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Stunde der Taktierer

Allianz: Die Assekuranzmanager erwecken den Eindruck, als wüssten sie nicht, was mit dem Großkundengeschäft der Dresdner Bank geschehen soll. In Wahrheit haben sie eine klare Vorliebe: Sie möchten die Sparte loswerden.
Von Arno Balzer und Georg Jakobs
aus manager magazin 9/2001

Es passiert äußerst selten, dass Henning Schulte-Noelle (59) sich aus der Ruhe bringen lässt. Und wenn, dann hat das, zumindest in letzter Zeit, meist mit der Dresdner Bank zu tun.

Als im vergangenen Jahr der Vorstand des Geldhauses die Fusion mit der Deutschen Bank abgesagt hatte, soll der Vorstandschef der Allianz richtig laut geworden sein - wenn auch nur in seinem Dienstfahrzeug.

Auch jetzt, da die Dresdner Bank vollends zum Reich des Münchener Versicherungsgiganten gehört, reagiert der kühle Westfale mitunter bajuwarisch gereizt, wenn mit seiner Neuerwerbung nicht alles glatt läuft.

So wie jüngst bei der Ankündigung, die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) werde nicht ausgegliedert, sondern mit dem klassischen Firmenkundengeschäft des Geldhauses verknüpft.

Dass ein Plan vorzeitig und missverständlich herausposaunt wird - so etwas kommt häufiger vor. Dass Schulte-Noelle und die übrigen Alt-Allianzler sich von den Zeitungen einen Zickzack-Kurs vorwerfen lassen mussten - auch das kann der CEO eines Großkonzerns wohl aushalten.

Sauer war der Allianz-Primus allerdings darüber, dass plötzlich auch noch ein brisantes Papier kursierte, gespeist ganz offensichtlich von Informanten aus dem eigenen Haus.

Bob Yates, Versicherungsanalyst der angesehenen britischen Investmentbank Fox-Pitt, Kelton (FPK), hatte sich in München schlau gemacht und war dabei zu Erkenntnissen gekommen, die den Allianz-Oberen gar nicht ins Konzept passten.

"Presseveröffentlichungen, wonach die Allianz DKW behalte, ist vom Allianz-Management gegenüber FPK widersprochen worden", hielt Yates in seinem Gesprächsprotokoll fest. Es sei nach wie vor Präferenz der Allianz, sich von diesen Aktivitäten zu trennen, und zwar mitsamt dem kompletten Firmenkundengeschäft der Dresdner.

In der Sitzung des Allianz-Holding-Vorstands am 30. Juli konnte Schulte-Noelle seinen Frust über die Investor-Relations-Panne nicht verbergen. Beim gemeinsamen Mittagessen - es gab eine leichte Tomatensuppe, anschließend Fisch - sagte er seinen Kollegen, es sei ausgesprochen unangenehm, dass hier jemand ohne Abstimmung und zum Schaden des Ganzen vorgeprescht sei.

Irritiert war vor allem Bernd Fahrholz (54), Vorstandssprecher der Dresdner Bank und seit der Übernahme zudem Schulte-Noelles Stellvertreter im Topgremium der Allianz. Er hatte seinen Mitarbeitern versprochen, das Institut habe endlich eine neue Heimat gefunden. Verkaufsgerüchte würden da nur wieder Unruhe schaffen.

Die lässt sich wohl nicht mehr lange vermeiden. Denn hinter der vermeintlichen

Kommunikations-

panne steckt weit mehr. Die offiziellen Verlautbarungen zur Zukunft von DKW kaschieren die wahren Absichten der Allianz. Auf Dauer, da sind sich die Münchener Strategen einig, ist für das Wholesale-Banking bei dem Versicherer kein Platz.

Steht also der Kern der alten Dresdner Bank demnächst zum Verkauf?

Noch bei Ankündigung der Übernahme Anfang April sah die Zukunftsplanung ganz anders aus. DKW, so hatten Schulte-Noelle und Fahrholz vereinbart, werde zwar verselbstständigt, mit Eigenkapital versorgt und mittelfristig an die Börse gebracht. Die Einheit solle aber mehrheitlich im Konzern bleiben.

Für sich allein wäre die Investmentbank aber wohl nicht börsenfähig gewesen - jedenfalls nicht ohne Milliardeninvestitionen. Zu solchen Aufwendungen allerdings war die Allianz nicht bereit.

Offenbar war den Münchenern anfangs auch unklar, wie eng Firmenkundengeschäft und Investmentbanking verzahnt sind. Nur durch eine Zusammenführung mit der Firmenkundensparte, dämmerte den Assekuranzmanagern, könne es für DKW eine glaubwürdige Bösenstory geben.

Mehr als zwei Monate dauerten die Verhandlungen zwischen Allianz-Beteiligungsvorstand Paul Achleitner (45) und Leonhard Fischer (38), dem obersten Investmentbanker der Dresdner, über die Zukunft des Großkundengeschäfts der Bank. Zwischendurch hatten sich immer wieder Schulte-Noelle und Fahrholz eingeschaltet. Ende Juli stand fest: Kapitalmarkt- und Firmenkundengeschäft werden im neuen Bereich Corporates & Markets gebündelt.

Die neue Sammelsparte stellt das Herzstück der Bank dar: Sie beschäftigt auf Basis der addierten Werte für das vergangene Jahr gut ein Drittel der Mitarbeiter, beansprucht aber knapp 60 Prozent des Kapitals und verdiente mehr als drei Viertel des 2000er Vorsteuergewinns.

Die Umstrukturierung eröffnet der Allianz reizvolle Möglichkeiten, die Neuerwerbung Dresdner Bank optimal zu verwerten.

Offiziell ist davon allerdings noch keine Rede. Vor allem Fahrholz will unbedingt vermeiden, dass die Mitarbeiter seiner Bank schon wieder verunsichert werden. Schulte-Noelle spielte mit, des lieben Friedens willen. Dabei hätten er und Achleitner gern kommuniziert, dass sie sich für die neue Firmensparte der Dresdner alle Optionen offen halten wollen.

Die ganze Wahrheit aber wäre auch das nicht gewesen. Die Allianz-Strategen haben bereits eine klare Präferenz: Sie wollen Corporates & Markets auf mittlere Sicht wieder loswerden. Die Integration ist nur eine Zwischenlösung.

Allenfalls für eine Übergangszeit, bis der Markt für die betriebliche Altersvorsorge verteilt ist, ist der Zugang zu den Firmenkunden der Dresdner für die Allianz nützlich. Später braucht sie diesen Teil der Bank nicht mehr.

Die Planer in München haben sich auch schon eine Ausstiegsmöglichkeit überlegt: Vorstand Fischer soll die neu formierte Sparte zunächst auf Vordermann bringen. Das Geldhaus soll sich von Randaktivitäten trennen, etwa dem Hypothekengeschäft, dem Transaction Banking oder der Dresdner Bank Lateinamerika. Anschließend könnte das Privatkundengeschäft, an dem die Allianz vor allem interessiert ist, ausgegliedert und in den Mutterkonzern integriert werden.

Übrig bliebe eine Restbank, die aus dem Kern der heutigen Dresdner bestünde, dem Kapitalmarkt- und Firmengeschäft. Für diese auf Europa spezialisierte Großkundenbank, so das Kalkül der Allianz, könnte sich in drei bis vier Jahren ja ein Käufer finden lassen.

Überlegt wird aber auch, eine runderneuerte und abgespeckte Bank an der Börse zu platzieren.

Nach den Wirren der vergangenen Jahre eigentlich keine schlechte Perspektive für die Dresdner.

Arno Balzer/Georg Jakobs

*Beim Start eines Tandemrennens aus Anlass eines Mitarbeiterfestes.

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Was die Allianz mit der Dresdner Bank vorhat

Bündelung von Firmenkundengeschäft und Investmentbanking

À Abgabe von Randaktivitäten, etwa Hypothekengeschäft

à Ausgliederung des Privatkundengeschäfts und Integration in den Allianz-Konzern

Õ Börsengang oder Verkauf der auf Firmenkunden- und Kapitalmarktgeschäft fokussierten "neuen Dresdner Bank"

*Beim Start eines Tandemrennens aus Anlass einesMitarbeiterfestes.

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