823 Milliarden Dollar Kursverlust China verschärft Kontrolle gegen im Ausland notierte Firmen

Peking legt im Ausland börsennotierte chinesische Firmen fester an die Kette - aus Gründen des Datenschutzes, heißt es offiziell. Für die Unternehmen und Investoren hat das weitreichende Folgen.
Didi Chuxing: Das harte Vorgehen Pekings gegen den chinesischen Fahrdienstvermittler kurz nach dem Börsengang (im Bild ist Didi-Präsidentin Jean Liu zu sehen) ist nur das jüngste Beispiel von mehreren Versuchen, wie China die Kontrolle über aufstrebende Tech-Unternehmen im eigenen Land übernehmen will

Didi Chuxing: Das harte Vorgehen Pekings gegen den chinesischen Fahrdienstvermittler kurz nach dem Börsengang (im Bild ist Didi-Präsidentin Jean Liu zu sehen) ist nur das jüngste Beispiel von mehreren Versuchen, wie China die Kontrolle über aufstrebende Tech-Unternehmen im eigenen Land übernehmen will

Foto: KIM KYUNG-HOON / REUTERS

Chinas Regierung hat eine deutlich schärfere Kontrolle von im Ausland an der Börse gehandelter chinesischer Unternehmen angekündigt. Die neuen Vorschriften haben weitgehende Auswirkungen auf die Kapitalbeschaffung aufstrebender Firmen aus China an ausländischen Aktienmärkten wie in New York oder Hongkong. Die neuen Regeln zielen besonders auf "Datensicherheit, grenzüberschreitenden Datenfluss und die Verwaltung vertraulicher Informationen", wie am späten Mittwoch aus einem Dokument des Staatsrates in Peking hervorging.

Hintergrund ist angeblich die Sorge der Regierung, dass im Ausland gehandelte chinesische Unternehmen von den dortigen Behörden gezwungen werden könnten, ihre wachsenden Datenmengen zur Verfügung zu stellen. Die neuen Vorschriften sollen die Vertraulichkeit und die Verantwortung für die Sicherheit von Informationen für im Ausland gehandelte Unternehmen regeln, heißt es in der Ankündigung. Sie folgt auf das überraschende Vorgehen der Behörden gegen den Fahrdienstvermittler Didi Chuxing. Der Uber-Rivale war vergangene Woche in New York an die Börse gegangen, obwohl ihm die Cyber-Aufsicht eine Verschiebung nahegelegt haben soll. Kurz nach dem erfolgreichen IPO starteten die chinesischen Behörden Ermittlungen wegen Verstößen beim Umgang mit gesammelten Daten, woraufhin der Aktienkurs massiv einbrach.

Investoren dürften das Vorgehen Pekings genau beobachten, sagte Brian Bandsma, Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management, gegenüber dem "Wall Street Journal" . Nach dem Vorstoß gegen Didi könnten die Anleger die hohen Bewertungen chinesischer Tech-Unternehmen womöglich noch stärker infrage stellen. "Die meisten Leute hatten das Gefühl, dass ein Großteil der regulatorischen Risiken hinter uns liegt. Aber im Moment gibt es eine Unsicherheit darüber, was als nächstes passieren wird", sagte er der Zeitung.

823 Milliarden Dollar Kursverlust seit Februar

Chinas Technologieriesen haben seit ihrem Höchststand im Februar zusammen 823 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren, rechnet die Nachrichtenagentur Bloomberg vor . Allein bei Tencent belaufen sich die Verluste seitdem auf rund 264 Milliarden Dollar, bei Alibaba schrumpfte er um 170 Milliarden Dollar, mehr als 100 Milliarden Dollar Börsenwert verloren Meituan und Kuaishou Technology.

Und der Abverkauf könnte angesichts der jüngsten Entwicklungen weiter fortschreiten: So war die Cyber-Aufsicht am Montag auch gegen die App des Lkw-Verleihers Full Truck Alliance und die App des Online-Jobvermittlers Kanzhun vorgegangen. Die beiden Unternehmen hatten bei ihren Börsengängen im Juni in den USA insgesamt fast sieben Milliarden US-Dollar eingenommen. Auch die Aktien dieser beiden Firmen reagierten mit kräftigen Kursverlusten.

Ziehen sich Investoren aus chinesischen Firmen zurück?

Die Wall Street war lange Zeit eine Brücke zwischen Chinas Wirtschaftswunder und den USA. Börsengänge vor allem von Techfirmen wie Alibaba in New York unterstrichen Chinas steigende Wirtschaftskraft und ließen amerikanische Investoren von deren Wachstum profitieren. Pekings Vorstoß, solche Börsennotierungen womöglich einzuschränken, unterstreicht nun die unterschiedlichen Visionen in Peking und Washington über die Zukunft von Technologie, Datenschutz und Sicherheit.

Wachse die Kluft des Misstrauens könnten sowohl chinesische als auch amerikanische Unternehmen in die Zwickmühle geraten, analysiert das "Wall Street Journal" in einem weiteren Bericht . Viele Investoren haben sich in schnell wachsende chinesische Start-ups eingekauft, in der Erwartung, dass sie nach dem Börsengang der Unternehmen an den Weltbörsen abkassieren.

Peking wirft den USA Überwachung und Datendiebstahl vor

Peking will nun die Aufsicht über im Ausland notierte Unternehmen wie Didi und Co verschärfen, "um mit Risiken und Notfällen umzugehen", heißt es weiter in der Ankündigung. Auch müsse das System, wie chinesische Kapitalmarktgesetze im Ausland angewendet und verfolgt werden, verbessert werden. Ferner sollen die Vorschriften für die Zulassung von Börsengängen chinesischer Firmen im Ausland überarbeitet werden, so das umfängliche Dokument der Regierung.

Die Sorge, was mit den wachsenden Datenmengen chinesischer Technologieunternehmen im Ausland passiert, äußerte auch der Sprecher des Pekinger Außenministeriums, Wang Wenbin, der die USA als "größte Gefahr für die globale Cybersicherheit" anprangerte. Er kritisierte die Überwachung der USA "daheim und im Ausland" und warf ihnen Datendiebstahl und Verletzung der Privatsphäre vor. "Es sind die USA, die Unternehmen gezwungen haben, Hintertüren zu installieren, und sich Nutzerdaten beschafft haben."

Die Zahl der in den USA gelisteten Unternehmen ist - ungeachtet der politischen Spannungen zwischen Washington und Peking - in den vergangenen sieben Monaten um 14 Prozent gestiegen, berichtete die Hongkonger Zeitung "South China Morning Post". China habe in der ersten Jahreshälfte einen Anteil von einem Drittel aller Erlöse von Börsengängen weltweit - mehr als jedes andere Land.

rei/DPA
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