Schreierei an der Firmenspitze Dieser Kredit von Ex-Wirecard-Chef Braun hat Geschmäckle

Im Skandal um Wirecard werden immer neue Facetten öffentlich. Jüngste Wendung: Wegen eines Kredits, den Ex-Chef Markus Braun von der eigenen Bank erhalten hat, gab es auf der Führungsetage des Zahlungsdienstleisters offenbar eine veritable Schreierei.
Filiale einer Wirecard-Tochter in Wien

Filiale einer Wirecard-Tochter in Wien

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LISI NIESNER / REUTERS

Wirecards ehemaliger Chef und Großaktionär Markus Braun (50) nimmt eine Schlüsselposition im Krimi um den insolventen Zahlungsdienstleister ein. Verschiedene Ermittlungen laufen gegen den Österreicher, erst am Dienstag war etwa bekannt geworden, dass die Finanzaufsicht Bafin wegen Insiderhandels Anzeige erstattet hat. Ein Bericht der "Financial Times" , deren Recherchen die Aufdeckung des Skandals ins Rollen gebracht hatten, wirft jetzt ein neues Schlaglicht auf Braun, seine Finanzen sowie die Corporate Governance in seinem Unternehmen.

So habe sich Braun im Januar 35 Millionen Euro von der Bank-Tochter Wirecards geliehen - und damit den Zorn des Aufsichtsrats um den Vorsitzenden Thomas Eichelmann (55) provoziert. Braun und Eichelmann hätten sich angeschrien, als letzterer vom Kredit erfahren habe, schreibt die "FT" unter Berufung auf Insider. Brauns Anwalt teilte mit, der Kredit sei Mitte März "wie besprochen" zurückgezahlt worden; es habe keinen Druck seitens des Aufsichtsrates gegeben.

Die Kreditvergabe ist unter verschiedenen Gesichtspunkten bemerkenswert: Einerseits zieht sie eine Untersuchung der Bafin nach sich, die laut "FT"  erst Ende Juni davon erfahren haben soll. Kredite an nahestehende Personen bedürfen in Deutschland der einstimmigen Zustimmung von Vorstand und Aufsichtsgremium der Bank und müssen zu Marktkonditionen getätigt werden. Bei der Wirecard Bank sei zugestimmt worden - es gebe aber erhebliche personelle Überschneidungen zum Mutterkonzern, bei dem Braun damals noch Chef und Großaktionär war.

Andererseits liefert die "FT" auch Einblicke in Brauns persönliche Vermögenssituation. Der Österreicher habe zum Zeitpunkt der Kreditvergabe einen 150-Millionen-Euro-Kredit der Deutschen Bank refinanzieren müssen, den er mit Wirecard-Aktien besichert gehabt habe. Bei der Wirecard Bank habe sich Braun Geld besorgt, um den Verkauf seiner Anteile durch eine andere Bank zu verhindern, teilte Brauns Anwalt der Zeitung mit. Dass Braun später trotzdem einen Großteil seiner Aktien habe verkaufen müssen, erklärt die "FT" mit einer neuen, 120 Millionen Euro schweren Kreditlinie der Oldenburgischen Landesbank, die Braun im Mai aufgenommen und mit Wirecard-Aktien besichert habe. Im Zuge des Kurssturzes sei es dort dann zu Margin Calls gekommen.

Der Ex-Minister als Lobbyist

Politisch sorgt derweil ein Bericht des SPIEGEL für Empörung. Abgeordnete der Linken und Grünen fordern Aufklärung über die Lobbyarbeit von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (48) für das Skandalunternehmen. Guttenbergs Investmentgesellschaft Spitzberg Partners hatte Wirecards Einstieg bei einem chinesischen Unternehmen 2019 beratend begleitet. Laut SPIEGEL-Bericht hat Guttenberg allerdings auch für das Unternehmen in Berlin lobbyiert. Der Ex-Minister habe auf Nachfrage eingeräumt, die Bundesregierung über den geplanten Wirecard-Start in China "unterrichtet und die Möglichkeiten wohlwollender Begleitung im bilateralen Verhältnis mit China eruiert" zu haben.

Ein Staatssekretär habe in der Folge im Juni 2019 seine chinesischen Ansprechpartner über das Interesse Wirecards informiert, nachdem Guttenbergs Firma Informationen bereitgestellt hatte. Zudem hatte sich Finanzstaatssekretär Jörg Kukies (52) zweimal mit Ex-Chef Markus Braun getroffen - laut SPIEGEL-Informationen sei es dabei auch um die Wirtschaftsprüfung KPMG gegangen, die kurz zuvor eine Sonderprüfung des Unternehmens aufgenommen hatte.

Bundesrechnungshof und ESMA nehmen Bafin ins Visier

Wer hat Schuld am Debakel? Der Fokus richtet sich auch auf die Aufsichtsbehörden: Der Bundesrechnungshof will nun die Rolle der Finanzaufsicht Bafin prüfen. "Wir werden das System der Aufsicht - Struktur und Risikomanagement am Beispiel Wirecard - untersuchen und warum die Bafin offenbar die Anhaltspunkte nicht aufgegriffen hat", sagte der Präsident des Bundesrechnungshofs, Kay Scheller (60), dem "Spiegel" in einem am Donnerstag veröffentlichen Interview. "Wir werden dabei auch prüfen, wie das Bundesfinanzministerium und die Bafin mit den Vorwürfen falscher Bilanzen sowie mit den Berichten der Wirtschaftsprüfer umgegangen sind." Die Bafin steht nach dem milliardenschweren Bilanzskandal massiv in der Kritik. Erst am Mittwoch hatte die EU-Wertpapieraufsicht ESMA erklärt, sie prüfe mögliche Versäumnisse der deutschen Finanzaufsicht.

Es gebe Zweifel, ob die Bafin wirksam und umfassend gearbeitet hat, sagte Scheller. "Jahrelang wurden Hinweise gegeben, unter anderem durch journalistische Recherchen, und es stellt sich die Frage, ob die Bafin da ausreichend hingeschaut hat." Es habe Anlass gegeben, den Verdachtsmomenten bei Wirecard nachzugehen. "Hier sind bedeutende Fragen unbeantwortet - und daher ist auch der Bundesrechnungshof gefordert. Es gibt offensichtlich Lücken im Aufsichtssystem."

Scheller sprach davon, dass die grundsätzliche Problemstellung, dass Wirecard sowohl ein FinTech-Unternehmen als auch eine Bank sei, "allen bekannt" war. "Hierauf hätte man das Aufsichtssystem ausrichten sollen und aus heutiger Sicht auch müssen." Die Bafin hat wiederholt erklärt, sie habe bei dem Konzern nur sehr wenige Kontrollmöglichkeiten gehabt, weil die Wirecard AG nicht als Finanzholding eingestuft wurde. Zu dem Konzern gehört allerdings auch die Wirecard Bank, die über eine Vollbanklizenz verfügt und damit unter die direkte Aufsicht der Bafin fällt. 

luk mit Reuters
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