Partnerstreit im größten Impfstoffprojekt Absicht oder Zufall? Uni Oxford widerspricht Astrazeneca

Sie sind Partner im größten Projekt für einen Covid-Impfstoff - die Uni Oxford und der Pharmakonzern Astrazeneca. Doch jetzt streiten sie darüber, ob "glücklicher Zufall" oder Weitsicht die wirksame Dosierung brachte.
Absicht oder Zufall? Impfstoffforscherin in Labor der Universität Oxford

Absicht oder Zufall? Impfstoffforscherin in Labor der Universität Oxford

Foto: John Cairns, University Of Oxford / dpa

Für die einen war es ein Versehen, für die anderen Absicht: Beim Coronavirus-Impfstoff des britischen Pharmakonzerns Astrazeneca und der Universität Oxford sind sich die beiden Entwicklungspartner nicht einig darüber, wie die entscheidenden Studienergebnisse letztlich zustande kamen.

Von einem Dosierungsfehler, der ein "glücklicher Zufall" sei, hatte das Unternehmen Anfang vergangener Woche gesprochen, als eine erste Analyse zeigte, dass sich eine niedrigere Dosierung bei der ersten von zwei Impfungen als besonders wirksam im Schutz vor Covid-19 erwies. Die Universität nennt die geringere Dosierung nun aber eine "bewusste Entscheidung" - ein ungewöhnlicher Widerspruch zwischen großen Institutionen, die an einem Schlüsselprojekt zusammenarbeiten.

"Es gab einige Verwirrung darüber, dass wir angeblich nicht gewusst hätten, dass wir eine halbe Dosis gaben, als wir sie gaben - das ist wirklich nicht wahr", sagte Adrian Hill (62), Leiter des Jenner Instituts der Universität Oxford, die das Vakzin entwickelt und zusammen mit Astrazeneca vertreibt, im Interview mit Reuters. "Uns war klar, dass wir eine andere Charge des Impfstoffs von einem anderen Auftragshersteller verwendeten. Wir kannten die Messungen und hatten Gespräche mit den Aufsichtsbehörden darüber, wie wir fortfahren sollen", erläuterte Hill. "Die Dosierung, die wir mit der neuen Charge begannen, war eine halbe im Vergleich zu der zuvor verwendeten."

Studie für aussichtsreichstes Projekt muss wiederholt werden

Sowohl die Wissenschaftler von Astrazeneca als auch der Universität Oxford gaben an, sie hätten die Gesundheitsbehörden konsultiert und die Genehmigung erhalten, die Verabreichung der halben Dosis bei einer begrenzten Gruppe von Freiwilligen in Großbritannien fortzusetzen und die zweite Impfung mit voller Dosis wie geplant zu verabreichen. Das überraschende Ergebnis: In der Untergruppe, die eine halbe Dosis gefolgt von einer vollen Impfdosis im Abstand von mindestens einem Monat erhielt, wurde eine Wirksamkeit von 90 Prozent erzielt. Wenn zwei volle Dosen - wie in der Regel üblich - im Abstand von mindestens einem Monat geimpft wurden, wurde dagegen nur eine Wirksamkeit von 62 Prozent erreicht. Eine Erklärung dafür konnten die Projektbeteiligten bislang nur auf Basis von Vermutungen liefern.

"Der Grund, warum wir die halbe Dosierung genommen haben, ist ein glücklicher Zufall", hatte Mene Pangalos (53), Chef der nicht-krebsbezogenen Forschung und Entwicklung bei Astrazeneca, der Nachrichtenagentur Reuters bei der Veröffentlichung der Zwischenanalyse gesagt. Aufgefallen sei dies, weil die Nebenwirkungen in dieser Gruppe milder als erwartet ausfielen. "Also sind wir noch mal an den Anfang gegangen und haben gecheckt." Dabei sei herausgekommen, dass die Dosierung nur halb so hoch war wie vorgesehen. Weil man den Test mit diesen Personen aber nicht abbrechen wollte, habe man mit einer zweiten Impfung mit der vollen Dosierung weitergemacht.

Was von Astrazeneca-Chef Pascal Soriot (61) anfangs als "Pluspunkt" verkauft wurde, da mit einer niedrigeren Dosierung mehr Menschen geimpft werden könnten, könnte sich nun aber zum Problem für das Unternehmen entwickeln. Soriot musste bereits einräumen, dass Astrazeneca eine komplett neue weltweite Studie zur Wirksamkeit des Vakzins erwägt, um zu bestätigen, dass die niedrigere Dosierung zu einem besseren Ergebnis führt. Dadurch könnte sich eine mögliche Zulassung verzögern. Zahlreiche Regierungen haben bereits vorab Millionen Dosen des Impfstoffs von Astrazeneca bestellt. Allein die Europäische Kommission hat einen Kaufvertrag über bis zu 400 Millionen Dosen unterschrieben.

Die widersprüchlichen Angaben zum Zustandekommen der Dosierung könnte auch das Vertrauen in das Projekt belasten, das bislang zu den Aussichtsreichsten im Rennen um einen Corona-Impfstoff gehörte - und in die mit Abstand größte Produktion geht. Vor allem Entwicklungsländer sind auf eine erschwingliche und logistisch einfache Lösung angewiesen, wie sie der Oxford-Impfstoff bietet. "Diese abweichenden Darstellungen sind besorgniserregend", sagte Eleanor Riley, Professorin für Immunologie und Infektionskrankheiten an der Universität von Edinburgh. Das müsse schnellstens geklärt werden. "Vertrauen ist bei Impfstoffen von höchster Wichtigkeit, und wir dürfen nichts tun, was das in irgendeiner Weise untergraben könnte." Astrazeneca und die Universität Oxford wollen sich nicht dazu äußern. 

rei/Reuters
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