US-Aufseher schlägt Alarm "Tiktok funktioniert als ausgeklügeltes Überwachungsinstrument"

Die Social-Media-Plattform gerät unter Druck, weil Nutzerdaten offenbar in China zugänglich sind. Der Chef der US-Aufsicht fürchtet um die nationale Sicherheit – und fordert Apple und Google auf, die App zu verbannen.
Kick it out: US-Regulierer wollen Tiktok aus den App-Stores verbannen

Kick it out: US-Regulierer wollen Tiktok aus den App-Stores verbannen

Foto: CHRIS HELGREN / REUTERS

Tiktok gerät in den USA erneut unter politischen Druck. "Tiktok ist nicht nur einfach eine weitere Videoplattform", wetterte Brendan Carr (43) per Twitter , das sei nur Tarnung. Die Plattform sammle große Mengen sensibler Daten, auf die dann in Peking zugegriffen werde, so der Vorsitzende der mächtigen staatlichen US-Telekommunikationsaufsicht FCC. Und per Brief, adressiert an Apple-Boss Tim Cook (61) und Google-Chef Sundar Pichai (50), forderte er die großen Techkonzerne des Landes auf, die Tiktok-App aus ihren App-Stores zu entfernen.

Tiktok, mit mehr als drei Milliarden Downloads weltweit eine der erfolgreichsten Apps aller Zeiten, gehört dem in Peking ansässigen Unternehmen Bytedance. Seit Jahren gibt es immer wieder Vorwürfe, die Nutzerdaten – die Daten deutscher Nutzer landen übrigens auf den gleichen Servern wie die US-Daten – wären auf der Plattform nicht sicher. So argumentiert auch Carr in seinem Schreiben an Apple und Google: Bytedance sei "eine Organisation, die der Kommunistischen Partei Chinas untersteht und nach chinesischem Recht verpflichtet ist, den Überwachungsanforderungen der Volksrepublik China nachzukommen". Im seinem Kern funktioniere Tiktok "als ausgeklügeltes Überwachungsinstrument". Die App sammle "alles, von Such- und Surfverläufen bis hin zu Tastenanschlagsmustern und biometrischen Identifikationsdaten, einschließlich Gesichts- und Stimmdaten".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Vorstoß des einst vom abgewählten US-Präsidenten Donald Trump (76) inthronisierten Carr kommt, nachdem kurz zuvor das US-Nachrichtenportal "Buzz Feed" massive Vorwürfe gegen die Plattform erhoben hatte . So sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bytedance in China wiederholt Zugriff auf nicht-öffentliche Daten von amerikanischen Nutzern gehabt haben. Mehrere Aussagen von Whistleblowern sowie Tonmitschnitte belegen offenbar Zugriffe zwischen September 2021 und Januar 2022. "Alles wird in China gesehen", sagte demnach in einer der Aufnahmen ein Mitglied der Vertrauens- und Sicherheitsabteilung von Tiktok.

Grundsätzlich bestreitet das chinesische Start-up mögliche Zugriffe auch nicht. "Wie viele globale Unternehmen hat auch Tiktok Ingenieurteams auf der ganzen Welt", erklärte ein TikTok-Sprecher gegenüber US-Medien . Es gebe strenge Zugangskontrollen. Aber: "Tiktok hat stets behauptet, dass unseren Ingenieuren an Standorten außerhalb der USA, einschließlich China, im Rahmen dieser strengen Kontrollen bei Bedarf Zugang zu US-Nutzerdaten gewährt werden kann."

App mit 1,4 Milliarden Nutzern

Offenbar fühlt sich Bytedance jedoch unter Druck. Noch am selben Tag der Buzz-Feed-Veröffentlichung verkündete das Unternehmen, dass alle US-Nutzerdaten auf Cloud-Speicher des US-Konzerns Oracle transferiert würden. Die Speicherung in den firmeneigenen Datenzentren in den USA und Singapur werde aufgelöst. In China selbst, hatte das Unternehmen früher betont, wurden keine US-Nutzerdaten gespeichert. Dem US-Aufseher Carr reicht das nicht: Das Versprechen, künftig alle Daten über Oracle zu routen, löse das Problem keineswegs, schreibt er an die Tech-Bosse. "Es sagt nichts darüber aus, von wo aus auf die Daten zugegriffen werden kann."

Bytedance gilt mit einer Bewertung von zuletzt 140 Milliarden Dollar als wertvollstes Start-up der Welt. Als eines der ganz wenigen Internetunternehmen aus China hat es wirklich globalen Erfolg. 2017 gegründet, war Tiktok zunächst in der Heimat erfolgreich. Durch die Übernahme des Videodienstes Musical.ly für rund eine Milliarde Dollar wurde Tiktok auch in den USA und Europa groß. Im ersten Quartal hatte die App in mehr als 150 Ländern weltweit rund 1,4 Milliarden Nutzer – was ihr hinter Facebook, Youtube, Instagram und Whatsapp einen Rang unter den Top Five der global erfolgreichsten sozialen Netzwerke beschert. Der Umsatz 2021 soll rund 4,6 Milliarden Dollar betragen haben.

Vorwürfe über den womöglich zweifelhaften Umgang mit Nutzerdaten gibt es bereits seit Jahren. Der frühere US-Präsident Donald Trump trieb auf dem Höhepunkt der Handelsauseindersetzungen mit China sogar im Jahr 2020 ein Verbot von Tiktok in den USA voran. Auch damals ging es um die nationale Sicherheit. Das Vorhaben ist aber gescheitert. Zahlreiche öffentliche Institutionen sowie das US-Militär haben die App allerdings auf Dienstgeräten verboten. Und in Indien und Pakistan ist der Gebrauch ganz untersagt.

EU-Rechenzentrum verschiebt sich

Die Daten europäischer Tiktok-Nutzer wurden bislang in den USA und Singapur gespeichert. Seit 2020 will die Plattform die Daten aus der EU und Großbritannien zwar in einem eigenen Datenzentrum in Irland speichern. Die Eröffnung hatte sich aber wiederholt verschoben. Ursprünglich für Anfang 2022 angekündigt, hat sich die Inbetriebnahme zuletzt auf mindestens 2023 verschoben. Tiktok begründete das mit den Folgen der Pandemie. In Betrieb ist immerhin ein europäisches "Transparenz- und Rechenschaftszentrum", wo auch externe Experten Informationen über den Umgang mit Nutzerdaten erhalten sollen. Lange nur virtuell.

Erst Mitte Juni hatte sich Tiktok auch mit der Europäischen Kommission auf mehr Transparenz beim Datenschutz geeinigt. Zuvor hatten Verbraucherschutzverbände vor allem auf die Gefahren für Kinder und Jugendliche durch versteckte Werbung und gefährdende Inhalte hingewiesen und unter anderem auch den Umgang mit Nutzerdaten angemahnt.

Der FCC-Commissioner Brendan Carr will Tiktok nun ganz verbannen. Bis zum 8. Juli sollen ihm Apple und Google ihm Rede und Antwort stehen, falls sie die App nicht verbannen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.