Zur Ausgabe
Artikel 8 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Sprachlos in Berlin

Verbände: Das Verhältnis zwischen Kanzler Schröder und BDI-Chef Rogowski gilt als zerrüttet. Warum hält die Wirtschaft an dem wenig überzeugenden Schwaben fest?
aus manager magazin 1/2003

Das Treffen der Kontrahenten fand auf neutralem Boden statt. Im Berliner Nobelhotel "Adlon" feierte der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft Anfang Dezember sein 50-jähriges Bestehen. Bei dieser Gelegenheit gaben sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (58) und BDI-Präsident Michael Rogowski (63) erstmals seit der Bundestagswahl wieder die Hand; beide lächelten in die Kamera, ein bisschen gequält.

Die Beziehung zwischen den Herren ist spannungsgeladen. Der Westfale Schröder und der Schwabe Rogowski mögen einander nicht. Rogowski fühlt sich von Schröder missbraucht, weil der nach der sommerlichen Flutkatastrophe den Eindruck erweckt hatte, der Vorschlag zur Verschiebung der zweiten Stufe der Steuerreform sei von Rogowski gekommen. Schröder wiederum nimmt Rogowski übel, dass der vor der Wahl, völlig undiplomatisch, für eine schwarz-gelbe Koalition geworben hatte.

Während Schröder nach der Wahl bereits in zahlreichen Runden mit Gewerkschaftsbossen kungelte, meidet der Kanzler vorerst bewusst den Dialog mit der Industrie.

Rogowski und BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg (61) wurden Ende November lediglich zum Ministerduo Wolfgang Clement (62) und Hans Eichel (61) vorgelassen. Es handelte sich um einen Antrittsbesuch, der auch den drei anderen Spitzenverbänden (BDA, DIHK und Handwerk) zugestanden wurde.

Es ist schon fatal: Ausgerechnet in solch extrem schwierigen Zeiten wie jetzt, in denen Dialog gefragt wäre, leistet sich die Industrie den Luxus der Sprachlosigkeit gegenüber dem Mächtigsten der Republik. Gleichzeitig beklagen die Unternehmensführer den zunehmenden Einfluss der Gewerkschaften im Kanzleramt.

In Regierungskreisen gilt Rogowski als angeschlagen: "Der hat kein Standing mehr", sagt ein Eichel-Berater. Dem BDI-Präsidenten werden mehrere verbale Ausfälle gegen den Kanzler und die Regierung angelastet (siehe Kasten rechts).

Zum Problem mit dem Kanzler kommt das Problem mit dem Image - Rogowski gilt als blass, zudem ist er nicht immer in der Hauptstadt präsent.

Seinen Lebensmittelpunkt sieht er nach wie vor in Heidenheim. In dem schwäbischen Provinzstädtchen hat er Familie und Freunde, dort steht er dem Aufsichtsrat des Maschinenbauers Voith vor, dem er früher als Vorstandschef diente.

Heidenheim auf der Ostalb liegt weit entfernt von Flughäfen und Fernsehstudios. Stuttgart ist bei guter Verkehrslage frühestens nach einer Stunde über Bundesstraßen erreichbar, nach Frankfurt dauert die Fahrt mindestens zwei Stunden. An- und Abreise nach und von Berlin kos-ten den Verbandschef fast immer einen halben Tag.

Wenn Rogowski im Fernsehen auftritt, gibt er meist eine schwache Figur ab. Monoton hämmert er gestanzte Formulierungen in die Mikrofone. Obwohl er in kleiner Runde durchaus charmant und unterhaltsam sein kann, redet er vor Publikum hölzern, stockend und ohne jeden Esprit.

Während Rogowski in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, strahlt der Stern des Hans-Olaf Henkel (62) umso heller. Der war Rogowskis Vorgänger und ist heute Vizepräsident. Der Hanseat, der mitten in Berlin wohnt, parliert munter und pointiert, provoziert gern und ist deshalb in den Medien präsenter - ob in TV-Talkshows wie bei Sabine Christiansen, ob in "Bild" oder "Capital". Der durchschnittliche Medienkonsument muss den Eindruck haben, dass es an der Spitze des BDI nie einen Wechsel von Henkel zu Rogowski gegeben hat.

Und das, obwohl Rogowski schon in seine zweite Amtsperiode geht. Ende November wurde er von der BDI-Mitgliederversammlung für zwei weitere Jahre als Präsident bestätigt. Übrigens einstimmig, denn es gab keine ernsthafte Alternative. Und die Wahl sollte auch eine Solidaritätsaktion für den vom Kanzler geächteten Rogowski darstellen.

"Ich habe Rogowski ermuntert, wieder zu kandidieren", sagt Heinrich von Pierer (61), Chef von Siemens und BDI-Präsidiumsmitglied. Gleichzeitig kritisiert von Pierer, dass der Dialog zwischen Regierung und Verbänden derzeit "nicht so stattfindet, wie ich mir das wünschen würde".

Einerseits Treue zu Rogowski, andererseits Kritik an der Dialogunfähigkeit des BDI - wie passt das zusammen?

Gar nicht. Die Unternehmer wollen nicht wahrhaben: Mit Rogowski hat der BDI, aber auch die deutsche Wirtschaft insgesamt, ein Sprachproblem. Auch wenn der Kanzler dem BDI-Chef im "Adlon" Gesprächsbereitschaft signalisierte ("Wir müssen bald mal reden"), bleiben die Fronten verhärtet. Wer den Kanzler kennt, der weiß: Schröder trägt nach. Rogowski wird es also schwer haben - und mit ihm der BDI.

Deshalb den Präsidenten abzulösen erwägt offiziell niemand. Trotzdem war die Aufregung groß, als am Nikolaustag in der Londoner "Financial Times" plötzlich ein Artikel auftauchte, in dem der Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer (65) als neuer Sprecher der deutschen Wirtschaft ins Gespräch gebracht wurde.

Ein gezielter Schlag gegen Rogowski? Breuer jedenfalls dementiert gegenüber manager magazin irgendwelche Ambitionen: "Ich weiß gar nicht, wie ich zu dieser Ehre komme."

Kanzler Schröder versucht, seinen Ärger mit Rogowski auf pragmatische Art zu lösen. Am neuen "Bündnis für Arbeit", das nach den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen im Februar etabliert wird, sollen neben den Verbandsoberen Manager und Unternehmer teilnehmen. Das jedenfalls wünschen sich Schröder, Wirtschaftsminister Clement und auch die Gewerkschaften. Mit Schrempp & Co. versteht sich der Kanzler nämlich wesentlich besser als mit Rogowski. Wolfgang Hirn

-------------------------------------------------------------------

Misstöne

Wortgefechte zwischen Schröder und Rogowski

Januar 2002: In der letzten Sitzung des Bündnisses für Arbeit kam es zu einem heftigen Streitgespräch zwischen Schröder und Rogowski. Der BDI-Präsident forderte den Kanzler zu einer Intervention in der laufenden Tarifrunde auf. Schröder - Verfechter der Tarifautonomie - schnitt Rogowski das Wort ab. Der erwiderte: "Ich lasse mich von Ihnen nicht abbürsten." Schröder: "Doch."

Juni 2002: Auf der Jahrestagung des BDI in Berlin bezweifelt Rogowski, dass Rot-Grün die Wahl gewinnt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Koalition es noch einmal schaffen kann." Demonstrativ lobt Rogowski die Wahlprogramme von Union und FDP.

Zur Ausgabe
Artikel 8 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel