iPhone-Engpass Das China-Problem von Apple

Apple gerät durch den Ausnahmezustand im größten Werk des Zulieferers Foxconn mächtig unter Druck. Die chinesischen Behörden lockern zwar gerade die Corona-Beschränkungen. Doch es droht ein noch nie dagewesener iPhone-Engpass. Und ein Imageschaden sowieso.
iPhone: Es könnten sechs Millionen oder mehr fehlen

iPhone: Es könnten sechs Millionen oder mehr fehlen

Foto: Chukrut Budrul / SOPA Images / LightRocket via Getty Images

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Im Norden Chinas, in den Ausläufern der Industriestadt Zhengzhou liegt ein Areal, das die Einheimischen nur "iPhone City" nennen. Es ist ein gigantischer Fabrikkomplex, mit zehnstöckigen Wohnblocks für die rund 200.000 Menschen, die hier arbeiten, von der Stadt getrennt durch ein Netz an Autobahnen und Buschland. Hier betreibt der Apple-Zulieferer Foxconn die größte iPhone-Fabrik der Welt.

Zuletzt kursierten verstörende Bilder aus "iPhone City" in den sozialen Medien: fliehende Fabrikarbeiter, Protest, Aufruhr, Ordnungskräfte in weißen Anzügen, die teils mit Gewalt und Tränengas versuchen für Ruhe zu sorgen. Nach einem Corona-Ausbruch war der Campus in Zhengzhou wochenlang abgeriegelt; Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Fabrikstadt klagten über einbehaltene Löhne und Prämien sowie über die strengen Corona-Beschränkungen. Es gab Berichte über katastrophale Lebensumstände, an eine geregelte Produktion war nicht zu denken – die iPhone-Fabrik wurde zu einem der Zentren für die jüngsten Unruhen in ganz China. Zwar haben die chinesischen Behörden am Dienstagabend offiziell die Abriegelung aufgehoben und der Foxconn-Konzern lockt Arbeitskräfte mit Bonuszahlungen und höheren Gehältern zurück – doch die Anspannung bleibt.

Aufstand in der Foxconn-Fabrik: Ausschnitt aus einem Video vom 23. November

Aufstand in der Foxconn-Fabrik: Ausschnitt aus einem Video vom 23. November

Foto: AFPTV TEAMS / AFP

Die Proteste offenbaren neben der Brutalität der Zero-Covid-Strategie des Regimes noch etwas anderes: Apples Abhängigkeit von China. Der Aufstand in der iPhone-Fabrik trifft den US-Giganten ökonomisch im wichtigsten Quartal des Jahres – und untergräbt gleichzeitig das Sauberimage des Vorzeigekonzerns aus Cupertino auch moralisch. Kurz: CEO Tim Cook (62) hat ein China-Problem.

"Die Apple-Null-Covid-Situation in diesem Monat ist womöglich der Tropfen, der das Fass für Cook und Cupertino zum Überlaufen bringt, wenn es um ihre Ausbaupläne in China geht", twitterte der renommierte Tech-Analyst und Wedbush-Geschäftsführer Dan Ives in dieser Woche. Die Haltung der chinesischen Regierung sei "unhaltbar", für produzierende Unternehmen werde China zur "Twilight Zone". "Zeit für eine Weichenstellung."

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Produktionsausfall in Millionenhöhe

Seit Jahren verbindet Apple eine enge Partnerschaft mit Foxconn. Der Konzern aus Taiwan ist Auftragsfertiger für 70 Prozent der iPhones weltweit, die meisten kommen aus dem Komplex in Zhengzhou. "Designed by Apple in California assembled in China", steht auf den Geräten. Nach einem Corona-Ausbruch im Oktober wurde das Werk jedoch abgeriegelt, die Mitarbeiter kamen nicht mehr raus. Nach einer Massenflucht und ersten Aufständen Ende Oktober spitzte sich die Lage in der vergangenen Woche erneut dramatisch zu – die Produktion kam weitgehend zum Erliegen. "Die iPhone-Produktion hat in den vergangenen Monaten mit etwa 20 bis 30 Prozent der Kapazität gearbeitet", schrieben die Analysten Daniel Ives und John Katsingris in einem Report.

Ökonomisch ist das durchaus spürbar für den Konzern. Auf der Foxconn-Anlage werden die überwiegende Mehrheit der iPhone 14 Pro- und Pro Max-Geräte produziert. Die Pro-Modelle kosten in Deutschland je nach Ausstattung zwischen 1300 und 2100 Euro das Stück, sie haben die Flaute für die einbrechende Nachfrage nach den regulären iPhone 14-Modellen aufgefangen. Jetzt macht sich ein noch nie dagewesener iPhone-Engpass weltweit breit.

"Jede Woche dieses Shutdowns und der Unruhen kostet Apple nach unseren Schätzungen grob eine Milliarde Dollar durch verloren gegangene iPhone-Verkäufe", schätzt Ives. Auf ungefähr 5 Prozent schätzt er die Ausfälle weltweit. Und je nach dem weiteren Verlauf der Krise könnten Apple auch mehr als zehn Prozent der weltweit verkauften Einheiten verloren gehen. Viele Apple Stores, Einzelhändler und Online-Kanäle werden laut seinem Report für die meisten iPhone 14 Pro-Modelle bis mindestens Anfang Januar mit leeren Händen dastehen. Ein Insider soll gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg den Ausfall auf sechs Millionen Einheiten geschätzt haben – das entspräche, zur Einordnung, knapp 12 Prozent der im dritten Quartal ausgelieferten iPhones.

Apple selbst gab bereits am 6. November eine seltene Warnung heraus, dass die Fabrik in Zhengzhou eine "deutlich reduzierte Kapazität" für die Produktion der High-End-Modelle iPhone 14 Pro und Pro Max habe. Wie groß der Ausfall tatsächlich ist, hängt nun davon ab, wann Foxconn die Mitarbeiter nach den gewalttätigen Protesten wieder an die Fließbänder bringen kann. Jüngst verringerte Apple-Chef Cook sein Gesamtproduktionsziel um drei Millionen Einheiten auf etwa 87 Millionen. Daraufhin senkte in dieser Woche auch das Analysehaus Evercore ISI seine Umsatzprognosen für das Dezemberquartal um acht Milliarden US-Dollar auf nun 122 Milliarden US-Dollar. Sollte es wirklich so kommen, lägen die Umsätze unter den vor einem Jahr gemeldeten 124 Milliarden US-Dollar – es wäre der erste Rückgang gegenüber einem Vorjahresquartal seit Anfang 2019. Drei Jahre lang hatte Apple stets neue Rekorde erzielt.

Chinas Macht

Der Tumult in "iPhone City" offenbaren einmal mehr, wie abhängig Apple in der Lieferkette von China ist. "Apples größte Herausforderung ist, dass sie sich nicht schnell genug von China weg diversifizieren können", sagte Tom Forte, Analyst bei der Investmentbank DA Davidson, gegenüber der "Financial Times". Dabei versucht Konzernchef Cook schon schon länger, unabhängiger von der Produktion in China zu werden. Zuletzt verstärkte auch das wegen des Taiwan-Konflikts angespannte Verhältnis zwischen den Regierungen in Peking und Washington offenbar den Druck, die Herstellung in andere Länder zu verlagern. In Vietnam werden bereits als wichtigstes Produktionszentrum außerhalb Chinas unter anderem iPad-Tablets und AirPods-Kopfhörer produziert. Darüber hinaus lässt der US-Technologiekonzern einen kleinen Teil des iPhone 14 auch in Indien fertigen – übrigens auch von Foxconn. Im kommenden Jahr, zitiert das "Wall Street Journal" einen Analysten, könnte die Produktion dort um 150 Prozent zulegen. Langfristig könnten 40 bis 45 Prozent der iPhones aus Indien kommen, so die Prognose; aktuell sind es 4 Prozent. Und auch Standorte wie Brasilien oder Südostasien könnten weiter zur Diversifizierung der Apple-Produkte beitragen.

Die Lehre aus dem Aufruhr: "Apple ist gezwungen, die Diversifizierung seiner Produktionsbasis zu beschleunigen", sagte Amir Anvarzadeh, ein Analyst bei Asymmetric Advisors, gegenüber Bloomberg. Doch eine schnelle Abkehr von China scheint ausgeschlossen. Anfang November schrieb die Bank of America in einer Mitteilung, dass es viele Jahre dauern wird, bis Apple einen erheblichen Teil seiner Produktion diversifiziert hat. Vorerst ist die Abhängigkeit von China also gigantisch.

Kein Wunder, dass Cook das Verhältnis zur Regierung in Peking nicht strapaziert und Staatschef Xi Jinping (69) nicht provoziert. Obwohl andere US-Techkonzerne sich von China fernhielten oder wieder zurückzogen, setzte der Apple-Chef weiterhin auf die Volksrepublik. 2016 traf er sich mit Regierungsvertretern in Beijing und versprach innerhalb von fünf Jahren 275 Milliarden Dollar in dem Land zu investieren. Und erst in diesem Sommer löste er in den USA Empörung unter republikanischen US-Politikern aus, nachdem er dem staatlichen Medium "China Daily" ein angeblich liebedienerisches Interview gegeben hatte, in dem er sich beeindruckt gezeigt hatte von der Kreativität der chinesischen IT-Entwickler, "um das Leben der Menschen zu bereichern".

Im Zuge der aktuellen Proteste geriet Apple nun erneut in die Kritik. Im Zuge eines Updates für das Betriebssystem auf seinen Geräten hatte Konzern vor etwa drei Wochen die Funktion AirDrop, mit der Dateien per Bluetooth oder WLAN an andere Geräte in der direkten Umgebung übertragen werden können, stark eingeschränkt. Von nun an können Nutzer Dateien von Nicht-Kontakten nur noch innerhalb von zehn Minuten empfangen. Das Pikante: Gerade Demonstranten hatten sich zunehmend politische Botschaften per AirDrop verschickt, um die strenge Überwachung des Staates zu umgehen. Kritiker unterstellen Apple, sich mit dem Update dem Regime unterworfen zu haben. Zumal diese Einschränkung nur in China eingeführt wurde. Der Konzern kommentiert das nicht.

Fest steht: Der Nimbus des Apple-Konzerns ist durch den Aufstand in China angekratzt. Doch wie sehr die Investoren und Anleger CEO Cook Druck machen werden, bleibt abzuwarten. Aktuell haben die Turbulenzen und der iPhone-Engpass die Apple-Aktie ein wenig unter Druck gesetzt. Aber insgesamt ist der Konzern noch immer 2,35 Billionen Dollar wert – und im Vergleich zu anderen Techwerten schlägt sich Apple auch gut. In diesem Jahr ging es bislang nur rund zwölf Prozent abwärts.Selbst die Analysten Ives und Katsingris bleiben langfristig positiv gestimmt: "Die Börse wird diese Produktionskatastrophe für Apple hauptsächlich als eine Verschiebung des iPhone-Timings betrachten und die Aktie nicht in vollem Umfang bestrafen."

Nur Apples China-Problem wird bleiben. Vorerst zumindest.

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