Delivery Hero kehrt zurück Schlacht um den deutschen Liefermarkt

Delivery Hero macht seinen Rückzug vom deutschen Heimatmarkt rückgängig. Zugleich startet Uber Eats seinen Angriff auf Platzhirsch Lieferando in Berlin. Die Schlacht um das wenig lukrative Liefergeschäft ist eröffnet.
Schon präsent: Auch mit den Kurieren von Gorillas mit ihrem Lieferdienst für Supermarktprodukte will Delivery Hero in Deutschland konkurrieren

Schon präsent: Auch mit den Kurieren von Gorillas mit ihrem Lieferdienst für Supermarktprodukte will Delivery Hero in Deutschland konkurrieren

Foto: PR

Gut zweieinhalb Jahre nach dem Verkauf des Deutschland-Geschäfts an den Konkurrenten Just Eat Takeaway.com will der Essenslieferdienst Delivery Hero seine Heimat zurückerobern. Unter der Marke Foodpanda würden ab Juni zunächst in Berlin Restaurantessen sowie Lebensmittel als auch andere Supermarktprodukte ausgeliefert, kündigte das in mehr als 50 Ländern aktive Unternehmen am Mittwoch an. Nach dem offiziellen Start am 10. August werde das Angebot auf weitere Städte ausgeweitet.

In der Zeit der Abwesenheit von Delivery Hero hat sich der Lieferando-Eigner Takeaway.com in Deutschland als Branchenprimus etabliert. Von Januar bis März kletterte die Zahl der Bestellungen angesichts geschlossener Restaurants hierzulande um 77 Prozent auf 39,2 Millionen.

Passend zur Meldung über den geplanten Deutschland-Start von Delivery Hero machte heute zudem auch Lieferando einen weiteren Expansionsschritt publik: Das Unternehmen will künftig in Deutschland auch Lebensmittel aus Supermärkten liefern. Die mehr als zwölf Millionen Lieferando-Nutzer könnten künftig ausgewählte Supermarktartikel bestellen, die dann binnen 20 bis 30 Minuten geliefert werden soll, heißt es in einer Mitteilung. Lieferando öffne sich zu dem Zweck für die Zusammenarbeit mit großen Lebensmittelketten und lokalen Geschäften.

Uber Eats an diesem Mittwoch in Berlin gestartet

Die Lieferdienst-Konkurrenz spitzt sich in Deutschland in diesem Jahr ohnehin massiv zu. Neben Delivery Hero mit Foodpanda tritt auch Uber Eats gerade in den Markt ein. Gerade am heutigen Mittwoch startet Uber Eats in Berlin. Im vergangenen Jahr ist bereits der finnische Lieferdienst Wolt nach Deutschland gekommen. Hinzu kommen im vergangenen Jahr gestartete Dienste wie Gorillas und Flink, die Lebensmittellieferungen in nur zehn Minuten anbieten. Dieses Angebot wollen auch die Essenslieferdienste machen.

Essensbringdienste aber auch die rasant wachsenden Liefer-Start-ups wie Gorillas oder Flink  profitieren dabei von der steigenden Beliebtheit von Onlineplattformen in der Corona-Krise. Mit Blick auf den Lieferando-Eigner aus den Niederlanden sagte Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg im Gespräch mit Reuters: "Wir gehen davon aus, ein Produkt anbieten zu können, mit dem wir die Nummer eins langfristig herausfordern können."

Dabei muss es Delivery Hero nicht mehr nur Just Eat Takeaway.com aufnehmen, sondern beispielsweise auch mit Gorillas, das erst im März bei Investoren 244 Millionen Euro eingesammelt hat und mit Lieferungen innerhalb von zehn Minuten wirbt. Das will Östberg toppen und stellt sieben Minuten in Aussicht. Um das realisieren zu können, will er auch in Deutschland sogenannte Dmarts - kleine Lagerhäuser in der Innenstadt - errichten. Rund um den Globus betreibt das 2011 gegründete Unternehmen, das seit vergangenem Sommer im deutschen Leitindex Dax vertreten ist, bereits ein Netz von inzwischen 600 Dmarts. Zudem will Delivery Hero Partnerschaften mit lokalen Geschäften eingehen, Restaurants, die nur ausliefern, eröffnen und erwägt auch Mitgliedschaften.

"Hauchdünne Margen"

Angesichts der hohen Investitionen schreibt Delivery Hero trotz eines starken Umsatzwachstums und zahlloser Neukunden in der Corona-Krise seit vielen Quartalen rote Zahlen. Daran dürfte sich durch den Deutschlandstart erst recht nichts ändern, auch wenn Östberg zunächst keine Angaben zu den Investitionen machen will: "Wir gehen davon aus, jahrelang keinen Gewinn in Deutschland zu erzielen. Wir rechnen mit einem 10- bis 15-jährigen Investitionszeitraum, um an die Spitze zu gelangen." Die Margen in dem Geschäft seien "hauchdünn".

Auch für Konkurrenten wie Uber Eats oder Wolt wird das Deutschland-Geschäft auf Jahre ein Verlustgeschäft bleiben. Delivery Heros vorheriges Liefer-Angebot in Deutschland (Foodora) konnte nie profitabel werden, obwohl die Konkurrenz damals weniger stark war. Solange für die Investoren an der Börse allerdings vor allem Umsatzwachstum zählt, kann Delivery-Hero-Chef Östberg darauf hoffen, mit dem Markteintritt den Börsenwert zu treiben. Hinzu kommt, dass die Investoren Lebensmittel-Lieferdienste wie Gorillas sehr hoch bewerten. Östberg versucht nun durch den Eintritt in dem Markt der Lebensmittel-Lieferungen mit kleinen Lagern ebenfalls von diesen Wachstumsphantasien zu profitieren.

Zugleich geht Östberg davon aus, dass die Konkurrenz über die Zeit weniger wird. "Es wird sicher Gewinner und Verlierer geben." In den ersten zwei oder drei Jahren werde es wenig Konsolidierung geben, aber danach werde es zu einer Welle kommen.

Fakt ist allerdings: Lieferandos Position ist so stark, dass der Dienst in Deutschland auf Jahre Marktführer bleiben wird. Bestandskunden wechseln in der Regel kaum den Dienst. Marktanteile können praktisch nur erobert werden, indem mehr Neukunden als die Konkurrenz gewonnen werden. Für Lieferando wird das Deutschland-Geschäft allerdings künftig weniger lukrativ, da Lieferando in Städten wie Berlin das Marketing hochfahren müssen, um die Neuangreifer nicht zu stark werden zu lassen.

In der Essenslieferbranche ist vor allem Just Eat Takeaway mit Übernahmen aufgefallen. Kurz vor Ausbruch der Corona-Krise hatten die Niederländer für 7,8 Milliarden Dollar den britischen Wettbewerber Just Eat übernommen und peilen nun die 7,3 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Grubhub in USA an.

cr, rs/Reuters