Konkurrenz der Lieferdienste Delivery Hero übernimmt Mehrheit an Liefer-App Glovo

Erst vor kurzem hatte Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg angekündigt, sich aus dem deutschen Markt zurückzuziehen, um anderswo Wachstumschancen zu nutzen. Jetzt investiert der Konzern 780 Millionen Euro in einen spanischen Konkurrenten.
Schnelllebiges Geschäft: Die Zentrale von Delivery Hero in Berlin

Schnelllebiges Geschäft: Die Zentrale von Delivery Hero in Berlin

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Der Lieferdienst Delivery Hero schluckt den nächsten Konkurrenten. Das Berliner Dax-Unternehmen stockt seine Beteiligung an der 2015 gegründeten Liefer-App Glovo für 780 Millionen Euro in Aktien um 39,4 Prozent auf und hält damit mehr als 80 Prozent der Anteile an dem Start-up aus Barcelona. Damit werde Glovo mit insgesamt 2,3 Milliarden Euro bewertet, teilte Delivery Hero kurz vor dem Jahreswechsel mit. Das spanische Unternehmen hatte von Beginn an nicht nur Essen aus Restaurants ausgeliefert, sondern auch Einkäufe aus Supermärkten oder aus Apotheken – ein Bereich, in den Essenslieferdienste wie Delivery Hero auch vordringen wollen.

Erst kurz vor Weihnachten hatte Delivery Hero angekündigt, sich aus dem Liefergeschäft in Deutschland wieder zurückzuziehen. Die Tochter Foodpanda Deutschland werde die Tätigkeit in sechs deutschen Städten beenden und dann in Berlin nur noch eine Entwicklungsabteilung haben, hatte der Dax-Konzern erklärt. Der Schritt erlaube es, Mittel auf attraktive Wachstumschancen in anderen Märkten und Geschäften zu verlagern. Bei Investoren war die Meldung gut angekommen.

Glovo habe "von Anfang an einen Multikategorie-Service angeboten und so eine Vorreiterrolle in der Branche übernommen", begründete Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg die Aufstockung der Anteile. "Ein klarer Fokus auf das Produkt und die schnelle Umsetzung haben es Glovo ermöglicht, in 16 von 25 Ländern eine führende Marktposition einzunehmen, obwohl sie einige Jahre später als ihre Mitwettbewerber gestartet sind." Im vergangenen Jahr hätten die 70.000 Glovo-Kuriere das Volumen der ausgelieferten Waren um 80 Prozent gesteigert und einen Umsatz von rund 800 Millionen Euro erwirtschaftet. In Spanien sei das Geschäft auf dem Weg in die Gewinnzone. Glovo zählt 15 Millionen Nutzer, die mindestens einmal pro Jahr bestellten.

Delivery Hero hatte sich im vergangenen Jahr an einer 450 Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde von Glovo beteiligt und hält bereits 43,8 Prozent der Anteile. Nun verkaufen andere Glovo-Gesellschafter an die Berliner. Sie sollen dafür zunächst 7,9 Millionen neue Delivery-Hero-Aktien erhalten. Zum Schlusskurs vom 30. Dezember haben sie einen Wert von rund 780 Millionen Euro. Bis Ende Januar können auch die übrigen Glovo-Anteilseigner entscheiden, ob sie an Delivery Hero verkaufen. Zudem hat sich der neue Mehrheitseigentümer verpflichtet, Glovo im neuen Jahr 250 Millionen Euro frisches Geld zur Verfügung zu stellen. Die Marke "Glovo", unter der die Firma ihr Dienste in 1300 Städten in Europa, Asien und Afrika anbietet, soll erhalten bleiben.

Zwischen beiden Unternehmen bestanden schon Kontakte

Delivery Hero und Glovo hatten schon mehrfach miteinander zu tun: Im Mai hatten die Berliner ihr Geschäft auf dem Balkan für 170 Millionen Euro an die Spanier abgegeben. Damals hatte Glovo-Gründer Oscar Pierre im Gespräch mit Reuters noch versichert, seine Firma wolle weiter auf eigenen Füßen stehen. Eine Fusion mit Delivery Hero schloss Pierre aus. Im Herbst 2020 hatte Glovo sein Lateinamerika-Geschäft für bis zu 230 Millionen Euro an Delivery Hero abgegeben.

Mit Bringdiensten von Lebensmitteln und anderen Waren wollen die Essenslieferdienste ihr Geschäft ausbauen. Sie sehen sich in dem Bereich aber vielen neuen Anbietern wie Gorillas oder Flink gegenüber, die sich darauf spezialisiert haben. Ihnen kommt zugute, dass immer mehr Menschen sich nicht nur Mahlzeiten aus dem Restaurant liefern lassen, sondern auch Lebensmittel im Netz bestellen, die schnellstmöglich geliefert werden sollen. Dafür brauchen die Lieferdienste ein aufwendiges Logistiknetz – teils mit eigenen Lagerräumen – und möglichst viele Fahrer, die meist auf Fahrrädern durch die Städte rasen.

oho/rtr
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