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Christoph Bornschein

Techteilung der Welt Schluss mit der Gutgläubigkeit

Christoph Bornschein
Eine Kolumne von Christoph Bornschein
Deutschland steht bei vielen überlebenswichtigen Technologien blank da. Das ist erschütternd, hoffentlich aber auch ein Startzeichen.
aus manager magazin 9/2022
Gefährliche Berührungspunkte: Huawei-Technik soll "im Kernnetz" von Vodafone Kabel Deutschland nicht zum Einsatz kommen

Gefährliche Berührungspunkte: Huawei-Technik soll "im Kernnetz" von Vodafone Kabel Deutschland nicht zum Einsatz kommen

Foto: Wolfram Schroll / Bloomberg via Getty Images

Zieh dich warm an, Huawei. Nur zweieinhalb Jahre nach dem Aufflammen der Debatte über kritische 5G-Infrastruktur in Deutschland wird das Innenministerium so konkret, wie es eben kann: Das Verbot von kritischen Bauteilen "nicht vertrauenswürdiger Hersteller" wie Huawei oder ZTE wird immerhin erwogen, selbst der nachträgliche Ausbau bereits eingesetzter Bauteile könnte angeordnet werden.

Wohin die laufenden Verfahren solche Konjunktive tragen, wird sich zeigen. Deutsche Netzbetreiber verweisen derweil darauf, dass sie Huawei-Technik nicht "im Kernnetz", sondern nur auf den Funkmasten einsetzen – genau die Art Einsatz, die das FBI beunruhigt. Die derart eingesetzten Huawei-Komponenten, so berichtete CNN Ende Juli , seien in der Lage, sowohl den kommerziellen Mobilfunk als auch vom Militär genutzte Funkfrequenzen abzufangen.

Es sind schlechte Zeiten für Gutgläubigkeit oder auch nur Vorschussvertrauen. Der Ukraine-Krieg legt kritische Abhängigkeiten offen und schafft Maßstäbe für sicherheitsrelevante Abhängigkeitsverhältnisse. Energie aus Russland, Infrastruktur aus China, Software aus den USA, Code und ausgelagerte Unternehmensprozesse aus Indien – was nicht heute auf dem Prüfstand steht, wird es morgen sein.

Dass es dabei, wie die Platzierungen von Katar und Aserbaidschan im deutschen Gasportfolio zeigen, weniger um ethisch-moralische Werte geht, mag enttäuschen. Dass Fragen nationaler Sicherheit immerhin lauter und auf echten Entscheidungsebenen gestellt werden, ist jedoch willkommenes Zeichen eines wachsenden Verständnisses von geopolitischen, wirtschaftlichen und technologischen Zusammenhängen.

Ein solches Verständnis ist inzwischen unabdingbar. Die Spaltung des globalen Techstacks ist mittlerweile Folklore. Die USA und China entwickeln längst parallele, voneinander losgelöste Strukturen und Plattformen, aber auch Russland und Indien gehen eigene Wege. Dabei entstehen aber eben keine zufrieden und autark vor sich hin techstackende Einheiten. Es gibt Berührungspunkte und Teilintegrationen, wirtschaftliche Verwicklungen und Konkurrenz, es wird weiterhin Konflikte geben.

Jeder Berührungspunkt ist ein potenzielles Einfallstor, jede Kooperation ein Kräftemessen. Die wertebasierte Diskussion um Fabriken in Xinjiang  wird aktuell wieder etwas leiser geführt, aber wie sieht es eigentlich mit der IT-Integration aus? Wer kann wo und wie welche Daten abgreifen? Nach wessen Regeln arbeiten die Algorithmen, die aus diesen Daten Einsichten und Eckpunkte für die unternehmerische oder politische Entscheidungsfindung generieren?

Das sind alles keine neuen Fragen. Doch nun nötigt die Krise dazu, Antworten zumindest einmal vorzubereiten, die für informierte Reaktionen nötigen Verfahren und Konjunktive mal ernsthaft anzustoßen. Wenn es um das Verständnis und die Umsetzung des technologischen Fortschritts geht, fällt Optimismus nicht mehr ganz leicht.

Die optimistische Interpretation des Geschehens ist, dass Deutschland sich Schritt für Schritt von der Idee einer Zukunft als zwar mit Sensoren und KI-Modulen bestückte, im Grunde aber lineare Fortschreibung der jüngeren Vergangenheit verabschiedet. Technologischer Fortschritt und politische wie kulturelle Veränderungen haben umwälzendere Folgen und Implikationen. Die Dynamik von Wechselwirkungen und gegenseitigen Abhängigkeiten sollte niemals unterschätzt werden. Genau das ist aber lange passiert und passiert zum Teil noch immer.

Es gibt Anzeichen dafür, dass diese zähe und tragische Phase des Wandels an ihr Ende kommt – dass neue Technologien ebenso wie globale Veränderungsdynamiken endlich im rechten Maß als Risiken, Chancen, Herausforderungen und Aufgaben gelesen werden. Vielleicht lässt der Durst nach guten Nachrichten die Dinge etwas rosiger erscheinen, als sie es sind. Vielleicht ist die Causa Huawei auch nur der nächste Abwehrkampf, mit dem Technologiefolgen halt irgendwie wegreguliert werden sollen. Aber für Ärger darüber fehlt in diesen Tagen die Energie. Probieren wir es mit Optimismus, den hatten wir noch nicht so oft.

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