Henning Zülch

Schnelles Aus für Super League ist trügerisch Die Fußballfans sind auch so die Verlierer

Henning Zülch
Eine Meinungsmache von Henning Zülch
Der Plan einiger europäischer Topklubs für eine Super League hielt keine 48 Stunden. Doch wer das als Sieg des Sports über den Kommerz feiert, irrt: Die Fans gelten als wirtschaftlich irrelevant - und die Uefa verfolgt im Kern dasselbe Kalkül.
"Der ultimative Betrug": Fans des FC Chelsea demonstrieren in London gegen die Super League

"Der ultimative Betrug": Fans des FC Chelsea demonstrieren in London gegen die Super League

Foto: NEIL HALL / EPA

In normalen Zeiten wäre es die Nachricht des Jahres gewesen: Der einstige Uefa-Pokal-Sieger FC Schalke 04 steigt nach 30 Jahren Erstklassigkeit in die zweite Liga ab. Stattdessen diskutierte die Fußballwelt über die Ankündigung zwölf europäischer Spitzenklubs aus England, Spanien und Italien, eine eigene Superliga zu gründen und damit der Champions League des Fußballverbands Uefa Konkurrenz zu machen. Was ist schon normal in diesen Zeiten?

Henning Zülch
Henning Zülch

ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Dabei hängen beide Ereignisse durchaus zusammen. Sie zeigen, woran der Profifußball krankt – auf Schalke, aber auch oder gerade in England, Spanien und Italien: Das System befindet sich in einer fatalen Schuldenspirale. Viele Teams haben sich finanziell übernommen. Bleiben in einer solchen Lage die Einnahmen aus, sei es infolge sportlichen Misserfolgs oder aufgrund einer Pandemie, droht der spielerische und wirtschaftliche Offenbarungseid – wie gerade in Gelsenkirchen zu besichtigen ist.

Von daher erscheint die Idee einer Super League, einer vermeintlich schönen neuen Welt der Fußballgiganten (oder derer, die sich dafür halten) auf den ersten Blick nur konsequent. Die garantierten Milliardeneinnahmen wären eine wirksame Medizin, um die finanziellen Leiden zumindest kurzfristig zu lindern. Florentino Perez, Präsident von Real Madrid, bezeichnete den Plan sogar als einzige Chance "den Fußball zu retten". Aber ist das wirklich so? Und wenn nicht: Wie könnte eine vernünftige Rettung aussehen?

Ein Schuldenschnitt getarnt als Sportveranstaltung

Die Idee einer europäischen Super League ist nach nur wenigen Tagen nach massivem öffentlichen und politischen Druck zusammengebrochen. Trotzdem lohnt es sich, die Details des Vorhabens, das eine neue Ära im europäischen Klubfußball einleiten sollte, näher zu betrachten. Das Konzept und die Motivation sind zwar nichts Neues, die Hintergrundinformationen allerdings sind erschütternd.

Die Gründungsmitglieder sollten bereits vor dem offiziellen Ligastart 3,5 Milliarden Euro erhalten, um die finanziellen Defizite der Pandemie zu überwinden und in ihre Infrastruktur zu investieren. Geldgeber sollte JP Morgan Chase sein, die mit einer Bilanzsumme von 2,6 Billionen Dollar größte Bank der USA und eines der größten börsennotierten Unternehmen weltweit. Interessant in diesem Zusammenhang: Seit 2003 unterstützt JP Morgan Manchester United und die Eigentümerfamilie Glazer. Zudem ist der stellvertretende Vorsitzende des Klubs Ed Woodward ein ehemaliger JP-Morgan-Banker. Gleichzeitig versucht die Bank, in der italienischen Liga Fuß zu fassen und steht im Zusammenhang mit der Übernahme der Klubs AC Florenz und AS Rom durch amerikanische Investoren. Ein lukratives Geschäft, dass offenbar ausgebaut werden soll.

Bemerkenswert ist, dass die für die Super League zur Verfügung gestellten 3,5 Milliarden Euro nahezu ausschließlich dazu genutzt werden sollten, die Nettoverschuldung der Klubs zu decken. Das ganze Konstrukt ist also nichts anderes als ein Schuldenschnitt für die teilnehmenden Teams – getarnt als sportlicher Wettbewerb. Ohne eine drastische Reduzierung der Schulden steht die Überlebensfähigkeit der involvierten Klubs infrage. Doch wenn dem so ist, stimmt offenbar etwas mit der wirtschaftlichen Basis nicht. Sinnvoller, als die Bilanzlöcher mit Geld zu stopfen, wäre es, notwendige Veränderungen am Geschäftsmodell einzuleiten.

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Die Fans gelten als wirtschaftlich irrelevant

Die Pandemie hat eindrucksvoll gezeigt, dass die derzeitige wirtschaftliche Grundlage des europäischen Profifußballs (beziehungsweise der ihn tragenden Klubs) nicht zukunftsfähig ist. Ausbleibende Zuschauereinnahmen einerseits und eine hohe Wettkampfdichte andererseits bringen die Teams wirtschaftlich wie sportlich an ihre Belastungsgrenzen. Trotz vielfältiger Willensbekundungen und fadenscheinigen Bemühungen (zum Beispiel Financial Fair Play) ist es der Branche bisher nicht gelungen, die Kosten –insbesondere die hohen Spielergehälter und die damit einhergehenden Transfer- und Vermittlungsgebühren – unter Kontrolle zu bringen. Dafür existiert weder der Wille noch ein institutionelles Korrektiv.

Parallel dazu hat eine Verschiebung in der Einnahmenstruktur stattgefunden. Der Anteil der Zuschauereinnahmen ging bereits vor Corona sukzessive zurück, während die Fernseh- und Werbeeinnahmen einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Es ist die Marke, die zählt und sich monetarisieren lässt. Fans und Zuschauer rücken dadurch in der wirtschaftlichen Betrachtung immer mehr in den Hintergrund; sie werden in dieser Rechnung vermeintlich irrelevant. Eine fatale Entwicklung.

Die Uefa verfolgt im Kern dasselbe Kalkül

Es besteht also bei einer großen Zahl internationaler Topklubs das Bedürfnis, die wirtschaftliche Basis zu stärken. Das macht die Gründung einer finanziell attraktiven Super League aus Vereinsperspektive nachvollziehbar. Aus der Markt- und Fanperspektive ist dieses Modell allerdings nicht vermittelbar, da es ein geschlossenes System vorsieht, das sich von jeder sportlichen Qualifikation entkoppelt. Entsprechend vehement fielen die Reaktionen aus – und sie verfehlen ihre Wirkung nicht.

Nach nicht einmal 48 Stunden gaben die englischen Klubs das Ziel Super League wieder auf, die italienischen folgten einen Tag später. Überdies verlässt Ed Woodward, neben Andrea Agnelli von Juventus Turin und Florentino Perez von Real Madrid einer der wesentlichen Treiber der Super League, Ende des Jahres Manchester United. Man könnte dies für ein Sieg von Uefa und Fifa über die abtrünnigen Klubs halten. Doch das wäre weit gefehlt.

Denn die Fußballverbände, die gerade noch die ab 2024 neu restrukturierte Champions League als Heilsbringer anpriesen, verfolgen im Kern dasselbe Kalkül. Auch hier dominieren eindeutig die ökonomischen Interessen und nicht die Liebe zum Spiel. Die Champions League geht in drei Jahren in eine – nun ja – Superliga aus 36 Teams über. Dies sind so viele Klubs wie in der gesamten ersten und zweiten Bundesliga zusammen. Das garantiert, dass die Geldmaschine läuft. Die Verlierer sind die Fans, die gerade in Deutschland den Markenwert der Vereine im Wesentlichen ausmachen. Die systemischen Probleme des Profifußballs werden an keiner Stelle angegangen. Spielergehälter, Transfersummen und Compliance- und Corporate-Governance-Verstöße werden weiterhin ignoriert.

Die Rettung des Fußballs

Die Idee einer Super League ist das Spiegelbild der allgemeinen Entfremdung des Fußballs von seiner Basis. Sie zeigt, dass die führenden europäischen Fußballklubs noch nicht erkannt haben, dass sie ihre strukturellen Probleme angehen müssen. Die DFL hat mit ihrer Taskforce einen ersten zarten (nationalen) Versuch unternommen, das System Bundesliga auf solide Füße zu stellen. Die Bedeutung und Einbindung strategischer Investoren in die Finanzierungsstrategie eines professionellen Fußballklubs und die Diversifizierung des Geschäftsmodells sind relevante Ansatzpunkte, um die Corona-Krise zu überwinden.

Zugleich müssen jedoch auf internationaler Ebene Spielergehälter und Transfersummen kontrolliert werden. Glaubwürdigkeit durch Taten sollte das künftige Handeln bestimmen. Eine Super League – egal, wer sie organisiert – ist nicht die Rettung. Eine Rückbesinnung auf den Purpose des Spiels könnte helfen. Fußball ist ein Teil des gesellschaftlichen Kitts, der gerade in Krisenzeiten so wichtig ist. Doch es ist fraglich, ob die Stimme der Fans gehört werden wird. Dabei sind sie die wesentlichen Konsumenten des Produkts. Und sie sind nicht dumm und haben die Macht, mit den Füßen abzustimmen.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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