Mark Binz

Familienunternehmen Wie Familienunternehmen 2023 wettbewerbsfähig bleiben

Mark Binz
Von Mark Binz
Streitkultur verbessern, Betriebsvermögen rechtzeitig übertragen, Gesellschafterkreis bereinigen: Fachanwalt Mark Binz gibt Unternehmern Tipps, wie sie sich für 2023 bestmöglich aufstellen.
Handschlag: Clemens Tönnies (rechts) und sein Neffe Robert (links) nehmen den Begriff Streitkultur sehr ernst

Handschlag: Clemens Tönnies (rechts) und sein Neffe Robert (links) nehmen den Begriff Streitkultur sehr ernst

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

Die meisten Familienunternehmen haben die zahlreichen Krisen im auslaufenden Jahr bislang erstaunlich gut gemeistert. Dennoch steht dem deutschen Mittelstand ein wirtschaftlich hartes Jahr bevor. Es ist deshalb jetzt der richtige Zeitpunkt, um auf steuerlichem und gesellschaftsrechtlichem Gebiet sowie in wichtigen Fragen der Unternehmensführung zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. Gerade die Denkpause "zwischen den Jahren" ist dazu geeignet, um sich über die strukturelle Aufstellung der Familienfirma Gedanken zu machen.

Steuerliche Aspekte und vorweggenommene Erbfolge

Es mehren sich die Anzeichen, dass die Steuerschraube im kommenden Jahr angezogen wird. Ein Vorbote ist der beschlossene Anstieg der Erbschafts- und Schenkungsteuer für Immobilien. Die Sorge vieler Unternehmer ist, dass sich der politische Reflex von Teilen der Ampel-Koalition, die hohen Kosten der diversen Rettungspakete auf die "Reichen", also insbesondere Familienunternehmen, abzuladen, in Form höherer Steuern niederschlagen wird. Im Mittelpunkt dürfte dabei die derzeitige Privilegierung von Betriebsvermögen stehen. Wer bestimmte Sperrfristen einhält, kann bislang mehr oder weniger zum Null-Tarif verschenken oder vererben.

Diese großzügige Regelung hat dazu geführt, dass das Erbschaftssteuer-Aufkommen nur wenige Prozent aller Erbschaften von jährlich rund 400 Milliarden Euro beträgt. Die Festlegung könnte bald gekippt werden, zumal das sozialpolitische Feigenblatt einer gleichbleibenden Lohnsumme über mehrere Jahre infolge der hohen Inflation an Überzeugungskraft verliert. Der einzige Ausweg für den Mittelstand: Eine vorgezogene Übertragung von Betriebsvermögen auf die nächste Generation, bevor eine Reform der Erbschaftsteuer in Kraft tritt.

Streitkultur weiter verbessern

Zur Wahrheit über die steuerliche Belastung gehört aber auch: Ich erinnere mich in meiner jahrzehntelangen beruflichen Praxis an keinen einzigen Fall, bei dem ein Familienunternehmen an der Erbschaftssteuer zugrunde gegangen wäre. An jahrelangem Familienstreit indes schon. Dabei hat sich die Streitkultur durchaus verbessert. Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass viele Familienunternehmen inzwischen ein Kontrollgremium in Form eines Bei-, Aufsichts- oder Verwaltungsrats eingerichtet und mit aktienrechtlichen Befugnissen ausgestattet haben. Den familienfremden Mitgliedern kommt damit im Konfliktfall zwischen Familien-Stämmen oder den Generationen die Rolle eines Schlichters und Vermittlers zu.

Eigentümerfamilien haben zudem die Vorteile von Schiedsgerichten erkannt, mit denen sie Zeit und Geld sparen. Jedes Schiedsgericht ist darauf aus, eine unternehmerische Lösung zu finden, während man vor einem staatlichen Gericht den Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen gnadenlos zu spüren bekommt. Eine oft zermürbende Prozessdauer benachteiligt zudem die wirtschaftlich schwächere Partei.

Ziel sollte es daher sein, rechtzeitig gesellschaftsrechtliche Vorkehrungen für den Konfliktfall zu treffen, solange man gut miteinander kann. Haben sich die Gesellschafter nämlich erst einmal zerstritten, finden sie in aller Regel keinen Minimalkonsens mehr über das Prozedere einer fairen Trennung. Exit-Klauseln zwecks interner Auktionsverfahren besitzen befriedende Funktion und sollten unbedingt Bestandteil jedes Gesellschaftervertrages sein.

Wirtschaftlich schwere Zeiten bergen immer die Gefahr von Schuldzuweisungen und erhöhen damit das Konfliktrisiko im Gesellschafterkreis. Deshalb sollte gerade jetzt vorgesorgt werden!

Gesellschafterkreis bereinigen

Krisen bieten die Gelegenheit für überfällige Veränderungen im Gesellschafterkreis. Erwartbare Umsatz- und Ergebniseinbrüche, anstehende Restrukturierungen und der mögliche Ausfall von Dividenden bewegen erfahrungsgemäß die nicht operativ tätigen Gesellschafter, über einen Ausstieg nachzudenken. Warum ein unternehmerisches Risiko im Privatvermögen tragen, wenn derzeit noch ein guter Preis zu erzielen wäre? Warum nicht kurzfristig sein Scherflein ins Trockene bringen?

Für die aktiven Gesellschafter als potenzielle Käufer interner Firmenanteile könnte 2023 also auch ein attraktives Zeitfenster sein, um sich lästiger Mit-Eigentümer zu entledigen. Bei der Preisbildung sitzen sie aufgrund ihres Informationsvorsprungs im Driver Seat. Die Unternehmensbewertung geht vom Zukunftsertrag und damit von der Unternehmensplanung aus, die von den geschäftsführenden Gesellschaftern aufgestellt wird. Die Informations-Asymmetrie sollte aber nicht überreizt werden, sonst scheitert ein möglicherweise sinnvoller Deal an Mitgesellschafter, die sich übervorteilt fühlen.

Moderne Corporate Governance wagen

Im kommenden Jahr sollte auch die Gestaltung einer modernen, weit in die Zukunft gerichteten Unternehmensführung auf dem To-do-Plan von Familienunternehmen stehen. Das überkommene Modell, ein oder zwei starke Familienmitglieder führen das Unternehmen an der operativen Spitze, funktioniert immer seltener. Viele Unternehmer-Kinder wollen, auch wegen einer komfortableren Work-Life-Balance nicht mehr in die CEO-Position, sondern das Familienunternehmen aus dem Aufsichtsrat heraus steuern. Ein neues Corporate Governance Verständnis macht sich deshalb breit: Das Kontrollgremium wird zum Kraft- und Machtzentrum. Familienunternehmen besitzen hier einen großen Gestaltungsspielraum und sind etwa als SE nicht wie börsennotierte Aktiengesellschaften an das deutsche Zwei-Kammer-System gebunden. Das wertet insbesondere den Vorsitzenden des Kontrollgremiums auf, der eine hybride Stellung einnimmt.

Gute Unternehmensführung aus dem Kontrollgremium heraus beinhaltet, sich dort über die langfristige Positionierung des Unternehmens im Klaren zu werden und eine tragfähige Vision zu entwickeln. Dabei geht es auch darum, die Interessen der einzelnen Gesellschafter auszutarieren und die Next-Generation an die Firma heranzuführen. Gleichzeitig müssen Antworten gefunden werden auf die drängenden Fragen der Digitalisierung, dem Wertewandel, dem Klimaschutz, der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells, dem Selbstverständnis ("Purpose") und der Vielfalt unserer Gesellschaft. All dies gelingt nur, wenn neben qualifizierten Gesellschaftern auch externe, wirtschaftlich unabhängige, dynamische und unternehmerisch denkende Mitglieder für das oberste Entscheidungsgremium gefunden werden.

Es gibt also eine ganze Reihe wichtiger Themen, bei denen Familienunternehmen Weichen stellen können, um besser durch das anstehende Jahr zu kommen, vor allem aber interne Strukturen zu schaffen, um beim nächsten Aufschwung ganz vorne mit dabei zu sein.

Mark K. Binz ist Seniorpartner der gleichnamigen, auf die Beratung von Familienunternehmen spezialisierten Anwaltskanzlei Binz & Partner und schreibt als MeinungsMacher für manager-magazin.de - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion wieder.

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