Stabsübergabe beim weltgrößten Onlinehändler Das ist Amazons neuer Chef Andy Jassy

Jeff Bezos gibt den CEO-Posten an einen Amazon-Veteranen ab: Andy Jassy leitete bisher die boomende Cloud-Sparte. Und er hat Bezos schon mal eine übergezogen.
Mag klare Ansagen, auch politisch: Andy Jassy (53) wird ab dem dritten Quartal Amazon führen

Mag klare Ansagen, auch politisch: Andy Jassy (53) wird ab dem dritten Quartal Amazon führen

Foto: Mike Blake / REUTERS

Den ersten bleibenden Eindruck bei Amazon-Gründer Jeff Bezos (57) hinterließ Andy Jassy (53) mit einem Kayak-Paddel. Es war 1997, Amazon war eine junge Firma von jungen Leuten, und eine Besprechung endete mit einer Partie "Broomball". Das ist ein an Hockey angelehntes Spiel aus Kanada, bei dem man einen Ball mit einer Art Besen führt – oder eben behelfsmäßig mit einem Kayak-Paddel. Der frisch eingestellte Jassy zog im Eifer des Gefechts seinem Chef eins über den Kopf. Die Episode, die von Bezos-Biograf Brad Stone stammt, schadete der Karriere von Jassy allerdings nicht im Geringsten.

Einige Jahre später bekam Jassy ein Angebot. Bezos machte ihn zu seinem ersten offiziellen "Schatten": Ein Mitarbeiter begleitet den Chef auf Schritt und Tritt und nimmt an allen seinen Beratungen teil. Jassy verbrachte eineinhalb Jahre an Bezos' Seite – und war danach bereit für eine große Aufgabe.

Jassy wurde damit betraut, auf Basis von Amazons hauseigener IT-Infrastruktur einen Dienstleister für externe Kunden aufzubauen. Die Überlegung war, die Ressourcen, die nur in Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft voll ausgelastet sind, rund ums Jahr einzusetzen.

Die Idee war dennoch umstritten. Amazons Geldgeber im Verwaltungsrat befürchteten ein Millionengrab. Jassy war zudem kein Techniker, sondern Absolvent der Harvard Business School. Seine Vision, Speicher und Rechenleistung kostengünstig übers Netz bereitzustellen, ging jedoch auf. Die von ihm geführte Sparte Amazon Web Services liefert Cloud-Infrastruktur an unzählige Start-ups und große Unternehmen.  Für Amazon wurde AWS zu einer Geldmaschine: Die Sparte brachte zuletzt zwei Drittel des operativen Gewinns des Konzerns ein.

Jassy äußert sich häufiger politisch als sein Vorgänger

Jassy, der einst bekannte, sich zwölf Dosen Cola Light pro Tag reinzuschütten, ist seit 1997 mit der Modedesignerin Elana Caplan (52) verheiratet. Sie leben mit ihren zwei Kindern in Seattle.

Anders als sein Vorgänger hält er sich mit politischen Ansichten nicht zurück. So begrüßte er bei Twitter die Gleichstellung sexueller Minderheiten durch das Oberste Gericht der USA und forderte Konsequenzen für den Tod der schwarzen Amerikanerin Breonna Taylor bei einem Polizeieinsatz. Zuletzt wurde er in eine Klage der bei Unterstützern von Donald Trump beliebten Twitter-Alternative Parler hineingezogen, der Amazon nach Gewaltaufrufen rund um den Sturm auf das Kapitol den Stecker zog.

Kurz- bis mittelfristig wird sich aber auch nach dem Chefwechsel im dritten Quartal 2021 bei Amazon aller Voraussicht nach wenig ändern. Bezos wird seinem neuen CEO das Feld nicht ganz überlassen, er wird nun Executive Chair, also Aufsichtsratschef. Damit sitzt er Jassy weiterhin im Nacken. Man könnte fast sagen: Gar nicht so viel anders als früher. Auch als CEO hatte Bezos das tägliche Geschäft schon länger seiner Führungsmannschaft überlassen.

Jassy übernimmt ein Unternehmen, das in der Corona-Krise nochmals kräftig gewachsen ist: Im vierten Quartal 2020 – für Händler wegen des Weihnachtsgeschäfts das wichtigste Vierteljahr des Jahres – ist der Umsatz von Amazon um 44 Prozent auf 125,6 Milliarden Dollar gestiegen. Ein Rekord für das Unternehmen, auch weil die Kunden angesichts geschlossener Läden rund um den Globus deutlich mehr im Netz einkaufen.

Die Cloud-Sparte AWS, die Jassy bisher leitete, steuerte 12,7 Milliarden Dollar zu den Erlösen bei, etwas weniger als von Analysten erwartet. Der Konzerngewinn stieg auf 7,2 Milliarden Dollar von 3,3 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Für das laufende Quartal geht Amazon von geringeren Kosten in Zusammenhang mit der Corona-Krise aus – allerdings auch von einem deutlichen Umsatzminus zum Vorquartal.

wed/dpa-afx