Strategische Kooperation mit Google-Schwester Daimler holt sich Waymo-Roboter ans Lkw-Steuer

Der Daimler-Konzern arbeitet künftig mit Waymo zusammen – und fühlt sich geadelt. Der weltgrößte Lkw-Hersteller darf seine US-Trucks dem führenden Entwickler autonomer Fahrtechnik allerdings nur zur Verfügung stellen.
Ungetüm: Elektro-Lkw Freightliner Cascadia von Daimler Trucks

Ungetüm: Elektro-Lkw Freightliner Cascadia von Daimler Trucks

Foto: Daimler Ag/ dpa

Die für ihre Robotaxis bekannte Google-Schwesterfirma Waymo will künftig Lastwagen aus dem Hause Daimler durch die USA rollen lassen. Waymo und Daimler Trucks haben eine strategische Partnerschaft für sogenannte Level-4-Systeme vereinbart, wie sie am Dienstag mitteilten. Level 4 ist in der Entwicklung des autonomen Fahrens die zweithöchste Stufe. Im Gegensatz zum vollautomatischen Level 5 wird noch mit einem menschlichen Fahrer geplant, das System übernimmt aber in aller Regel das Steuer.

Waymo gilt als das mit Abstand führende Unternehmen in der Entwicklung autonomer Fahrtechnik. Von eigenem Fahrzeugbau hat die Firma sich nach ersten Prototypen der "Google Cars" aber verabschiedet und nutzt stattdessen die Karossen etablierter Hersteller, um sich auf die eigene Stärke mit Software und Daten zu konzentrieren.

Die Partnerschaft helfe beiden Unternehmen, schneller voranzukommen, sagte Daimler-Trucks-Chef Martin Daum (60). Sie würden Partner im Fahrzeugbereich und blieben zugleich Konkurrenten bei der Software. Gerade auf den Feldern der modernen Mobilität hinkt der Daimler-Konzern den Pionieren aus den USA hinterher, neben Waymo gehört dazu insbesondere Tesla. "Wir müssen zulegen, das gilt auch für unsere Ingenieure", hat Vorstandschef Ola Källenius (51) gerade erst im Interview mit dem manager magazin  gesagt.

"Am Ende verkaufen wir das Chassis an Waymo"

Praktisch sieht die Aufgabenteilung so aus, dass Daimler eine spezielle Variante seines US-Lastwagenmodells Freightliner Cascadia an Waymo liefert. Die Google-Schwester installiert darin dann ihren "Waymo Driver", also die Technologie zum autonomen Fahren mit Sensoren, Rechnern und Software – auf die Daimler keinen Zugriff bekommen wird. "Am Ende verkaufen wir das Chassis an Waymo", sagte Daum. Was das US-Unternehmen mit den Fahrzeugen mache, werde man gar nicht wissen.

Bislang nutzte Waymo auch Fahrzeuge von Daimlers Wettbewerber Paccar, aber ohne eine formelle Kooperation. Daimler und Paccar dominieren den US-Markt für diese besonders schweren Trucks der Klasse 8 mit einer Traglast über 33.000 Pfund (14,969 Tonnen).

Im Pkw-Bereich hat der "Waymo Driver" Millionen Testkilometer auf öffentlichen Straßen absolviert. In Phoenix im US-Bundesstaat Arizona darf das Unternehmen bereits Fahrgäste ohne Sicherheitsfahrer transportieren. Zudem plant es einen Frachtdienst mit selbstfahrenden Lastwagen und Transportern. Wann und in welchem Umfang die Lastwagen aus dem Projekt mit Daimler auf die Straßen kommen sollen, wollten weder Daum noch Waymo-Chef John Krafcik (59) sagen.

Daimler Trucks arbeitet parallel mit seiner US-Tochter Torc an einer eigenen Technologie für autonom fahrende Lastwagen. Investitionen von 500 Millionen Euro sind für die Technik vorgesehen. An diesen Plänen werde sich auch nichts ändern, sagte Daum. Die Partnerschaft mit Waymo diene dazu, die Entwicklung der speziellen Fahrzeugtechnik voranzubringen, den Anwendungsbereich über die eigenen Projekte hinaus zu vergrößern und die Kosten dafür zu senken. Ein wichtiger, aber auch komplexer und teurer Punkt bei autonomen Fahrzeugen ist, dass alle wichtigen Systeme wie Lenkung oder Bremse mehrfach vorhanden und abgesichert sein müssen.

Konkurrenz mit Tesla und Volkswagen

Diese Teile in großer Stückzahl für vollautomatische Fahrzeuge herzustellen, werde lange dauern, bestätigte Krafcik. "Wir reden hier über superlange Zeitpläne."

Daum verglich das Projekt mit der Brennstoffzellenpartnerschaft mit Volvo. Auch dort arbeite man in einem Bereich zusammen und stehe ansonsten weiter in Konkurrenz zueinander. Die Zeiten, in denen man darauf hoffen konnte, bei großen und wichtigen Zukunftsthemen alle Konkurrenten auszustechen und am Ende allein auf dem Markt zu sein, seien vorbei. "Die Illusion können wir uns abschminken", sagte Daum. Wie weit die Waymo-Technologie der eigenen voraus ist, wollte er nicht bewerten.

Das Joint-Venture trifft auf mehrere Konkurrenten: Tesla will im kommenden Jahr im texanischen Austin ein Werk für elektrische, automatisierte Lastwagen eröffnen. Volkswagens Lkw-Holding Traton arbeitet mit der Roboautofirma Argo aus Pittsburgh zusammen und will sich mit der gerade beschlossenen Übernahme des US-Truckherstellers Navistar verstärken. Navistar kooperiert mit dem chinesischen Start-up TuSimple, das große Entwicklungsprojekte mit den Logistikriesen Amazon und UPS vereinbart hat. Der schwedische Lkw-Hersteller Volvo arbeitet im autonomen Fahren mit dem Chiphersteller Nvidia zusammen.

ak/dpa-afx/reuters