Studie zu Dax-Unternehmen Der Digitalisierungsschub lässt wieder nach

Der von der Corona-Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub in deutschen Unternehmen lässt bereits wieder nach. Eine Analyse der Geschäftsberichte der 40 Dax-Unternehmen zeigt: Der digitale Wandel ist nicht in die DNA der Konzerne übergegangen.
Biotechfirma Qiagen: Einer von nur 5 Dax-Konzernen, die einen eigenständigen Chief Digital Officer (CDO) haben

Biotechfirma Qiagen: Einer von nur 5 Dax-Konzernen, die einen eigenständigen Chief Digital Officer (CDO) haben

Foto: Sascha Schuermann / Getty Images

Der Ausbruch der Corona-Pandemie war wie ein Weckruf für Deutschlands Unternehmen. Klar, dass die Digitalisierung eine radikale Transformation nahezu aller Prozesse mit sich bringt und eine Überprüfung sämtlicher Geschäftsmodelle erfordert, wussten sie auch schon vorher – theoretisch. Doch plötzlich mussten in kürzester Zeit Wertschöpfungsketten digitalisiert werden, um die durch Lockdowns unterbrochenen Lieferbeziehungen wieder zum Laufen zu bringen, analoge Kundenkontakte wurden digital, ganze Firmen aus dem Homeoffice gesteuert. Dieser erzwungene Digitalisierungsschub spiegelte sich deutlich in den Geschäftsberichten der Dax-Konzerne für das Jahr 2020 wider, wie die Analyse Dax Digital Monitor  ergab, der von der Universität Duisburg-Essen und der FOM Hochschule in Kooperation mit KPMG erstellt wird.

Dessen Neuauflage für das Berichtsjahr 2021 sollte klären, ob die digitale Transformation mittlerweile von den Entscheidern als strategische und strukturelle Aufgabe verstanden wird, die fest in der Unternehmensorganisationen verankert ist. Oder ob die digitale Umtriebigkeit in der ersten Pandemiephase doch nur eine aus der Not geborene Pflichtübung war. Die Ergebnisse deuten – leider – auf Letzteres hin.

Umfangreiche Erkenntnis, unzureichende Umsetzung

Zwar berichten die 40 im Dax gelisteten Unternehmen immer häufiger und umfangreicher über ihre Digitalisierungsmaßnahmen, wie die Auswertung der Geschäftsberichte des Jahres 2021 inklusive der nichtfinanziellen Berichterstattung ergab. Allerdings bestehen bei vielen weiterhin erhebliche Defizite bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien und der Verankerung einer zugehörigen Verantwortung sowie Know-how im Unternehmen.

Häufig wird über die digitale Transformation im Zusammenhang mit Kostensenkungen, Kundenbeziehungen, der Qualifikation von Mitarbeitenden, Wachstum und Zukunftstechnologien berichtet. Auch Kennzahlen werden aufgeführt, die jedoch höchst unterschiedlich erhoben und berechnet werden, was unternehmensübergreifende Vergleiche erschwert. Einen Digitalvorstand (Chief Digital Officer), der gleichberechtigt neben den anderen Vorstandsmitgliedern steht, haben die wenigsten.

Nur fünf Dax-Konzerne mit Digitalressort

Zwar sind in drei von vier Dax-Unternehmen (72 Prozent) Verantwortung und Kompetenz für die digitale Transformation auf Vorstandsebene verankert. Wo dies der Fall ist, geht diese Institutionalisierung aber in der Regel mit einer zugeordneten Verknüpfung mit anderen Funktionsaufgaben einher: Oft liegt die Zuständigkeit beim Vorstandschef (Chief Executive Officer) oder beim Technikvorstand (Chief Technology Officer) – zusätzlich zu deren sonstigen Aufgaben. Einen Digitalchef im Sinne eines "Chief Digital Officer" (teilweise auch anders bezeichnet), der Digitalisierungsverantwortung und -kompetenz auf Vorstandsebene mit einem eigenen (auch diesbezüglichen) Ressort verkörpert, ist nur bei fünf Unternehmen anzutreffen – bei Eon, HeidelbergCement, Infineon, Qiagen und Vonovia.

Nachholbedarf auch im Aufsichtsrat

Beim Blick auf die Kontrollgremien zeigt sich beim Thema Digitalisierungskompetenz ebenfalls noch Luft nach oben. Zwar sind auf der Arbeitgeberseite der Aufsichtsräte nominell bei 80 Prozent der Unternehmen entsprechende Kenntnisse vorhanden – wobei bei genauerem Hinsehen die tatsächliche Digitalkompetenz der Akteure zumindest diskussionswürdig wäre. Auf Arbeitnehmerseite konnte in den Aufsichtsgremien lediglich bei 25 Prozent der Unternehmen eine Digitalkompetenz bei den Mitgliedern beobachtet werden, was einen nach wie vor großen Nachholbedarf bei diesem Thema unterstreicht.

Corporate Digital Responsibility – what?

Wer kontrolliert eigentlich die digitalen Unternehmensprozesse? Wie und wo werden die Daten gespeichert, ausgewertet und geschützt? Bezüglich einer solchen Corporate Digital Responsibility wird keiner der Dax-Konzerne in seinem Geschäftsbericht konkret. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die Unternehmen in Zukunft immer stärker gefordert sein dürften, über ihren Umgang mit Kunden- und Lieferantendaten im Zusammenhang mit ihren Geschäftsmodellen und -prozessen Rechenschaft abzulegen.

Digital Leadership zahlt sich nicht aus

Bei 18 der 40 Dax-Unternehmen spielt die Digitalisierung explizit eine Rolle als Vergütungskomponente auf Vorstandsebene, bei 22 ist davon keine Rede. Entsprechend fehlen in mehr als der Hälfte der wichtigsten börsennotierten Unternehmen des Landes den handelnden Führungskräften konkrete Anreize für die Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie.

Dabei sind sie es, die es in der Hand haben, die digitale Prozess-, Produkt- und Plattformentwicklung wie auch die gesamte Organisation und die übergeordnete Unternehmensstrategie auf die digitalen Herausforderungen einzustellen. Die Impulse zur Bewältigung der digitalen Transformation müssen von der Spitze des Unternehmens ausgehen, damit sich das in den vergangenen zwei Jahren unter Hochdruck angeschlagene Digitalisierungstempo künftig beibehalten lässt. Gelingt dies mit einem Dreiklang aus Wollen, Können und Machen, so lässt sich dies als Digital Leadership bezeichnen.

Zwar steht die Dax-40-Gruppe in dieser Hinsicht 2021 besser da als noch im Jahr zuvor, doch ließe sich deutlich mehr erreichen, insbesondere durch die Verankerung der Digitalisierungsverantwortung in einer konkreten Person. Ansonsten droht der in der Anfangsphase der Pandemie generierte Digitalisierungsschub verlorenzugehen. Wer meint, die Dinge könnten sich wieder zu den "guten alten" analogen Gepflogenheiten aus der Vor-Pandemie-Zeit entwickeln, sollte sich bewusst machen, wie tiefgreifend sich die Gewohnheiten und Erwartungshaltungen auf Kunden- und Lieferantenseite, aber auch an den Märkten geändert haben – und wie unwahrscheinlich es ist, dass sie sich zurückdrehen lassen. Der Druck zur digitalen Transformation wird bleiben. Unternehmen tun gut daran, sich proaktiv darauf einzustellen, wenn sie sich nicht ein weiteres Mal zwingen lassen wollen.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Digital Business und Digital Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Kollmann ist Mitglied der MeinungsMacher  von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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