Jahre Digitalisierung in einem: Die Pandemie wirkt wie ein Aufputschmittel auf innovative und digitale Unternehmen

Die Industriekonzerne müssen sich schnell verändern, und – siehe Siemens, siehe Volkswagen – sie tun es auch. Gleichzeitig jedoch gilt es, neue Märkte durch Innovationen erst zu schaffen und dann auch zu besetzen. Genau dafür haben manager magazin und die Unternehmensberatung Bain & Company 2015 den Wettbewerb Game Changer gestartet.

Mit dem Game Changer Award küren manager magazin und die Strategieberatung Bain & Company jährlich mutige deutsche Unternehmen, die mit einem disruptiven Ansatz die Spielregeln ihrer Branche verändert haben. Der Preis wird in drei Kategorien verliehen: Customer Experience, Product & Service Innovation sowie Operations of the Future.

Leise gleitet der Transportroboter durch die Halle. Das graue Gefährt, kaum so groß wie ein Einkaufswagen, transportiert Bauteile von einer Montagestation zur nächsten, gesteuert über 5G-Funksignale. Die Antriebsenergie kommt via Induktion aus dem Boden. Am Ziel greift der nächste Roboter die benötigten Komponenten heraus. Mithilfe künstlicher Intelligenz kann sein Kameraauge bis zu 600 verschiedene Artikel pro Stunde erkennen und zuordnen. Der einzige Mensch im Raum ist Rolf Najork (59).

Der Game Changer Award 2021

Mit dem Game Changer Award küren manager magazin und die Strategieberatung Bain & Company jährlich mutige deutsche Unternehmen, die mit einem disruptiven Ansatz die Spielregeln ihrer Branche verändert haben. Der Preis wird in drei Kategorien verliehen: Customer Experience, Product & Service Innovation sowie Operations of the Future.

"In der Fabrik der Zukunft gibt es nur sechs feste Elemente: den Boden, die Decke und die vier Seitenwände", sagt der Bosch-Geschäftsführer, der beim Stuttgarter Technologiekonzern die Industrietechnik verantwortet. Alles andere ist variabel und intelligent vernetzt für maximale Effizienz und Flexibilität in der Produktion. Najork steht in keiner realen Fabrik, sondern auf der virtuellen Hannover Messe. Hier hatte Bosch im April auf 200 Quadratmetern seine Vision von Industrie 4.0 aufgebaut, dem Produktionsstandard von morgen, der aber bereits heute serienreif ist, wie Najork betont.

So laufen im Bosch-Rexroth-Werk in Homburg, das hydraulische Steuerungen für Traktoren produziert, aktuell schon mehr als 200 verschiedene Ventiltypen gleichzeitig über dieselbe Montagelinie, ohne dass dafür Umbauten notwendig sind. "In unseren eigenen Werken haben wir mit Industrie-4.0-Technologien Produktivitätssteigerungen von bis zu 25 Prozent erreicht", sagt Najork. Bosch gilt als weltweit führend im Geschäft mit den intelligenten Produktionsverfahren.

Während Deutschlands Gesundheitsämter auch im Jahr zwei der Pandemie noch Daten per Fax übermitteln und ganze Branchen vom Dauershutdown ins Aus geschossen wurden, wirkte die Krise für manche Unternehmen wie ein Aufputschmittel. Boschs Vision von der intelligenten Fabrik ist in der Gegenwart angekommen. Der Kochboxenversender Hellofresh konnte seinen Umsatz auf 3,75 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das einstige Start-up ist inzwischen ein Anwärter für den Dax. Und dem Impfstoffpionier Biontech gelang ein kometenhafter Aufstieg. 

"Wir haben auf einen Schlag einen Digitalisierungsschub erlebt, der sonst zehn Jahre gedauert hätte", sagt Walter Sinn, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Bain & Company. Wer schon vor Corona in Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Lieferservice oder Nachhaltigkeit investiert hatte und sich schnell an die neuen Bedingungen anpassen konnte, hat gute Chancen, zu den Gewinnern zu gehören. Wer bereits früher zu kämpfen hatte, muss nun erst recht um die Existenz bangen.

Zeiten des Umbruchs sind gute Zeiten für neue Ideen.

Preisträger: Marcus Stahl und Patric Faßbender von Boxine, die hier ihre Toniebox tragen

Preisträger: Marcus Stahl und Patric Faßbender von Boxine, die hier ihre Toniebox tragen

Foto:

Thorsten Schmidtkord

Game Changer Award für herausragende Unternehmen

Seit 2015 verleihen manager magazin und Bain den Game Changer Award, eine Auszeichnung für innovative Unternehmen, die die Spielregeln ihrer Branche lieber umschreiben, statt sich den bestehenden zu beugen (siehe Kasten). Selten fiel die Auswahl so schwer wie in diesem Jahr, denn neben den drei Preisträgern Biontech , Boxine  und Kion  gab es weitere, die in der Krise über sich hinauswuchsen, vom Start-up bis zum Traditionsbetrieb. "Viele Unternehmen waren unglaublich schnell im Anpassen ihrer Geschäftsmodelle", lobt Sinn. "Das ist ein Faktor, der Mut macht." Die entscheidenden Weichen wurden dabei meist schon vorher gestellt.

Diese acht Wirtschaftsexperten und -expertinnen entschieden über die Preisträger der Game Changer Awards:

Game Changer Award: Die Jury

Der Informatiker und Investor ist Chairman des Netzwerkausrüsters Arista. Er war Mitgründer von Sun Microsystems, zählte zu den ersten Kapitalgebern von Google und ist ein gefragter Berater im Silicon Valley.

So hatte Hellofresh sein digitales Bestellsystem bereits am Start, als deutschlandweit die Kantinen schlossen und viele Restaurantbesitzer panisch versuchten, irgendwie einen Lieferservice auf die Beine zu stellen. Hellofresh liefert Rezepte zum Selbstkochen inklusive vorkonfektionierter Zutaten direkt nach Hause – das ideale Geschäftsmodell für Millionen Menschen im Homeoffice. Der unverhoffte Boom brachte die Berliner zwischenzeitlich an ihre Grenzen. Um die Weihnachtszeit bot das Unternehmen seinen Kunden Gutschriften an, wenn sie ihre Bestellung stornierten. Die Berliner kamen der Nachfrage einfach nicht mehr hinterher.

Der Heizungsbauer Viessmann hatte schon vor Jahren auf die Langfristtrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit gesetzt. Anlagen, die nicht nur per App gesteuert, sondern auch digital aus der Ferne gewartet werden können, sowie besonders energieeffiziente Heizkessel sorgten 2020 für einen Rekordumsatz von 2,8 Milliarden Euro – und das mitten in der Krise. Kurzarbeit war für die Hessen nur kurz ein Thema, stattdessen wurden 450 neue Mitarbeiter eingestellt. Und nebenher blieb auch noch Zeit, binnen weniger Wochen eine Luftfilteranlage für Klassenzimmer zu entwickeln.

Bei vielen Technologiefirmen hat die Pandemie einen Schub ausgelöst. Die vor Jahresfrist gehegte Befürchtung, die Krise werde die Finanzierung von Start-ups auf breiter Front einbrechen lassen, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr floss nach Zahlen des Datendienstleisters Pitchbook mit 42,8 Milliarden Euro so viel Wagniskapital in europäische Firmen wie noch nie. Die Zahl junger Techunternehmen, die mit einer Milliarde Dollar oder mehr bewertet werden, stieg im deutschsprachigen Raum auf ein neues Allzeithoch. "Durch Corona haben digitale Technologien enorm an Relevanz gewonnen", sagt der Investor Florian Heinemann (siehe Interview "Wir können mit dem Valley mithalten" ).

Daran wird sich auch mit dem Ende der Pandemie wenig ändern, glaubt der Autoscout24-Mitgründer und heutige Professor für E-Business an der Universität Duisburg-Essen Tobias Kollmann (51). "Viele Händler hoffen, dass die Kunden nach dem Ende der Beschränkungen wieder in die stationären Läden zurückkommen werden. Ich sehe das nicht so." Corona habe das Kaufverhalten nachhaltig verändert, die Kunden quasi zwangsweise an die Vorzüge des Onlineshoppings gewöhnt. "Unternehmen wie Hellofresh, Zalando oder Flaschenpost werden Gewinner bleiben."

Auch in der Industrie dürfte sich die Digitalisierung nach Corona weiter beschleunigen. Herausgefordert werden Bosch, Siemens oder Kion von US-Konzernen wie Amazon oder Microsoft, die über ihre Clouddienste und Betriebssysteme in diesen Markt drängen. "Die entscheidende Frage lautet: Wer ist schneller bei der Vernetzung?", sagt Digitalexperte Kollmann. "Derjenige, der am Ende die technische Plattform stellt, kontrolliert das Geschäft für die Maschinen."

Wer immer am Ende gewinnt – die Zeiten für Game Changer werden gut bleiben.

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