Börsen-Rückzug von Rocket "Oliver Samwer hinterlässt verbrannte Erde"

Der Börsenrückzug von Rocket Internet empört Aktionärsschützer in Deutschland. Vor sechs Jahren verlangte Gründer Oliver Samwer 42,50 Euro je Aktie, um sich an Deutschlands erfolgreichster Aufzuchtstation für Start-ups zu beteiligen. Jetzt bietet er nicht einmal die Hälfte.
Macht sein Ding: Oliver Samwer.

Macht sein Ding: Oliver Samwer.

Foto: Boris Roessler/ dpa

Für Oliver Samwer (48) war der Börsengang von Rocket Internet zweifellos ein lohnendes Geschäft. Als die Aktien der wichtigsten deutschen Aufzuchtstation für Start-ups (Zalando, Delivery Hero, Hellofresh) im Jahr 2014 zum Preis von 42,50 Euro - und damit am oberen Rand der sogenannten Preisspanne - an die Börse gebracht wurden, katapultierte dies ihn und seine Brüder raketenartig in die Liste der reichsten Deutschen .

Nach dem Börsengang zum Mondpreis folgt nun, sechs Jahre später, der Börsen-Rückzug zum gesetzlichen Mindestpreis, wie der Konzern am Dienstag in Berlin  mitteilte. Während Samwer künftig seine neuen Freiheiten als milliardenschwerer Investor ohne Berichtspflichten genießen will - und aufgrund der prall gefüllten Kasse der Holding auch kann -, haben Rocket-Anleger der ersten Stunde mehr als die Hälfte ihres Geldes verloren. 

"Das ist eine bodenlose Frechheit. Samwer hinterlässt in Deutschland verbrannte Erde. Das ist ein schwerer Schlag gegen die Aktienkultur in Deutschland", sagt Michael Kunert, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), gegenüber manager magazin. Die Aktionäre würden "eiskalt übers Ohr gehauen".

Samwer bietet Rocket-Aktionären lediglich 18,57 Euro je Aktie an - dieser Preis entspreche dem Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate, argumentiert das Unternehmen. "Der Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate hat nichts mit dem eigentlichen Wert der Gesellschaft zu tun", entgegnet Kunert. So habe die Corona-Krise den Kurs der Rocket-Aktie im März auf 16 Euro einbrechen lassen, was den Durchschnittskurs nach unten drückt. Für Samwer bietet die Corona-Krise damit die Gelegenheit, die Kapitalgeber, die ihn beim Börsengang vor sechs Jahren mit reichlich Kapital versorgt hatten, nun zu einem niedrigen Preis herauszudrücken.

Mit den Aktionären von Rocket Internet werde nach Eindruck von Kunert weder fair noch ehrlich umgegangen. "Samwer hat noch bei der Hauptversammlung Mitte Mai gesagt, ein Delisting sei nicht geplant. Das ist aus heutiger Sicht wenig überzeugend", sagt der SdK-Sprecher. Er fordert politische Konsequenzen: "Das Rocket-Debakel zeigt, dass Aktionäre in Deutschland von der Politik nicht ausreichend geschützt werden."

Auch E-Commerce-Experte Jochen Krisch äußerte sich auf Twitter kritisch zu Samwers Börsenflucht. "Im Grunde ist das ein Skandal: Die angesammelten Rocket-Milliarden werden nicht ausgeschüttet und die Rocket-Aktionäre so ein letztes Mal über den Tisch gezogen", schreibt Krisch.

SdK-Sprecher Kunert rät Aktionären, zunächst einmal auf Zeit zu spielen: "Aktionäre sollten sich überlegen, ob sie das Angebot annehmen. Wer das Geld nicht dringend braucht, kann darauf setzen, dass er später ein besseres Angebot bekommt", so Kunert. Allerdings müsste man dazu schon gehöriges Störpotenzial entfalten, um den notorisch pfennigfuchsenden Samwer zu einem Aufschlag zu bewegen.

Dass die außerordentliche Hauptversammlung am 24. September den Weg für das Delisting freimachen wird, gilt nur noch als Formsache: Da eine einfache Mehrheit hierfür genügt, dürfte der Beschluss dank der Stimmen von Samwer und der Global Founders GmbH, in der die Brüder den Großteil ihrer Anteile gebündelt halten, eine Formalie sein. Zusammen halten sie insgesamt knapp 50 Prozent der Aktien - und haben damit alle Freiheiten, ihre eigenen Interessen gegenüber den übrigen Aktionären durchzusetzen.

Den Rückzug von der Börse hat Samwer bereits seit längerem geplant - wie manager magazin mehrfach berichtet hatte . Der Grund: Rocket Internet hat sein Geschäftsmodell stark verändert. Anstatt eigene Unternehmen aufzubauen, agierte Rocket zuletzt eher wie ein klassischer Wagniskapitalgeber . Für einen solchen Fonds bringt eine Notierung an der Börse eher Nachteile. Denn Start-ups ist am besten damit gedient, Informationen über ihre Finanzierungsrunden nur sehr taktisch zu veröffentlichen. Ein börsennotiertes Vehikel wie Rocket ist aber an Berichtspflichten gebunden.

jr/la