Lieferketten digitalisieren Kaffee trifft auf Blockchain

Immer mehr Start-ups setzen darauf, die Blockchain-Technologie im Alltag zu nutzen. Auch Frosta-Chef Felix Ahlers sieht das Potenzial.
Von Lilian Schmitt
Der ganze Weg notiert: Hinter dem QR-Code auf der Verpackung steckt Blockchain-Technologie.

Der ganze Weg notiert: Hinter dem QR-Code auf der Verpackung steckt Blockchain-Technologie.

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Vor allem digitale Konzerne profitieren von der Corona-Pandemie. Den Hype um Technologie Unternehmen während der Covid-19-Krise spüren aber auch kleinere Start-ups. Das Hamburger Tech-Unternehmen Ourz erlebt dies in ihrer aktuell laufenden Seed-Finanzierungsrunde. Ourz spezialisiert sich auf Supply-Chain-Management  und nutzt dafür die Technologie, auf die auch Kryptowährungen wie der Bitcoin basieren: Blockchain.

Das Hamburger Start-up bringt die Blockchain somit in den Alltag. Dabei arbeitet Ourz mit einer Prominenz der Lebensmittelbranche zusammen- mit Frosta-Chef  Felix Ahlers (54). Die Hamburger setzen ihre Software bei dem von Ahlers gegründeten Solino Kaffee ein.

Wer im Supermarkt den QR-Code auf der Solino Verpackung scannt, landet direkt auf der Ourz Web-App. Dort finden Kunden Informationen dazu, wer die Bohnen angebaut und den Kaffee geröstet hat. Auch den Weg, den der Kaffee zurücklegt, zeigt die Web-App an, ebenso, wann der Kaffee wo unterwegs war. Den Kaffee lässt Solino komplett in Äthiopien ernten. Der fertig verpackte Kaffee kommt dann per Schiff entweder in Hamburg oder Bremerhaven an. "Das ist die Geschichte dahinter", sagt Antoni Hauptmann (40), Gründer der Ourz Ag. Das alles soll digital erfasst werden und für Kundinnen und Kunden bereits beim Einkauf nachvollziehbar sein.

Damit das funktioniert, kommt die Blockchain-Technologie zum Einsatz. Zunächst müssen die Personen, die an der Produktion beteiligt sind, Daten eintragen: ihren Namen, aber auch Details über die Produktion. "So wissen wir, wer was wann wo und wie viel gemacht hat", sagt Hauptmann. Die Technologie soll sicherstellen, dass keine Fälschung möglich ist.

Blockchain sagt Falsch-Deklarationen den Kampf an. Beispielsweise in der Fischindustrie kommt es heute vor , dass die angegebenen Daten nicht der Realität entsprechen, da Zertifikate in Papierform gedruckt werden und somit leicht fälschbar sind. So kommt die Fischladung dann angeblich aus dem Mittelmeer und nicht aus dem indischen Ozean. Mit Blockchain ist so ein falsches Deklarieren nicht möglich, da eingetragene Daten im Nachhinein nicht verändert werden können. "Die Blockchain Technologie gibt uns die Sicherheit, dass Daten nicht verfälscht werden", so Ourz-Gründer Hauptmann.

Ourz wertet nicht nur manuell eingetragene Daten aus, sondern auch Daten, die innerhalb der Lieferkette automatisch aufgenommen werden. So melden Sensoren eines LKW den Streckenverlauf und beispielsweise auch, ob gekühlt wurde, es sich also um ein sicheres Lebensmittel handelt.

"Daten nutzen, um Lieferketten zu verbessern"

Für die Produzierenden hat die Blockchain auch einen Vorteil: Sie können sehen, wo ihr Endprodukt landet und konsumiert wird. Ourz weiß, dass 20 bis 30 Prozent aller Verpackungen gescannt werden. Insgesamt sind acht Unternehmen bereits Kunden bei dem Tech-Start-up.

Ziel von Solino ist auch, den Kaffeebäuerinnen und Bauern in Äthiopien zu zeigen, wo ihr Kaffee gekauft wird. "Dabei soll eine direkte Verbindung zu den Verbrauchern entstehen", sagt Felix Ahlers.  Die Verbraucher können auf der Ourz Web-App die einzelnen Produktionsschritte bewerten. "Wir wollen die Daten nutzen, um die Lieferkette zu verbessern", sagt Ahlers. Durch die Daten soll es möglich werden, dass die Verantwortlichen schneller Entscheidung über Produktionsvolumen oder Lagerbestände treffen können.

Blockchain besser als jedes Nachhaltigkeits-Label?

Mit der Ourz Technologie sollen sich nachhaltige Unternehmen künftig auch attraktiver positionieren können. "Wir sind der Meinung, dass Nachhaltigkeit weiter in den Vordergrund muss", meint der Ourz-Gründer. Die Angaben sind zunächst freiwillig. Sie sollen lediglich dazu dienen, Herstellenden, die bereits auf Nachhaltigkeit setzen, einen Vorteil auf dem Markt zu verschaffen. Antoni Hauptmann sieht darin mehr Potenzial als in Siegeln. "Was ich dokumentiere, ist Echtzeit und kein zwei Jahre altes Label."

Transparenz im Herstellungs- und Lieferprozess

Künftig möchte Solino verschiedene Aspekte in die Ourz Web-App aufnehmen und durch den QR-Code transparent darstellen. Zum Beispiel, ob erneuerbare Energien bei der Produktion verwendet wurden oder wie es um Gehaltsniveau und Anbaubedingungen steht. Auch wenn Ourz seine Technologie als nicht fälschbar einstuft, soll es Kontrollen vor Ort geben, um sicherzugehen, dass die Beteiligten auch einhalten, was sie eintragen. "Wir verstehen uns als Technologie Unternehmen, dennoch sehen wir den Bedarf einer Kontrolle durch den Menschen", sagt Hauptmann. Diese Kontrollen übernimmt Solino als eigentliches Produkt und plant weitere jährliche Prüfungen. "Da wir mit Solino eine IFS Zertifizierung haben, die jährlich geprüft wird, auditieren wir die Rösterei ohnehin jährlich", sagt Ahlers.

Gründung im "Krypto valley" Zug

Die Technologie, die auf der Blockchain basiert, lässt sich auf andere Bereiche übertragen, so Hauptmann. Das Start-up ist in Hamburg und Zug (CH) ansässig. Als Ourz im März 2018 auf den Markt ging, gab es in Deutschland noch nicht die rechtlichen Rahmenbedingungen für Blockchain-Unternehmen. So verlagerte Ourz seinen Standort nach Zug, das auch "Krypto valley" genannt wird.  

Antoni Hauptmann setzt auf die Blockchain: "Alle wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen"

Antoni Hauptmann setzt auf die Blockchain: "Alle wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen"

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Die Idee von Ourz könnte auch bei dem von der Bundesregierung geplanten Lieferkettengesetz eine Rolle spielen. Ourz soll vor allem eines: Vertrauen schaffen. Ob den Konsumentinnen und Konsumenten die freiwilligen Angaben zur Nachhaltigkeit dafür ausreichen werden, wird sich zeigen. Hauptmann ist aber optimistisch, dass die Technologie gut ankommen wird. "Da haben wir den Zeitgeist getroffen. Alle wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, ob sie gesund sind."

Alle sollen interagieren: Hersteller, Kunden, Leser, Investoren

Auch andere Start-ups integrieren die Blockchain-Technologie in Konzepte, die für den Alltag bestimmt sind. Das Hamburger Start-up Finexity möchte zum Beispiel digital Investitionen managen, mit dem Ziel, den Weg über ein Notariat einzusparen. Publc (gesprochen public) ist eine Suchmaschine aus Israel, die gleichzeitig eine Community schaffen soll. So sollen sich Userinnen und User gegenseitig Artikel vorschlagen können. Auch hier ist die Technologie, auf die der Bitcoin basiert, die Grundlage. All diese Start-ups gehören zum Portfolio der an der Düsseldorfer Börse notierten  Beteiligungsgesellschaft coin-ix. Das 2017 gegründete Hamburger Unternehmen investiert nicht nur direkt in verschiedene Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum, sondern beteiligt sich auch direkt an Unternehmen, die Blockchain-Technologie und blockchainbasierte Projekte als Geschäftsgrundlage haben.

Auch Natix aus Hamburg bedient sich der Bockchain in ihrer Software. Natix möchte, dass Geräte interagieren. Dies spielt beispielsweise bei Überwachungskameras eine Rolle: So könne man gezielt filtern, ob jemand sein Gesicht verhüllt. Oder einen Straftäter verfolgen. Die Kamera nimmt das Bild nur unter bestimmten Bedingungen auf. Denn eines haben die Start-ups gemeinsam: Die Interaktion zwischen den Nutzern soll gestärkt werden und fälschungssicher ablaufen, die Privatsphäre des Einzelnen soll durch die Technologie jedoch gewahrt bleiben.

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